Streitpunkt Gerechter Krieg US-Brandbrief gegen deutsche Intellektuelle

Es ist eine Auseinandersetzung mit Worten und Buchstaben. Deutsche Intellektuelle hatten den Krieg der USA in Afghanistan öffentlich an den Pranger gestellt. Jetzt schlägt die amerikanische Geisteselite zurück - und bezichtigt die deutschen Kritiker, moralisch keine Position zu vertreten.

Washington - Der am Donnerstag in Washington veröffentlichte Text wurde von 66 US-Intellektuellen unterzeichnet. Dazu gehören zahlreiche namhafte Universitätsprofessoren und Leiter von verschiedenen politischen Instituten, darunter der frühere US-Senator Daniel Patrick Moynihan, der Gesellschaftstheoretiker Amitai Etzioni, der Historiker Francis Fukuyama ("Das Ende der Geschichte") und der Harvard-Professor und Bestseller-Autor Samuel P. Huntington ("Kampf der Kulturen").

Die Gruppe beantwortete einen offenen Brief deutscher Persönlichkeiten, der am 2. Mai unter dem Titel "Eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus" in der "Frankfurter Rundschau" veröffentlicht wurde. Die Deutschen hatten wiederum auf ein erstes Schreiben der amerikanischen Seite reagiert, in dem diese den Anti-Terrorkrieg der USA als "gerecht" verteidigten.

Ihre US-Kollegen hätten in ihrem ersten Brief mit keinem Wort den "Massenmord" an 4000 afghanischen Zivilisten erwähnt, hatten die Deutschen moniert. Auch gebe es keine universal gültigen Werte, um die Vergeltung eines Massenmordes wie der Terroranschläge in den USA vom 11. September mit einem anderen zu rechtfertigen. Zu den Unterzeichnern gehörten der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, der Theologe Friedrich Schorlemmer, der Rhetorikprofessor Walter Jens sowie die Autoren Peter Rühmkorf, Christoph Hein und Günter Wallraff.

In ihrer Erwiderung vom Donnerstag äußerten sich die amerikanischen Gelehrten enttäuscht über die Haltung ihrer deutschen Kollegen, die insgesamt keine "schlüssige moralische Position" zur Frage des Gebrauchs von Waffengewalt präsentiert hätten. Einigkeit herrsche zwar über die Feststellung, dass es "keine moralische Rechtfertigung für den entsetzlichen Massenmord am 11. September gibt", doch diskutiere man nach Einschätzung der Amerikaner grundsätzlich aneinander vorbei.

In ihrem ersten Manifest, das den Titel "What We're Fighting For - Wofür wir kämpfen" trug, habe man auf der Idee und der Tradition des "Gerechten Krieges" argumentiert. Bei den Deutschen vermisse man jedoch eine eindeutige Positionierung. Die gesamte Idee eines "Gerechten Krieges" werde von ihnen lediglich "in einem Nebensatz" abgekanzelt, "gewissermaßen als Vorspiel zu Ihrer harschen Attacke" auf die Entscheidung der USA und ihrer Alliierten, in Afghanistan militärisch einzugreifen.

"Universelle moralische Prinzipien"

Vier grundlegende moralische intellektuelle Positionen zum Thema gebe es, schreiben die Amerikaner: den Pazifisten, der jede Form von Krieg ablehnt, den Realisten, der moralische Aspekte hinter Macht- und Eigennutz zurückstellt, den Anhänger des Heiligen Krieges, der Gott oder eine höhere Macht für das Töten verantwortlich macht, und schließlich den Verfechter des "Gerechten Krieges", der auch im Krieg "universelle moralische Prinzipien" verfolgt, nach denen zu entscheiden ist, wann der Einsatz von Waffengewalt moralisch gerechtfertigt ist.

Die Deutschen ließen sich an Hand ihres Manifestes jedoch nicht kategorisieren und entzögen sich so der Debatte: "Es ist einfach und zweifellos Ihr gutes Recht, die Vereinigten Staaten für so ziemlich alles anzuprangern, was sie in der Welt nach 1945 getan haben", schreiben sie. "Das aber befreit Sie nicht von der Verantwortung, eine klare und in sich schlüssige Position zu den moralischen Grundfragen zu beziehen."

Die Amerikaner bekräftigten erneut, dass sie den Einsatz in Afghanistan nicht nur für moralisch gerechtfertigt hielten, sondern sogar für "moralisch geboten". Sie unterstrichen: "Es ist moralische Blindheit, wenn Sie die unbeabsichtigte Tötung von Zivilisten in einem Krieg, dessen Grund gerechtfertigt ist, und in dem es das Ziel der Soldaten ist, den Verlust von zivilem Leben zu minimieren, mit der beabsichtigten Ermordung von Zivilisten ... durch Terroristen vergleichen, deren oberstes Ziel es ist, die Zahl der Ziviltoten zu maximieren."

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