Streit um Berliner Ausstellung "Kunst darf nicht ins Ghetto"

Auch er provozierte gerne mit politischen Plakaten: Klaus Staeck. Dass eine Ausstellung in Berlin wegen Androhung von Gewalt schließen musste, empört den Präsidenten der Berliner Akademie der Künste. "Selbstjustiz tritt die Meinungsfreiheit mit Füßen", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL ONLINE: Eine Berliner Galerie schloss nach Drohungen muslimischer Passanten gegen ein Plakat, dass die Kaaba unter der Überschrift "Dummer Stein" zeigt. Wird Provokation in der Kunst zu gefährlich?

Staeck: Heinrich Böll hat einmal gesagt: "Satire ist kein Himbeerwasser". Die Gruppe "Surrend" zeigt ihre satirischen Plakate. Das zwingt zur Auseinandersetzung mit scharfen Bildern, die durchaus provozieren dürfen. Erst recht im Umfeld einer Galerie.

Plakatkünstler Staeck: "Der Gewalt darf man sich nicht beugen"

Plakatkünstler Staeck: "Der Gewalt darf man sich nicht beugen"

Foto: DPA

SPIEGEL ONLINE: Ist das Bezirksamt in Berlin-Moabit zu früh eingeknickt, als es die Ausstellung geschlossen hat?

Staeck: Nein. Mitarbeiter, Räume und Besucher müssen zunächst gegen Gewalt geschützt werden.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist das Plakat "Dummer Stein" umgedreht in der Ausstellung zu sehen. Ist das eine adäquate Reaktion?

Staeck: Es wurde zu Recht nur in der unmittelbaren Bedrohungssituation umgedreht.

SPIEGEL ONLINE: Finger weg von Religion und Fundamentalismus in der politischen Kunst? Oder empfehlen Sie eher Auflehnung in der Art "Jetzt erst recht"?

Staeck: Religiöse Gefühle sind auch für Satiriker ein vermintes Gelände. Da reagieren nicht nur Muslime empfindlich. Das beanstandete Plakat gehört übrigens zu einer Serie, in der Verschwörer und Fundamentalisten von drei Weltreligionen zum Thema gemacht werden. Einschüchterung ist kein legitimes Mittel, sich um Inhalte zu streiten. Würden Galerien und Künstler aus Angst vor Protesten einknicken, wäre es fatal bestellt um die Meinungs- und Kunstfreiheit.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ihren Plakaten, die seit den siebziger Jahren im öffentlichen Raum provozierten, haben Sie selber die dänische Künstler-Gruppe inspiriert. Passt "Surrend" in ihre Fußstapfen?

Staeck: Die Künstler von "Surrend" agieren schärfer als ich. Und sie agieren international: Sie haben an der weißrussischen Grenze gearbeitet oder Inserate gegen Mahmud Ahmadinedschad in Teheran aufgeben. "Surrend" ist sehr risikobereit, sie bereiten sich gut vor, ehe sie in Aktion treten. Für sie spielt sich Globalisierung nicht nur in der Wirtschaft ab, sondern auch in der Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die "Surrend"-Ausstellung letzte Woche eröffnet. Haben Sie mit Gewaltdrohungen wegen des Plakats "Dummer Stein" gerechnet?

Staeck: Nein. Auseinandersetzung schon, aber keine Gewalt. Hätte "Surrend" die Plakate im öffentlichen Raum gezeigt, zum Beispiel an Litfaßsäulen, hätte ich eher mit Protesten gerechnet. Aber in einer Galerie, einem Ort, der zum Diskurs einlädt? Die jungen Männer waren sicher auch keine Galeriebesucher, sondern wohl Passanten, die die Plakate durch die Schaufensterscheiben gesehen haben.

SPIEGEL ONLINE: Soll sich politische Kunst in geschützte Räume verziehen, weg von potentiellen Aggressoren? Oder erst recht dort ausgestellt werden, wo Proteste absehbar sind?

Staeck: Auf keinen Fall soll sie sich in ein Ghetto zurückziehen. Und trotzdem muss sich ihr niemand, auch keine religiöse Gruppe, hilflos ausgeliefert fühlen. Der Rechtsstaat stellt adäquatere Mittel zur Verfügung als die Androhung von Gewalt. Jeder kann zum Beispiel versuchen, eine einstweilige Anordnung zu erwirken. Aber Selbstjustiz oder die Androhung von Selbstjustiz tritt unsere Rechtsordnung mit Füßen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollen Ausstellungsbetriebe und Kuratoren mit Widerständen umgehen?

Staeck: Ich kann die Galerie für ihren Mut nur beglückwünschen, die Ausstellung überhaupt zu zeigen. Notfalls muss man um Polizeischutz bitten. Der Gewalt darf man sich jedenfalls nicht beugen. Da vertraue ich ganz auf den Berliner Innensenator Körting.

Das Interview führte Leonie Wild

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