Streit um Holocaust-Mahnmal Spätes Erwachen

Lange war bekannt, dass die Stelen für das Berliner Holocaust-Mahnmal mit einer Imprägnierung der Firma Degussa behandelt werden. Jetzt erst soll es zum Baustopp kommen, da eine Degussa-Tochter in der NS-Zeit das Gift Zyklon B produziert hat. Hinter dem Streit um Pietät und Geschichtsbewusstsein könnte ein profaner Machtkampf im Baugewerbe stehen.


Holocaust-Mahnmal: 2700 Stahlbeton-Stelen
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Holocaust-Mahnmal: 2700 Stahlbeton-Stelen

Berlin - Wenn Bernd Efinger den Namen Lea Rosh hört, packt ihn der heilige Zorn. Die Vorsitzende des Förderkreises "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" vereint für ihn all das, was den Geschäftsführer der kleinen Hannoveraner Firma EAG seit Tagen den Schlaf kostet: Halbwahrheiten, moralinsauer vorgetragen, Empörung, die nach Efingers Ansicht bestenfalls zu spät kommt.

Der Grund für Efingers Schlafmangel ist Protectosil - oder besser die Aufregung, die in der vergangenen Woche um diese Flüssigkeit hoch kochte, mit der Bauwerke vor Schmierereien geschützt werden. Denn es ist nicht irgendein Bauwerk, das Efingers fünf Mitarbeiter in einer Werkhalle in Joachimsthal mit der Schutz-Flüssigkeit besprühen: Es sind die Stahlbeton-Stelen, mit denen südlich des Brandenburger Tores in Berlin nach dem Entwurf des amerikanischen Architekten Peter Eisenmann ein stilisierter jüdischer Friedhof gebaut wird, der als Mahnmal für die ermordeten Juden Europas dienen soll. Und es ist nicht irgendeine Firma, die Protectosil herstellt: Es ist die Degussa, deren Tochterfirma Degesch während der NS-Zeit das Giftgas Zyklon B herstellte, mit dem Millionen von Juden in den Konzentrationslagern umgebracht wurden.

Nicht gemachte Hausaufgaben

"Nazi-Firma baut mit am Holocaust-Mahnmal" - das ist keine schöne Schlagzeile, und auch aus Furcht vor ihr wurde in der vergangenen Woche nach einer aufgeregten Sitzung des Kuratoriums der Mahnmals-Stiftung der Bau des Denkmals vorerst eingestellt - sagt zumindest die Stiftung. "Wir haben von niemanden etwas schriftlich, niemand aus Berlin hat es für nötig gehalten, uns anzurufen", sagt Efinger. Auch der Juniorchef der Firma Geithner in Wilhelmshaven, die die Stelen gießt und die die EAG mit dem Auftragen des Oberflächenschutzes beauftragt hat, hat keine schriftliche Weisung aus Berlin erhalten, die Produktion zu stoppen. "Man hat uns angerufen aber nichts Vertragsrelevantes geschickt", sagt Bodo Rothert. Also sprühen Efingers Leute erst einmal weiter.

Förderkreisvorsitzende Rosh: Will nichts von der Degussa-Imprägnierung gewusst haben
SPIEGEL ONLINE

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Den Herbststurm der Entrüstung, der jetzt um den Protectosil-Wetterschutz tobt, kann Efinger nicht verstehen: "Wir können beweisen, dass alle relevanten Stellen zu jedem Zeitpunkt davon wussten, dass wir das Degussa-Produkt verwenden werden. Nie hat jemand dagegen Einspruch erhoben." Die Senatverwaltung für Stadtentwicklung als Bauherr, die Stiftung als Auftraggeber und das Architekturbüro hätten im Angebot der EAG nachlesen können, dass Protectosil verwendete werden würde. "Dazu stehen wir, das ist das beste Produkt auf dem Markt." Wenn es die Stiftung versäumt habe, ihr eigenes Kuratorium zu informieren, dürfe das nicht das Problem der EAG werden, sagt Efinger, der um seinen 500.000-Euro-Auftrag fürchtet. "Nur weil Frau Rosh ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat, werden wir uns nicht einfach so nach Hause schicken lassen."

