Essay über die Geburt Katastrophe Kinderkriegen

Von wegen Glück und Gleichberechtigung: Ein Baby lässt mitunter das akademische Weltbild implodieren. Antonia Baum beschreibt in "Stillleben", wie es ist, wenn sich mit Kind gar nichts mehr richtig anfühlt.
Antonia Baum

Antonia Baum

Foto: Andreas Hornoff/ Piper

Deutschland und das Mütterthema - Status: it's complicated. Dabei könnte es so einfach sein: Akademikerin, Anfang 30, in fester Beziehung, bekommt ein Kind und steigt nach sechs Monaten Elternzeit wieder in den Beruf ein. That's it, würde Antonia Baum vielleicht noch anfügen, denn sie liebt diese englischen Einwürfe, die beweisen, dass man sich überall auf der Welt zu Hause fühlen könnte. Aber Kinderkriegen ist eben nicht die natürlichste Sache der Welt, so wie es immer wieder behauptet wird, zumindest nicht in Deutschland. Antonia Baum hat das Kinderkriegen komplett aus der Bahn geworfen. Ihre persönliche Analyse der Gegenwart hat sie "Stillleben" genannt.

Dass es stellenweise wie eine Beichte klingt, aufzuschreiben, mit welcher Wucht eine Schwangerschaft die eigene Welt zerlegen kann, ist dabei schon Teil der vielen Probleme, die die Autorin umreißt. Antonia Baum ist dabei sehr hart mit sich selbst, zeigt sich gleichzeitig von ihrer verletzlichsten Seite und trifft in vielen Punkten äußerst schmerzhaft ins Schwarze. Es wird klar, warum junge Mütter, besonders die hoch individualisierten Frauen aus akademischen Milieus, ihr Life mit Baby so wahnsinnig hart finden.

Denn in dem Lebensabschnitt, der laut Rollenklischees und gesellschaftlichen Projektionen doch der glücklichste sein sollte, bricht alles zusammen, was sich die urbane Medienfrau an Anerkennung, Gleichberechtigung, Unabhängigkeit und maximaler Selbstverwirklichung aufgebaut hat. Plötzlich verzweifelt Baum daran, dass "Natur und Sozialisierung einen krassen Unfall haben", dass ihr modernes Leben mit all seinen zivilisatorischen Errungenschaften "eine extrem fragile Fiktion war". Sie realisiert, wie sehr diese Welt in Sphären von "Mann" und "Frau" geteilt ist.

Wut, Vorwürfe, böse Blicke

Schon in der Schwangerschaft fühlt sie sich aus dem Rennen, "arbeitslos und behindert", wie in einem "ausweglosen Witz". Sie erlebt sich als fremdbestimmt, langsam, ängstlich, abhängig und bedeutungslos - hinauskatapultiert aus ihrem privilegierten Leben, in dem sie versucht hatte, ihr Geschlecht zu ignorieren.

Mit dem Säugling sieht sich Baum dann in der Welt der strengen Mütter-Befehle: Stell dich nicht so an! Opfere dich auf! Keine Schmerzmittel bei der Geburt! Jedes Baby muss gestillt werden! Diese Du-musst-immer-das-Beste-für-dein-Kind-tun-Imperative findet sie wahnsinnig kompliziert, weil sie nicht nur von Außen, sondern auch von ihrer eigenen Sorge um das Kind genährt werden.

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Baum, Antonia

Stillleben

Verlag: Piper
Seitenzahl: 224
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Noch ein Problem: die Partnerschaft. Sie wechselt zu Hause Windeln, der Freund geht arbeiten. Schon bald beneidet sie ihn. Zwei Menschen, die beide das Gleiche wollen, streiten um Ruhe und Selbstverwirklichung, doch nur einer kann sie haben. Plötzlich gibt es Wut, Vorwürfe, böse Blicke. "Wir saßen einander gegenüber und konkurrierten darum, wer das härtere Life hatte."

Weiteres Problem: Fehlende Anerkennung. Die Fürsorge für ein Kind wird in der Gesellschaft nicht als Arbeit betrachtet, denn sie ist weder messbar noch effizient. Mütter fühlten sich schnell wertlos, so Antonia Baum. Viele würden sich deshalb nur unter anderen Müttern verstanden fühlen, gemeinsam verachteten sie heimlich ihre Männer und kinderlose Frauen, um sich als Märtyrerinnen zu bestätigen.

Und Baum hat Recht - zumindest, was ihre spezielle Perspektive angeht (akademisch, urban, feministisch, medienaffin). Aber warum greifen immer wieder diese Mechanismen? Ist Erziehung schuld? Misogynie? Die Nazis? Die Globalisierung? Die Natur? Antonia Baum versucht, die private Katastrophe Kinderkriegen über die großen Diskurse unserer Zeit zu erklären, was ihr mal besser, mal schlechter gelingt, denn sie streift jedes Soundwort der Gegenwart nur kurz.

Hochpolitisch und total banal

Dazu gehört etwa das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen, natürlich. Und dass Frauen abgewertet werden, weil man ihnen entweder vorwirft, mit Kind in eine Komfortzone zu desertieren oder eine Rabenmutter zu sein oder kinderlos eine karrieregeile Zicke zu bleiben. Wie Frauen zu schlechtem Gewissen erzogen werden und dazu, den Mental Load der Familienorganisation zu übernehmen.

"Stillleben" streift Reichsbürger und Rassismus, Impfgegner und Back-to-Nature-Trend. Es geht um Feminismus und Kapitalismus und darum, warum es zwar für die eigene Paarbeziehung fantastisch ist, eine Putzfrau zu beschäftigen, für die weltweite Gleichberechtigung hingegen extrem schlecht. Doch es bleiben kurze Exkurse, bevor Baum wieder zur Betrachtung ihres persönlichen Post Baby Life zurückkehrt.

Im Privaten klingt "Stillleben" dann streckenweise banal. Vielleicht, weil es halt so ist mit einem Baby, unerträglich banal (und trotzdem wahnsinnig anstrengend). Baum stellt etwa fest, dass man für ein Baby jede Menge unsexy Dinge anschaffen muss, wie Autoschale, Kinderwagen und Fläschchenwärmer. Sie schildert ihre Verwunderung über die vielen alten und arbeitslosen Menschen in ihrer Stadt, die sie als Berufstätige nie bemerkt hat.

Und, welche Überraschung, es macht ihr keinen großen Spaß, in einer Krabbelgruppe Gulligulligulliramtamtam zu singen, bis es schmerzt, während die Kursteilnehmerinnen in der Beste-Mutter-Challenge konkurrieren. Trotzdem geht Antonia Baum zum Singkreis, weil sie auch als Mutter top performen will. So what.

Antonia Baum ist nicht die erste junge Mutter und nicht die erste Autorin, die diese Beobachtungen gemacht hat. Seit Jahren wird über die Zerfleischung der berufstätigen Mutter geschrieben. Baums extreme Offenheit aber ist es, die "Stillleben" lesenswert macht. Dass sie von dem schlechten Gewissen, dem Neid, der Wut und der Bitterkeit spricht, die Mütter neben der Liebe zu einem Kind empfinden können. Weil sie sich nach ihrem durchoptimierten Leben voller Erfolg und Anerkennung sehnen. Da passt ein Kind nach wie vor nicht ins Konzept, leider.

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