Streitthema Rauchen Genießt die Revolte in vollen Zügen!

Ist das gesund? Dieses ewige Herumreiten auf Lungenkrebs und Raucherbeinen? Wenigstens die deutsche Kneipe ist noch ein Bollwerk gegen Nikotin-feindliche Umtriebe.
Von Reinhard Mohr

Es ist gemein, aber wahr: Unerbittlich schreitet der wissenschaftlich-technische Fortschritt voran. Auch die medizinischen Erkenntnisse sind nicht aufzuhalten - ob es um den Zusammenhang von fettem Essen und Gelenkschmerzen im Alter geht oder um die Wirkungen von Mineralwassermangel auf die Synapsen-Verknüpfung in der Großhirnrinde. Nun aber, o Schreck, klopft die Aufklärung auch noch an die deutsche Kneipentür.

Wer verzieht sich als erster aus deutschen Kneipen? Der Qualm? Nee, der Gesundheitsapostel!

Wer verzieht sich als erster aus deutschen Kneipen? Der Qualm? Nee, der Gesundheitsapostel!

Foto: AFP

Seit neueste Studien belegen, dass nicht nur das Rauchen, sondern auch das unfreiwillige, passive Mitrauchen massiv gesundheitsgefährdend ist, hat sich eine neue Debatte über ein generelles Rauchverbot entzündet. Denn unbestreitbar existiert auch für Nichtraucher das Risiko, an Lungenkrebs und anderen Karzinomen zu erkranken, wenn sie regelmäßig in Cafés und Bars gehen. Das gilt in noch viel höherem Maße für Kellner, Barkeeper und Barfrauen.

Entschlusskraft verraucht

Doch während sich die anderen EU-Länder längst an entsprechende Gesetze gewöhnt haben, etwa Italien und Irland, oder, wie Frankreich, sie gerade auf den Weg bringen, wird in Deutschland noch heftig darüber diskutiert, ob ein Rauchverbot nicht der Vorbote eines neuen Gesundheitsfetischismus oder sogar ein "Diktat des Staates" sei, um die "Menschen zu erziehen", wie es jüngst in einem Leitartikel der "FAZ" hieß.

Die Große Koalition aber sagt mal hü, mal hott. Mal ist der Bund zuständig, mal nicht. Mal wird zwischen Restaurants und Bars unterschieden, mal nicht. Derweil scheinen im Kulturkampf um ein allgemeines öffentliches Rauchverbot, vor allem in Gaststätten jedweder Art, Kleinstaaterei und Politchaos von Tag zu Tag zuzunehmen. Einen ruhenden Pol aber gibt es in dieser unübersichtlichen Schlachtordnung: die deutsche Kneipe.

Sie ist das Bollwerk gegen alle Bestrebungen, den Qualm zu lichten, der Leben und Tod auf so fabel- wie parabelhafte Weise verbindet. Hier hält sich noch der mystische Glaube des Mittelalters, die irdische Existenz sei sowieso nur ein Reflex göttlicher Schöpfungsweisheit. Es sei, wie es sei.

So dringt, trotz aller Anfechtungen von Wissenschaft und Aufklärung, keine Risikostudie der AOK Rheinland durch die Rauchschwaden der deutschen Kneipe, kein noch so alarmierender Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO. Hier wird gnadenlos weiter gequalmt. Da ist man voll autonom und gegen jede Anfechtung gefeit. Das war immer so, und das bleibt auch so. Eher fällt die Welt zu Asche, als dass die deutsche Kneipe zur rauchfreien Zone wird. Das wäre ja noch schöner.

Den Gesundheitsaposteln was husten

Denn das Alleinstellungsmerkmal der deutschen Kneipe ist die unverwechselbare Mischung aus Küchendämpfen, Trinkerschweiß, Bierdunst und Zigarettenrauch. Es ist die souveräne Verachtung sämtlicher Gesundheitstipps von Professor Hademar Bankhofer und Doktor Dietrich Grönemeyer, die die deutsche Kneipe als Zufluchtsstätte einer autonomen Lebenswelt charakterisiert.

Richtig gemütlich wird es in der Kneipe erst, wenn die Luft zum Schneiden ist und die durchschnittliche Sichtweite unterhalb der Entfernung zweier Bierkrüge liegt. So viel steht fest: Wer am nächsten Tag nicht sämtliche Klamotten in die Wäsche geben muss und einen steinschweren Brummschädel hat, ist am Abend zuvor in keiner richtigen deutschen Kneipe gewesen.

