Künstlerzwist Wer hat die schönste Farbe im Land?

Schwarzvergleich: Die Künstler Anish Kapoor und Stuart Semple streiten seit Monaten um Pigmente und wer sie nutzen darf. Gibt es ein Monopol für bestimmte Farben?

Stuart Semple/ Culture Hustle

Von Olivia Samnick


Farbe ist mit das wichtigste Werkzeug eines Künstlers, und manchmal wird sie auch zur Waffe. Erst ging es um das schwärzeste Schwarz, dann um das pinkste Pink und nun wieder um das schwärzeste Schwarz: Zwei Künstler liefern sich seit Monaten eine öffentliche Pigmente-Farce.

In Großbritannien streiten sich der Bildhauer Anish Kapoor und der Künstler Stuart Semple um Farben und deren Nutzungsrecht. Denn Anish Kapoor sicherte sich ein Exklusivrecht in der Kunst, was Semple zur Weißglut brachte: Das Recht auf ein spezielles, im Labor hergestelltes Schwarz, "Vantablack" genannt.

Wie viele andere Künstler fand Stuart Semple, der 2009 durch sein öffentliches Kunstprojekt "Happy Clouds" bekannt wurde, die Exklusivnutzung unkollegial. Er brachte nun als Gegenreaktion seine eigene Version eines ultraschwarzen Pigments auf den Markt: Black V1.0 (beta). Er wolle "eine Farbe schaffen, zu der alle Zugang haben", die preisgünstiger und einfacher zu handhaben sei, sagt der 36-jährige Semple. "Vantablack muss unter einem Vakuum hergestellt werden, mein Schwarz kann man selbst mischen und einfach mit dem Pinsel auftragen."

Perfekt zur Tarnung

Die Farbe, um die es geht, ist tatsächlich eine Kuriosität. Im Jahr 2014 entwickelte das britische Unternehmen Surrey Nanosystems die laut Guinessbuch der Rekorde weltweit dunkelste, menschengemachte Substanz. Lediglich 0,036 Prozent des Lichts reflektiert Vantablack durch hauchdünne Kohlenstoff-Nanoröhren. Zum Vergleich: Bei einer weißen Wand sind es bis zu 85 Prozent. Die Intensität von Vantablack machte es ursprünglich für die militärische Nutzung oder für die Luftfahrt interessant. Eine Beschichtung führe zum völligen Verlust der Formeigenschaft eines Gegenstand, heißt es aus Wissenschaftskreisen, das mache Vantablack zur perfekten Tarnfarbe.

Perfekt aber auch für Anish Kapoor, der bereits in den 1970ern mit Farbpigmenten experimentierte. Der Künstler erlangte dadurch weltweite Aufmerksamkeit, arbeitete später unter anderem an Monumentalskulpturen. 2006 konzipierte er ein Wahrzeichen Chicagos, die 110 Tonnen schwere Stahlskulptur "Cloud Gate", deren spiegelnde Oberfläche von Touristen gerne für Fotos genutzt wird. Seine Kunst brachte Kapoor ein Vermögen ein, das auf 46 Millionen Euro geschätzt wird. Davon konnte er die Rechte an Vantablack kaufen.

Farbpatente hat es in der Kunstwelt schon zuvor gegeben. 1960 beharrte zuletzt der französische Künstler Yves Klein auf dem exklusiven Recht an einem Ultramarin. Heute, nach Kleins Tod, findet International Klein Blue (IKB) etwa bei der Blue Man Group Verwendung. Auch Marken lassen sich mitunter die Farbgebung ihrer Produkte schützen: Darunter das klassische Nivea-Blau (seit 2007 geschützt), das Sparkassen-Rot (seit 2002 geschützt) oder das charakteristische Gelb der Langenscheidt-Wörterbücher. Ein Rechtsstreit mit einem Sprachkursanbieter im Jahr 2012 über die Farbgebung verlief zugunsten von Langenscheidt.

Doch Kapoors "Monopolisierung" der Farbe traf auf Unmut in der Kunstszene. "Die großen Meister hatten eine Faszination für reines Schwarz - Turner, Manet, Goya. Dieses Schwarz ist Dynamit in der Kunstwelt", sagte etwa der britische Maler Christian Furr der "Mail on Sunday". Semple kreierte daraufhin eine eigene Farbpalette - vom weltweit pinksten Pink über das grünste Grün zum glitzerigsten Glitzer - die für jedermann verfügbar sein soll, außer für Anish Kapoor. Käufer der Farbe müssen versichern, das Produkt nicht an den Künstler herauszugeben.

Die Antwort kam prompt über Instagram: Kapoor zeigte Semple den Mittelfinger in dessen pinkstem Pink:

Up yours #pink

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Semple ließ das nicht auf sich sitzen. Seit rund drei Wochen gibt es seine neueste Kreation, das ultraschwarze Black V1.0 (beta) in seinem Onlineshop zu kaufen. In der Beta-Testphase wolle er zunächst Meinungen der Kunden einholen, um dann sein Produkt noch weiter zu verbessern. Auf Instagram bekäme er bereits viele Fotos begeisterter Kunden zu Gesicht. "Ich versuche, Farben zu teilen, und Menschen zu motivieren, Neues zu schaffen."

Surrey Nanosystems meldete sich prompt, so Semple. "Denen zufolge ist mein Schwarz nichts anderes als Tafelfarbe." Das sei natürlich totaler Quatsch. Anish Kapoor hat sich auf Anfrage nicht zu Semples neuestem Farb-Clou geäußert.



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