"Das Politikum wurde nicht erkannt"

Rosh hatte noch am Wochenende behauptet, nichts von der Degussa-Beteiligung gewusst zu haben. Dem widersprach die Geschäftsführerin der Stiftung, Sibylle Quack, am Montag. "Dass Degussa im Spiel ist, war schon früher bekannt", sagte Quack gegenüber SPIEGEL ONLINE. Gegenüber der technischen und ästhetischen Begeisterung für das Produkt sei "der politisch-kommunikative Aspekt jedoch ins Hintertreffen geraten". Besonders der Architekt Eisenmann habe sich von dem Anti-Graffiti-Schutz begeistert gezeigt.

 Architekt Eisenmann: Begeistert von der Ästhetik des Degussa-Produkts
DPA

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Auch die Senatskanzlei für Stadtentwicklung wusste von dem Einsatz der 40 Tonnen Protectosil. "Im Zuge der Auftragsvergabe haben unsere Sachbearbeiter das Angebot der EAG fachlich und rechtlich geprüft. Ihnen ist der Name Degussa zwar aufgefallen, aber daran, dass diese Firma einen Lack liefert, hat sich keiner gestoßen", sagt Philipp Mühlberg, Büroleiter von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder. "Da haben unsere Mitarbeiter das Politikum nicht erkannt und deshalb die politische Leitung des Hauses nicht verständigt." Wie Quack betont auch Mühlberg, dass die Degussa sich geradezu vorbildlich um die Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte bemüht.

Die Konkurrenz sitzt in der Schweiz

Dafür, dass der Oberflächenschutz der Mahnmals-Stelen ausgerechnet jetzt ganz genau unter die Lupe genommen wird, gibt es vordergründig keinen Anlass. Vermuten kann man, dass ein Kleinkrieg im Baugewerbe dahinter steckt. Denn die ersten Presseberichte zu dem geschichtsträchtigen Imprägnierschutz kamen vor zehn Tagen ausgerechnet aus der fernen Schweiz. Dort sitzt mit der PSS Interservice ein Unternehmen, das die 56.000 Quadratmeter Mahnmalsoberfläche auch gern versiegelt hätte.

Es habe "weh getan", dass die kleine Konkurrenz-Firma EAG aus Deutschland Ende September den Zuschlag bekommen habe, sagt Andrea Buchli, Geschäftsführer des Geroldswiler Betriebs. Dass er seine Schmerzen - wie im hart umkämpften Baugeschäft durchaus üblich - dadurch zu lindern versuchte, dass er die Konkurrenz bei den Medien anschwärzte, weist er von sich. Er könne jedoch nicht sagen, "ob nicht einige Mitarbeiter mit den Medien über die Schweinerei mit der Degussa gesprochen haben."

Ärgern wird er sich um den Wirbel, den sich EAG ausgesetzt sieht, jedenfalls nicht. Sollte der Degussa-Streit dazu führen, dass der Mahnmal-Auftrag neu vergeben wird, "werde sich sicher auch die deutsche Tochter der PSS wieder um das Projekt bemühen".

Efinger fühlt sich derweil von den Ereignissen überrannt. "Hier wird eine Suppe sehr, sehr heiß gekocht", klagt der Kleinunternehmer. Er fürchtet um den Ruf seiner Firma und hat den Eindruck, dass die Meinungsführer sich nicht tief genug in die Sachlage eingearbeitet haben und leichtfertig seine Zukunft aufs Spiel setzten. "Wenn Frau Rosh sagt, sie gehe davon aus, die Degussa werde nicht so töricht sein und gegen den Baustopp klagen, hat sie schlicht keine Ahnung wovon sie spricht", sagt Efinger zu entsprechenden Äußerungen, die Rosh am Wochenende gemacht hatte. "Die Degussa hat keinen Vertrag mit den Mahnmals-Institutionen, die liefern uns nur ihre Produkte." Wenn das Geschäft platzt, wäre Efinger derjenige, der klagen müsste. "Und da soll sich Frau Rosh mal nicht so sicher sein, dass wir das nicht tun."



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