Denn eine richtige deutsche Kneipe hat auch keine richtige Abluftanlage. Jedenfalls keine, die funktioniert und regelmäßig gewartet wird. Die wird auch gar nicht gebraucht. Schließlich kommt immer wieder ein Hauch eisiger Frischluft rein, wenn der nächste Gast durch die Türe tritt. Außerdem kostet eine gute Abluftanlage viel Geld und viel Strom, und das ist unökologisch. Gerade in den Zeiten von Ressourcenverschwendung und Klimakatastrophe.

Fenster zu!

Dicke Kneipenluft dagegen, so will es die deutsche Tradition, ist Teil einer Ökologie des Gemüts. Natur pur, ein Dampfbad des praktischen Humanismus, das wahre Leben, wo es zischt und beißt und raucht. Wenn ein schwindsüchtig hustendes Nichtraucher-Weichei im dichten Kneipensmog mal ein Fenster aufmachen will (meist klemmt es sowieso oder ist zugeschweißt), ruft der versammelte Roth-Händle-Chor synchron: "Ey Mann, Fenster zu, es zieht!"

Dann folgt meist ein kurzes gemeinsames Abhusten, ganz tief aus der Lunge raus, und schon glimmt die nächste Fluppe am andersgelben Zeigefinger.

Den echten Kneipenfans kann selbst dickste Luft nichts anhaben, denn sie spülen jede Sorte Feinstaub, frei flottierendes, mehrfach gesättigtes Küchenfett sowie ungebundene Nikotin- und Teerpartikel routiniert mit Flensburger, Warsteiner, oder Erdinger Weißbier herunter. Das bisschen Kohlendioxid und Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid und Formaldehyd, Stickoxid und Nikotin, die paar Schwermetalle und radioaktive Isotopen samt der anderen, rund 4000 Inhaltsstoffe (von ihnen mehr als 50 definitiv krebserregend) können doch einen echten Tresenhocker nicht vom Stuhl hauen.

Leben heißt für ihn von Anfang an, sterben zu lernen. Im Zweifel eben zehn Jahre früher als die anderen. Hauptsache, man hat vorher für tüchtig Feuer und Rauch in der Bude gesorgt.

Durchblick hinter Rauchschwaden

Wer alt genug ist, die siebziger Jahre - auch als Ära Stuyvesant bekannt -, bewusst miterlebt zu haben, wird sich an eine wichtige Unterabteilung der bundesdeutschen Kneipe erinnern - an die "linke Kneipe", die politische Alternative zum schwäbischen Provinzgasthaus "Goldener Hirsch".

In der linken Kneipe hing nicht nur Ché Guevara an der Wand, mit und ohne Zigarre, es rauchten auch praktisch alle, so dass die gemeingefährliche Zusammensetzung der Atemluft niemanden störte.

Im Gegenteil, sie bildete erst das diffuse Ambiente der typischen Kneipen-Intimität. Schlimmstenfalls wurde das hochgiftige Partikelgemisch einfach weggepafft und weggehustet, während man über den US-Imperialismus und die schwierige Beziehung zu Geli diskutierte. Die immerwährende Rauchwolke unter der geschwärzten Kneipendecke war jenes Medium, das im Schein der herunterbrennenden Kerzen das Morgenrot einer anderen Welt schon ahnen ließ.

Der linke Dreh

Besonders auffällig waren die revolutionären Selbstdreher, die an einem Abend schon mal eine Packung "Schwarzer Krauser" zu krummen, notdürftig zusammen geleckten, selbstverständlich filterlosen Glimmstengeln verarbeiten konnten. Die Tabakreste, die beim Produktionsprozess anfielen, verteilten sich locker auf der von Brandflecken durchlöcherten Tischdecke und verbanden sich zwanglos mit den Endmoränen aus lavaartigem Kerzenwachs, das auf den Tisch quoll.

Auch dreißig Jahre später hat sich nicht viel verändert. Geli heißt jetzt Britt, man schimpft auf George W. Bush, und statt Ché Guevara hängt Serge Gainsbourg an der Wand. Jedenfalls im "Gainsbourg" am Savignyplatz in Berlin, einer wirklich schönen Bar.

Der deutsche Tresen aber ist und bleibt eine Barrikade des Widerstands gegen die bleiche Vernunft, eine Burg des mystischen Qualms gegen die kalte Rationalität des wissenschaftlich-technischen Fortschritts.

Nichtraucher und andere Hypochonder, so ruft es dort mit rauer Stimme, können sich ja irgendwo draußen hinsetzen und dem Klimawandel zuschauen, während sie ihre Apfelschorle aus der Thermoskanne trinken.

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