Ferien am Meer Und die Luft riecht nach Pinien

Gewinner machen nie Strandferien - und erliegen dann beim Halbmarathon einem Infarkt. Den Überlebenden sei gesagt: Urlaub am Meer versteht man nur, indem man Urlaub am Meer macht.

Liegen am Strand: "Diese Sehnsucht nach dem Meer"
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Liegen am Strand: "Diese Sehnsucht nach dem Meer"

Eine Kolumne von


Und jetzt ein wenig Kitsch. Geigen. Frieden. Tauben. Ein Innehalten im Klassenkampf. Eine Pause von Angriff, Verteidigung, Weltrettung, Scheitern. Denn. Es ist Sommer - mehr oder weniger.

Und wir sitzen und liegen an Baggerseen oder auf Balkonen, wir sitzen in Küchen und träumen vom Meer. Ach ja, das Meer, und was zieht einen da nur hin. Agile Enddreißiger sagen: Also ich mache nie Strandurlaub, ehe sie während eines Halbmarathons dann einem Infarkt erliegen. Den Überlebenden sei gesagt: Urlaub am Meer versteht man nur während eines Urlaubs am Meer. Vorher erscheint er unsinnig und klimaschädigend. Egoistisch in einer Zeit, in der die Seenotrettung Einsätze fährt. Widerwärtig in einer Zeit, in der wir alle die Welt retten müssen.

Der Kopf leer, alle Wünsche verschwunden

Aber es ist doch nur einmal Durchatmen, eine kleine Pause, ehe alles überschwemmt oder verdorrt oder braun ist. Und ja, ich rechne hoch, es sind Millionen, die sich in Flugzeugen und Offroadern ans Mittelmeer begeben, vollkommen dekadent. Was will man da? Herumliegen und schwitzen und arbeitende Menschen beim Leben betrachten, das sie nur durch Menschen finanzieren können, die wie Brühwürste in der Sonne liegen. Denke ich und stehe doch an einem zu hellen Ort, in dem es Pinien geben muss und Kioske mit Kaffee, und die Luft riecht nach Nadelbaum und Salz und Hitze.

WTF soll man am Meer, und warum bewegen sich alle so langsam hier, wie rückwärts, und warum verkaufen die Läden Aschenbecher und Trinkgefäße und alle die gleichen Gummitiere. Und sicher gebe ich kein Geld für eine Liege und ein Schirmchen aus, geht doch prima im Sand. Und das kann ja lustig werden, zwei Wochen, was für eine dumme Idee.

Das Hotel ist auch zu dunkel und das Bett zu weich. Aber am Himmel fahren Schiffe, und in der Nacht riecht der Raum nach Wasser. Und an der Decke Lichter von Mopeds und leise Stimmen von Paaren. Am zweiten Tag liege ich auf einer Liege Reihe 5. Und schon besser, so eine Liege und Schatten, und die Nachbarn haben drei Kinder, und die Frauen stehen stundenlang und reden, über Politik und Erfindungen, die sie gemacht haben, und mein Kopf leert sich und alle Wünsche verschwinden. Gedämpft wie durch Schnee schreien Kinder, quatschen Erwachsene, murmeln Kellner, klappern Bestecke und Bälle ploppen irgendwo zum Rhythmus der Wellen.

Illusion einer freundlichen Menschengemeinschaft

Diese Sehnsucht nach dem Meer, die viele haben, weil man dort sein kann, wozu man gebaut wurde: zu nichts. Außer sich in die Amöbenhaftigkeit zu begeben, in den Urzustand. Verschmelzen in der Hitze mit allen. Einen großen Fleischberg bildend, der lächelnd ins Wasser rollt und ausstirbt.

Keiner stört mich. Keine Ahnung, ob die reizenden älteren Herren, die bis zu den Knien im Wasser stehen, Salvini-Anhänger sind. Ob die Familie dort hinten noch lebende Schweine verzehrt. Ob der Herr, der an der Bar herumlungert, für oder gegen etwas ist, das mir normalerweise unglaublich wichtig erscheint. Nichts ist wichtig.

Das passiert am Meer. An dem die Dunkelheit kommt, und die Menschen sich Tücher umwickeln, sich verabschieden wie Freunde, gewiss, sich morgen wiederzusehen. Und dann später liege ich im Bett, die Haut brennt ein wenig, der Kopf rauscht. Ich weiß, die anderen neben mir in ihren Betten: zu müde, um irgendeinen Scheiß zu bauen oder noch schnell ein wenig Hass ins Netz zu stellen.

Der Sommer am Meer ist die Illusion einer freundlichen Menschengemeinschaft, und am nächsten Tag werde ich wieder eine von Millionen sein, die das Glück haben, einen Urlaub zu haben. Ein Meer zu haben, ein Hotel zu haben, gute Laune und keinen Hunger zu haben, nichts zu haben, außer der Frage.

Und dann bin ich eingeschlafen.



insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
ratingia1275 06.07.2019
1.
Schön geschrieben..Fahre Freitag mit der Familie...im Wohnwagen nach Spanien...Ruhe,Frieden,Entspannung...Viersamkeit...das was zählt...keine Arbeit, Stress, Krieg und Sorgen...drei Wochen die die restlichen 49 Wochen Systemmühle erträglich machen...
jbexists 06.07.2019
2. Es sind Ferien!
Und das Meer ist unbezähmbare Anarchie. Ganz gut, das auch mal ab und zu vor Augen geführt zu bekommen. Ansonsten: kommt mir irgendwie bekannt vor.;)
spoon-leser 06.07.2019
3. Schön wars...
Tolle Kolumne, kommen auch eben aus Kroatien, die Insel Cres, getreu dem Motto der dort lebenden Menschen, "No stress on Cres". Wohnwagen direkt am Meer, rauschen der Wellen und dieser Pinienduft. Mehr braucht es nicht...
catcargerry 06.07.2019
4. Berg
einmal menschlich. Geht aber nicht ohne einen Seitenhieb auf die, die sonst als - vielleicht nicht unmenschlich, aber - moralische und ethische Versager - nach den Maßstäben der Berg eigenen Unfehlbarkeit - dargestellt werden. Man kann die beschriebenen Freuden aber auch ohne Flugzeug, nur mit einem verbrauchsarmen Auto oder Bahn oder Fahrrad erreichen - an Deutschlands Küsten oder links und rechts davon. Mache ich seit Jahren und lass mich dort überwiegend vom Wind bewegen - auch ökologisch. Die Schweiz hat auch viel Wasser und Strand. Bei Halbmarathon, geschweige denn Marathon, lässt die Realität das Bergsche Klischee auch scheitern, es passt allenfalls in die Asphaltmenschenblase, in der Berg lebt.
ghp2 06.07.2019
5.
Geht aber auch "besser", nicht unbedingt am Mittelmeer. Zugegeben mit viel Glück, 150 Meter Stand für einen ganz alleine, ein wunderschöner Baum über einem in dem tausende Bienen Nahrung suchen und immer eine gute Briese. Und das Meer macht eh' was es will, mehrere Meter hohe Brecher bei ne'm kurzem Sturm sind gigantisch schön und der Junge aus England mit seinen 3 Verehrerinnen überkommen am Flughafen die Tränen. Da sagst Du einmal, in dem Gin Tonic ist aber kein Gin und dann ist da kein Tonic mehr drin.
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