Arno Frank

Reaktionen auf Straßburg Nur der Terror ist total

Wer behauptet, der Franzose Chérif Chekatt habe "unseren Lebensstil" angegriffen, gesteht dem Kriminellen zu große Bedeutung zu - und befördert damit auch mediale Empörung und Rassismus.
Polizisten in Straßburg

Polizisten in Straßburg

Foto: PATRICK HERTZOG/ AFP

Wer auch immer bei der sonst so bekenntniswütigen Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) fürs Reklamieren angeblicher Anschläge anderswo zuständig ist, der war nicht recht auf dem Posten. Ungewöhnlich lange dauerte es, bis der IS den Attentäter von Straßburg offiziell als einen ihrer "Soldaten" bezeichnete. Vielleicht hat die Miliz derzeit andere Sorgen. Vielleicht hat aber selbst die Terrororganisation es allmählich satt, dass jeder Kriminelle seinen Taten auf den letzten Drücker mit "Allahu akbar!" einen kulturkämpferischen Sinn verleihen will.

Nach allem, was wir wissen, war der Franzose Chérif Chekatt ein krimineller Serientäter.  Deutsche Behörden haben dem mehrfach verurteilten Intensivtäter eine "von rücksichtslosem Profitstreben geprägte Persönlichkeitsstruktur" bescheinigt. Wer, darf man sich fragen, hat ihm eigentlich das Mandat gegeben, "unseren Lebensstil" anzugreifen? Stürzt eine solche Tat, so brutal und sinnlos sie gewesen sein mag, wirklich "ein ganzes Land in Trauer"?

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Frankreich: Tödliche Schüsse in Straßburg

Foto: ALAIN JOCARD/ AFP

Die aktuellen Demonstrationen und Ausschreitungen der "Gelbwesten" haben in Frankreich bisher sechs Todesopfer gefordert. In der öffentlichen Wahrnehmung sind diese sechs Menschenleben offenbar nicht mehr als der tragische, aber leider unvermeidbare Kollateralschaden sozialer Unruhe. Wozu aber gleichzeitig diese Weihe von Chérif Chekatt? Warum wird der schäbigen Gewalt genau die höhere Bedeutung beigemessen, die der Täter ihr - und damit sich selbst - geben wollte?

Beinahe erleichtert reagierten die Medien nicht nur in Frankreich auf die Nachricht, dass hier nicht nur ein ohnehin in die Enge getriebener Krimineller durchgeknallt ist, sondern ein "Dschihadist" am Werke war. Damit hat das Sinnlose einen Namen: Terror, islamistischer. Beinahe schon vergessen, dass der Typ mit seinen 27 gerichtlichen Verurteilungen zuvor schon schwerkriminell war.  Spannend ist plötzlich vor allem, wo und wie er sich "radikalisiert" hat, also im Knast zu toxischer Ramschreligiosität gefunden und seinem verpfuschten Dasein einen finalen Drall ins Wichtige gegeben hat.

Für die Medien ist "Terror!" erstens ein Empörungsangebot, das sie bereitwillig verstärken und ihrem Publikum anbieten. Für den Staat ist "Allahu akbar!" zweitens ein Reiz, auf den er mit exekutiver Wucht und symbolischer Gravität reagieren kann - anders beispielsweise als auf Bürgerinnen und Bürger in gelben Westen, die sich auf Asterix und Obelix berufen. Drittens gibt es auch hierzulande Leute, die sich ihren Rassismus - der Mann war nordafrikanischer Abstammung! - nur ungern trüben lassen.

Video: Zugriff am Stadtrand

SPIEGEL ONLINE

So hat sich Udo Lielischkies, ehemals als Korrespondent für die ARD in Moskau und Washington, aus rechter Richtung einen Shitstorm von enormer Windstärke eingefangen, weil er angesichts der ungezählten Opfer "multiresistenter Krankenhauskeime" auf die Absurdität "öffentlicher Risikowahrnehmung" hingewiesen hatte. Schlimmer wäre nur gewesen, hätte er in seinem Tweet die Opfer häuslicher Gewalt oder die Verkehrstoten auf Deutschlands wunderbaren Autobahnen arithmetischen Erwägungen unterzogen.

Der Vorwurf gegen Lielischkies lautete, um die üblichen Obszönitäten und Rechtschreibfehler bereinigt, er "relativiere den Terror". Zwar ist auf dieser Welt restlos alles relativ. Nur der Terror nicht, der ist immer total. Ihm sollte, geht es nach der extremen Rechten, mit totalitären Methoden begegnet werden. Wer "relativiert", schränkt den Wert einer Sache ein, schwächt ihre Bedeutung. Hier ist genau das geboten.

Straßburg ist ein perfektes Beispiel für ein Stöckchen, über das wir nicht blind springen sollten. Aus Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen, aber auch aus Respekt vor "unserer Art zu leben".

Vorausgesetzt, Vernunft spielt darin eine Rolle.

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