Studie des American Jewish Committee "Antisemitische Diskurselemente" in deutschen Printmedien?

In einer neuen Studie im Auftrag des American Jewish Committee Berlin über die Nahost-Berichterstattung werden deutschen Printmedien "antisemitische Diskurselemente" attestiert.


Trauernde Angehörige nach dem Anschlag auf eine Diskothek in Tel Aviv (im Juni 2001): "Exotisch oder fundamentalistisch"?
EPA/DPA

Trauernde Angehörige nach dem Anschlag auf eine Diskothek in Tel Aviv (im Juni 2001): "Exotisch oder fundamentalistisch"?

Hamburg - Die Studie des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung wird am Freitag in Berlin veröffentlicht. Das Wochenmagazin "Die Zeit" berichtete bereits vorab über die Ergebnisse und beurteilt ihre Aussagekraft kritisch. Sie seien zu vage, zu generalisierend.

Untersucht wurden sieben Printmedien: Der "Tagesspiegel", die "Süddeutsche Zeitung", die "Frankfurter Allgemeine", die "Frankfurter Rundschau", die "Welt", die "taz" und der SPIEGEL im Hinblick auf die Nahost-Berichterstattung über die zweite Intifada zwischen September 2000 und August 2001. Man konzentrierte sich dabei auf vier "wichtige diskursive Ereignisse", wie es in der Studie heißt: Ariel Scharons Besuch des Tempelbergs, die Lynchmorde an zwei israelischen Soldaten in Ramallah, den Tod des palästinensischen Jungen Mohammed al-Dura und das Selbstmordattentat vor einer Tel Aviver Disco.

Die Ergebnisse sind zunächst ernüchternd: Die Forscher resümieren, dass "antisemitische Diskurselemente immer auch die deutsche Vergangenheit aufrufen. Dies geschehe häufig in Gestalt von Projektionen, durch die Kritik am Faschismus auf Juden und Israel übertragen wird (Vergleich von Scharon mit Hitler). Hierdurch werde gleichzeitig eine Relativierung der deutschen Vergangenheit vorgenommen." Hinzu kämen "negative Charakterisierungen der Israelis", in deren Folge der Konflikt unzulässig personalisiert würde.

Seltener seien "negative Zuschreibungen" für Palästinenser, die aber dann dem "in Deutschland verbreiteten Zuschreibungsfeld 'Rassismus' angehören" würden. Texte mit "antisemitischen Diskurselementen" seien geeignet, so das Fazit der Studie, "in deutschen Diskursen vorhandene antisemitische und rassistische Vorurteile zu reproduzieren oder auch erst herzustellen." Was nicht "deutsch-christlicher Normalität" entspreche, werde als "exotisch oder fundamentalistisch" abgewertet.

In der deutschen Öffentlichkeit gäbe es, so die Studie, "tiefsitzende Latenzen" von antisemitischen und antizionistischen Vorurteilen, die sich auf Grund der Tabuisierung in "verdeckten" und "vagen Anspielungen" versteckten. Eine differenzierte Analyse des Konflikts gelinge in den untersuchten Medien nicht, da sich die Autoren nicht "in die Situation der Kontrahenten" hineinversetzen könnten.

Die von der Berliner Dependance des American Jewish Comittee in Auftrag gegebene Expertise verzichte "gänzlich auf verifizierbare Nachweise, ob und wie die Art der Berichterstattung konkret die Rezeption in Deutschland beeinflusse", kritisiert die "Zeit". Ein "ungebremster Jargon des Verdachts" entwerte zudem das grundsätzlich Richtige der Arbeit. Wahr sei allerdings, "dass das Israel-Bild bei dem Thema Militäreinsatz von Vorurteilen völlig verzerrt wird", so das Blatt. Grund dafür sei aber eher ein Täter-Opfer-Mechanismus, ein Stereotyp, das seinen Ursprung in der deutschen Vergangenheitsbewältigung habe. Der Antisemitismusbegriff könne seine aufklärerische Kraft verlieren, wenn er unverbindlich gebraucht werde.



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