Streit um Gret-Palucca-Haus Abriss eines Sehnsuchtsorts

Das Hiddenseer Feriendomizil der Tanz-Ikone Gret Palucca wurde kurz vor einer geplanten Versteigerung des Anwesens plötzlich abgerissen. Palucca-Fans wollen protestieren und zumindest das Grundstück retten. Was ist so faszinierend an diesem mysteriösen Gebäude?

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Es war ein ein Kampf gegen die Zeit, nun ist er verloren. Im Februar wurde bekannt, dass das Ferienhaus der legendären Tänzerin Gret Palucca auf der Ostsee-Insel Hiddensee versteigert werden soll. Der Auktionstermin war für Samstag dieser Woche angesetzt.

Da Palucca (1902 bis 1993) in jungen Jahren eine Ikone des modernen Tanzes gewesen ist, die später zur Kultur-Heiligen der DDR wurde, sprach sich vor allem im Osten Deutschlands sofort herum, dass das Haus gefährdet sei. An der Palucca-Schule in Dresden, der einzigen reinen Tanzhochschule der Bundesrepublik - 1925 von Palucca selber als Ausbildungsstätte für modernen Tanz gegründet - hatte man schon lange befürchtet, dass der Berliner Besitzer das Ferienhaus loswerden, es womöglich abreißen lassen wolle. Seit Jahren schon ließ er es verfallen.

Hirsch und seine Leute kämpften

Eigentlich hatte die Schule selbst das Haus erben sollen. Palucca, die immer nur auf ihren Nachnamen hörte, hatte es in ihrem Testament so vorgesehen. Doch kurz vor ihrem Tod im März 1993 hatte die Tänzerin ihr Testament plötzlich widerrufen. Alles spricht dafür, dass sie dies tat, weil sie erfahren hatte, dass sie von Vertrauten aus der Schule bespitzelt worden war. Nach Paluccas Tod trat die gesetzliche Erbfolge ein. Die weit verzweigte Verwandtschaft bekam das Haus, jeder Erbe nur einen Bruchteil. Die Verwandten verkauften das Haus an eben jenen Berliner, der damit offenbar nicht glücklich wurde.

Als nun der Versteigerungstermin bekannt wurde, begann der Sprecher der Palucca-Schule, Konrad Hirsch, gemeinsam mit dem Palucca-Förderverein Spenden zu sammeln, um das Haus auf der Auktion am 28. März zu ersteigern, es endlich für die Schule zurück zu gewinnen. Es sollte eine Zweigstelle der renommierten Schule werden, eine internationale Tanz- und Begegnungsstätte.

Bis zuletzt sah es allerdings nicht so aus, als käme auch nur entfernt die erforderliche Summe von mindestens 398.000 Euro zusammen. Doch Hirsch und seine Leute kämpften und erreichten immerhin, dass zunächst das Landesamt für Denkmalpflege in Schwerin die Denkmalwürdigkeit des Ferienhauses feststellte. Das war am Mittwoch vergangener Woche. Auch das Kultusministerium stimmte dem zu.

Zwei Tage später passierte, womit niemand ernsthaft gerechnet hatte: In den Morgenstunden des 20. März seien, so berichten Augenzeugen, auf der autofreien Insel Hiddensee Abrissbagger aufgetaucht. Sie hätten ihre Arme in Paluccas Ferienhaus gerammt. Am Abend desselben Tages sei das Haus verschwunden gewesen.

Gegen den Abriss, gegen die Versteigerung

Offenbar war der Besitzer, so vermutet die sächsische Wissenschafts- und Kunstministerin Eva-Maria Stange, "in Panik geraten". Er fürchtete wohl, dass das Grundstück mit einer denkmalgeschützten Ruine bei der Versteigerung keine Käufer finden würde. Der Fall wird zur Zeit geprüft. Im Moment sieht es aber so aus, als sei der Abriss - gerade eben noch - rechtens gewesen.

Zum Versteigerungstermin am Samstag im Schöneberger Rathaus in Berlin wollen nun junge Tänzer von der Palucca-Schule anreisen, um mit einer Performance zu protestieren: gegen den Abriss, gegen die Versteigerung.

Gut möglich, dass potentielle Käufer des schönen, nahe am Meer gelegenen, etwa 1500-Quadratmeter großen Grundstücks durch den Protest erst Recht abgeschreckt werden. Denn eines ist sicher: Diejenigen, die das Grundstück nun erwerben, um ein neues Ferienhaus darauf zu errichten, werden damit rechnen müssen, ständig auf das alte Haus, auf den Skandal des plötzlichen Abrisses angesprochen zu werden.

Das Grundstück liegt an einem Pfad zwischen einem Hauptweg im Ferienort Vitte und dem Strand - kaum abzuschotten. Vermutlich wird es Pöbeleien über den Gartenzaun geben, auch wenn die neuen Besitzer (sollte es überhaupt welche geben) für all das, was jetzt geschah, nichts können.

Bis zum Samstag möchte sich allerdings ein Dresdner namens Nowak, ein Ökonom, der noch nicht mit vollem Namen genannt werden will, überlegen, ob er wenigstens das Grundstück für die Palucca-Schule ersteigert. Noch rechnet er und prüft, ist aber zugleich so empört über die "Kulturterroristen", die das Haus abreißen ließen, dass er ziemlich entschlossen ist, mitzubieten: "Identifikation mit Menschen läuft immer über Orte, wenn ein Ort verschwindet, dann wird es auch mit der Identifikation schwieriger", sagte Nowak zu SPIEGEL ONLINE. Viel Aufregung um einen Haufen Steine, ein verrottetes Haus, das Anfang der sechziger Jahre auf ewig feuchtem Grund errichtet wurde. Was hat es mit diesem Haus überhaupt auf sich?



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