Streit um Warhol-Kunstwerke 15 Minuten Reichtum

Mit Massenproduktionen machte Andy Warhol nicht nur die Tomatensuppe zum Kunstgegenstand. Dass er dabei nicht immer selbst mit Hand anlegte, ist schon seit langem ein offenes Geheimnis. Deshalb sollen nun zahlreiche Bilder durch einen neuen "Echtheitstest" fallen - und wären dann fast nichts mehr wert.


Warhol-Selbstporträt: "Echtheitstest" bestanden?
Foto: Sammlung Udo und Anette Brandhorst

Warhol-Selbstporträt: "Echtheitstest" bestanden?

Sein Markenzeichen war die Suppendose: Beklebt mit einem schlichten rotweißen Etikett, "Campbell's Tomato Soup", verewigt auf Papier. Doch nicht nur das Dosendesign hatte sich Andy Warhol genau von der Campbell Soup Company abgeschaut. Auch bei der Fertigung seiner Kunstwerke orientierte er sich an den Herstellern der roten Brühe.

Massenweise und im Akkord wurden die Bilder gedruckt und die Drucke vervielfältigt. Dafür beschäftigte der exzentrische Pop-Künstler aus Pittsburgh ein ganzes Heer von Helfern und Komparsen, die ihm bei der Herstellung seiner Werke in der "Factory", dem New Yorker Studio des Künstlers, zur Hand gingen.

Viele seiner Aushilfskräfte entlohnte Warhol mit eigenen Werken. Aber nicht nur sie müssen nun fürchten, dass die Warholschen Massenproduktionen wie Bilder von der Stange behandelt werden - und entsprechend an Wert verlieren. Auch Kunstliebhaber und Kenner der Szene, die sich bisher als stolze Besitzer wertvoller Kunstwerke wähnen durften, haben vielleicht umsonst gezahlt.

Die Aufregung ist nicht ganz unberechtigt. Erst kürzlich hat das "Warhol Authentication Board", 1995 zur Nachlassverwaltung des Künstlers gegründet, neue Richtlinien zur Echtheitsüberprüfung von Warhol-Werken vorgelegt. Als Originale sollen künftig nur noch solche Werke gewertet werden, an denen der Künstler direkt beteiligt war. Ein Sechstel aller Bilder, die bisher noch als echt gehandelt wurden, wären nach den neuen Richtlinien nur noch Kopien.

Postmortale Würdigung

So könnte Warhols Angriff auf den traditionellen Kunstbegriff noch eine postmortale Würdigung erhalten - allerdings eine, mit der wohl selbst seine Anhänger nicht gerechnet haben dürften. Denn wie Campbell's roter Einheitsbrei war auch Warhols Verhältnis zur Kunst: Wenn alles reproduzierbar ist, hundert- und tausendfach, werden Alltagsgegenstände zur Kunst, und die Kunst verliert ihre Einmaligkeit.

Die Betroffenen indes wollen die Wertminderungen nicht kampflos hinnehmen. Mehr als 20 Kunsthändler und Sammler bereiten derzeit eine Klage gegen das "Warhol Authentication Board" vor, da sich dieses aus Sicht der Kunstliebhaber weigert, echte Warhol-Bilder als Originale anzuerkennen. Für sie gibt es nur einen Grund für den plötzlichen Sinneswandel der Nachlassverwalter: Nur durch ein begrenztes Angebot, so die Kunstfreunde, könnten die Preise für Warhol-Kunstwerke auch weiterhin auf einem hohem Niveau gehalten werden.

Marylin Monroe-Drucke (in Berlin): Postmortale Würdigung
REUTERS

Marylin Monroe-Drucke (in Berlin): Postmortale Würdigung

Zahlreiche Besitzer der Kunstwerke, die von einer Neuregelung der Echtheitsbestimmungen betroffen sind, behaupten, die Bilder vom schon 1987 verstorbenen Warhol selbst erhalten zu haben. Angeführt wird die Kampagne gegen die Nachlassverwalter von Joe Simon. Der Filmproduzent besitzt selbst zahlreiche Warhol-Werke, die von den Nachlassverwaltern zurückgewiesen wurden, obwohl die Echtheit vor Jahren bereits zweimal bestätigt worden war. Unter den entwerteten Kunstwerken findet sich auch ein Selbstbildnis Warhols, das Simon vor 14 Jahren für knapp 200.000 Dollar gekauft hatte.

Eigentlich wollte sich Simon die Echtheit des Bildes vor einem möglichen Verkauf nur von der Nachlassverwaltung bestätigen lassen. Die Antwort kam postwendend: Es handele sich nicht um ein Werk von Warhol, so die Gesellschaft. "Bis heute verweigern sie jegliche Erklärung", sagte Simon der britischen Tageszeitung "Sunday Telegraph".

Anweisungen per Telefon

Auch Billy Name, der als Warhols Photograph zusammen mit dem Künstler für mehrere Jahre in der "Factory" arbeitete und lebte, fühlt sich betrogen. Name hatte 157 Polaroidbilder bei der Nachlassverwaltung eingereicht, die er nach eigenen Angaben von Warhol erhalten hatte. Auch die 1968 für das Männer-Magazin "Esquire" aufgenommenen Fotos wurden als unecht zurückgewiesen.

"Nicht ein einziges Mal habe ich Andy Warhol im Studio in Tribeca gesehen, um sich den Druck seiner Werke anzuschauen", sagte John Paul Russell, der während der achtziger Jahre als Drucker für Warhol gearbeitet hatte, dem "Sunday Telegraph". Viele Anweisungen gab der Künstler telefonisch. Außerdem bezahlte Warhol viele der Drucker oft mit Abzügen, die nicht als Teil der offiziellen Ausgabe registriert waren.

Man müsse sich an der Intention des Künstlers orientieren, stellte Ron Spencer, der als Anwalt für das "Warhol Authentication Board" arbeitet, klar. "Solange Warhol die Idee hatte und dann jemand anderen mit der Umsetzung beauftragte, die Herstellung überwachte, sie für gut befand und am Ende sagte 'Das ist was ich wollte', dann ist es auch Warhols Werk", sagte Spencer dem Magazin "Vanity Fair".

Der Streit scheint damit indes nicht beigelegt. "Warhol ging es doch um die Massenproduktion", sagte sein früherer Manager Paul Morrissey. Ruhm für jeden für 15 Minuten hatte der Künstler der Nachwelt prophezeit. Für seine Anhänger zumindest scheint der Reichtum genauso vergänglich.

Martin Reischke



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