Streit um Schmidt & Pocher Rettet das Nazometer!

Der Vorwurf, das "Nazometer" von Schmidt & Pocher verharmlose das Dritte Reich ist absurd - die Verbannung des Alarm-Gerätes aus der Sendung gleicht einem moralischen Amoklauf. Es gehört nun einmal zum Wesen guter Witze, dass sie geschmacklos sind.
Von Henryk M. Broder

Vor genau 19 Jahren, am 10. November 1988, hielt der damalige Präsident des Bundestages, Philipp Jenninger, die Gedenkrede zum 50. Jahrestag der "Reichskristallnacht". Neben den üblichen Floskeln ("Viele Deutsche ließen sich vom Nationalsozialismus blenden und verführen") versuchte Jenninger auch, dem Geheimnis des Tausendjährigen Reichs auf die Spur zu kommen, nannte den Nationalsozialismus ein "Faszinosum" und stellte einige rhetorische Fragen: "Machte nicht Hitler wahr, was Wilhelm II. nur versprochen hatte, nämlich die Deutschen herrlichen Zeiten entgegenzuführen? War er nicht wirklich von der Vorsehung auserwählt, ein Führer, wie er einem Volk nur einmal in tausend Jahren geschenkt wird?"

Noch während der Rede von Jenninger kam es zu einem Eklat. Zahlreiche Abgeordnete verließen unter Protestrufen den Plenarsaal des Bundestags, Jenninger habe, darin waren sich die Kommentatoren einig, das NS-Regime verharmlost beziehungsweise sich nicht ausreichend vom Gedankengut der Nazis distanziert. Einen Tag darauf, am 11. November 1988, trat Jenninger von seinem Amt als Präsident des Bundestags zurück und kandidierte zwei Jahre später auch nicht mehr für den Bundestag. Seine politische Karriere war beendet, zum Trost durfte er vier Jahre als deutscher Botschafter in Wien und zwei Jahre als Botschafter beim Heiligen Stuhl in Rom dienen.

Wer die Skandalrede von Jenninger freilich unvoreingenommen las, konnte nichts Anstößiges darin und daran finden. Der einzige Vorwurf, den man ihm machen konnte, war der, dass er kein besonders guter Redner und nicht in der Lage war, Zitate so zu betonen, dass sie als solche erkennbar waren.

Später machte sich Ignatz Bubis, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, einen Spaß daraus, die Jenninger-Rede vorzutragen, ohne den Urheber zu nennen. Niemand empörte sich, kein Mensch forderte "Konsequenzen", denn Bubis war erstens unverdächtig und zweitens ein besserer Redner als Jenninger.

Spätestens seit der "Affäre Jenninger" muss man zweimal hinhören, wenn der Vorwurf erhoben wird, das Dritte Reich werde verharmlost und das Ansehen der Opfer beschmutzt. Geht es um bekennende Nazis wie Horst Mahler und seine Anhänger, kann von "Verharmlosung" keine Rede sein, sie möchten Hitler und seine Gang rehabilitieren, den Job, den die Nazis nicht zu Ende bringen konnten, vollenden.

Gag-Nummer mit Erregungspotential

Etwas anderes ist es, wenn Hitler reanimiert wird, um Analogien zum Verhalten lebender Politiker, wie zum Beispiel des US-Präsidenten, zu konstruieren. Auch hier wird nicht das Dritte Reich verharmlost, sondern die größtmögliche Keule aus der Requisiten-Kammer der deutschen Geschichte hervorgeholt. Jenseits von Hitler gibt es nur noch die Neocons und das Fegefeuer.

Und nun erleben wir wieder einen moralischen Amoklauf aus einem Anlass, der lächerlicher nicht sein könnte. Es ist das "Nazometer" von Schmidt & Pocher, der Rundfunkräte auf die Palme treibt und die Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden entgleisen lässt. Die Sendung sei "indiskutabel" und "unerträglich", sagt der Vorsitzende des Rundfunkrates des HR. Ein Rundfunkrat des MDR, der Anstalt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das kulturelle Erbe der DDR zu verwalten, klagt über eine "Verhöhnung und Beleidigung der Opfer".

Salomon Korn vom Zentralrat der Juden findet, an der "mörderischen Politik des Nationalsozialismus" gäbe es "nichts Witziges", sein Kollege Dieter Graumann sattelt noch was drauf: "Wenn man, wie ich, aus einer Familie kommt, in der die Großeltern in der Gaskammer ermordet wurden, und ich jetzt erleben muss, dass in Deutschland diese Gaskammern als Kulisse für billige Kalauer gebraucht werden, dann bin ich empört und schockiert. Wie geschmacklos und verroht muss man sein, den Massenmord als Gag-Nummer zu benutzen?"

Abwechslung im Antifa-Zirkus

So jagt eine Geschmacklosigkeit die andere, sogar tote Großeltern müssen herhalten, um die Empörung zu autorisieren; es wäre aber eine arge Verharmlosung, hier von einem "Missverständnis" wie im Falle von Eva Herman zu sprechen. Schmidt & Pocher waren vollkommen eindeutig. Sie haben nicht über die ermordeten Großeltern von Dieter Graumann gelästert, nicht den Massenmord vergagt oder die NS-Opfer verhöhnt, sie haben sich über den ritualisierten, verlogenen und wohlfeilen Umgang mit dem lustig gemacht, was vom Dritten Reich übrig geblieben ist: das inszenierte Entsetzen.

Um sich als Nazi-Gegner zu outen, genügt es schon, bei der Erwähnung des Wortes "Autobahn" kurz zu hyperventilieren. Solche Reaktionen sind nicht nur absurd, sie sind auch komisch. Und sie verdienen es, auf die Spitze getrieben zu werden. Genau das haben Schmidt & Pocher getan. Im Übrigen gehört es zum Wesen guter Witze, dass sie meistens geschmacklos sind. Das unterscheidet sie von den keimfreien Reden, die zur Woche der Brüderlichkeit gehalten werden.

Sechzig Jahre nach dem Ende des NS-Projekts sollte es allmählich möglich sein, sich über das braune Pack lustig zu machen, statt immer wieder "den Anfängen" zu wehren. Dass es noch immer oder schon wieder Nazis gibt, spricht nicht dagegen. Im Gegenteil. Dort, wo Lehrer, Sozialarbeiter und Politiker nicht mehr weiter wissen, könnten Komiker wenigstens für etwas Abwechslung im Antifa-Zirkus sorgen.

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