Streit um Gret-Palucca-Haus Abriss eines Sehnsuchtsorts

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3. Teil: Die Kunst des Rückzugs


Dieses Spiel aus Rückzug und Verhandlung wiederholte Palucca immer wieder. 1959 zum Beispiel war sie wieder verschwunden, wieder ging es um ihre Stellung in der Schule, um den Kampf zwischen modernem Tanz und Ballett. Diesmal verschwand Palucca ganz aus der DDR, ging nach Sylt, verhandelte von dort aus: Sollte sie für immer im Westen bleiben oder sollte sie doch zurück in den Osten? Und wenn sie denn zurückkäme, was würde sie dafür bekommen?

Palucca kehrte abermals zurück und wurde belohnt: Diesmal mit einem Professorentitel, mit dem Nationalpreis - und mit dem Grundstück auf Hiddensee. Genau an die Stelle des Holzhauses ließ Palucca 1961 ihr eigenes Feriendomizil errichten.

Palucca wollte ein schlichtes Haus. Sie war in den zwanziger Jahren eng mit den Bauhauskünstlern verbunden gewesen, hatte sie oft in Dessau, in den kargen und kahlen Meisterhäusern besucht, hatte sich von Wassily Kandinsky malen, von Paul Klee für ihren Tanz beraten lassen. Nun sollte ihr Hiddenseer Haus einerseits Bauhauselemente erhalten, andererseits sollte es ein ortstypisches Reetdach bekommen. Ein gewagtes Experiment, das aber funktionierte.

Auch der Stasi war ihr Haus bekannt

An der Front, zum Garten hin wurden große Fenster eingelassen, die an Sommertagen weit geöffnet werden konnten, von der windgeschützten, überdachten Terrasse ging es in den großen Garten, der von einer Wildrosenhecke umrankt war.

Fast jeden Sommer verbrachte Palucca hier. Es war auf der Insel bekannt, dass sie frühmorgens, wenn der Strand noch leer war, die paar Meter zum Meer ging, nackt badete und sich dann in ihrem Garten in ein Bast-Geviert zurückzog, um dort zu trainieren.

Auch der Stasi war ihr Haus bekannt. Ende der siebziger Jahre berichtete ein Spitzel an die Behörde: "Sie möchte, wenn sie plötzlich einmal nicht mehr unterrichten kann, im gesamten Sommerhalbjahr in Hiddensee leben und dort mit vielen Tänzern und anderen Persönlichkeiten fruchtbare Gespräche führen, Erfahrungen übermitteln und so unserem Staat dienen. Wenn sie jedoch nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügt, muss sie Hiddensee (das Haus) und damit eine solche nützliche Tätigkeit aufgeben. Dann könnte sie doch auch in der BRD leben, wo ihre privaten Freunde sind. Diese haben ihr mehrmals angeboten, ein kleines Haus für sie auf der Insel Sylt zu kaufen. Das möchte sie aber nicht."

Palucca machte Politik mit ihrem Hiddenseer Haus. Sie dachte dabei an sich selbst, aber auch an andere. Immer wieder lud sie Schüler nach Hiddensee ein, sorgte dafür, dass sie hier auf Tänzer und Choreografen aus aller Welt trafen. Ihr Haus wurde zu einem Sehnsuchtsort in der DDR, dem Land der begrenzten Möglichkeiten.

Und so ist es für viele Ostdeutsche jetzt kaum zu verwinden, dass ihr Feriendomizil plötzlich nicht mehr existiert. "Wir sind sprachlos", heißt es in der Palucca-Schule in Dresden.

Wäre das Haus erhalten geblieben, hätten Besucher sich hier erinnern können: an eine zarte, zähe Tänzerin, die es geschafft hatte, sich selber und ihre so flüchtige Kunstform ein ganzes Leben lang populär zu halten. Palucca hatte den Tanz, auch den klassischen, für immer verändert. Und sie hat ein neues, ein freies Körpergefühl erstritten - und wo hätte man das besser spüren können, als auf einer Insel im Wind, in der Nähe von tanzenden Wellen.



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