"Style Tag" beim Jugendsender Viva Wühltisch!

Gestern war "Style Tag" bei Viva. Das hieß: Rosa Deko, die üblichen Boygroups und Pop-Sternchen, zwei plappernde Moderatorinnen und Streetwear auf dem Catwalk. Wichtigste Erkenntnis der "Vivalicious"-Show: Den Jogginganzug kann man mit ner dicken Goldkette aufwerten!


Im televisionären Sommerloch schaltet der gelangweilte Zuschauer gerne umher und fragt sich: Was macht eigentlich Viva, das hässliche Entlein im deutschsprachigen Musikfernsehen? Seitdem das einstige Ehrgeizprojekt nur noch als Wurmfortsatz von MTV weiterexistieren darf und von den neuen Eignern zum Klingeltonkanal degradiert wurde, muss internationaler Popglamour ja weitgehend simuliert werden. Was den derart gerupften Sender jedoch nicht hinderte, den gestrigen Dienstag kühn zum "Style Tag" auszurufen. Dessen erklärter Höhepunkt sollte die Premiere der neuen Show "Vivalicious" sein, vollmundig als "Mega-Event" für Mode und Musik angekündigt.

Das fand allerdings bereits am vergangenen Freitag im Leipziger Volkspalast statt, laut hauseigener Website eine "außergewöhnliche Location und echt stylish". Die einstündige Sendung kam also aus der Konserve, wie auch die meisten anderen Programme des Stiltags: Ob "Style Star Angelina Jolie" oder "Viva Spezial: Die Top 100 der schönsten Stars aller Zeiten" – günstig eingekaufte PR-Porträts und Listing-Formate sind das richtige Dosenfutter, um die Zeit zwischen den Werbeblöcken zu überbrücken. In denen kann man sich über das neue Catwalk-Game für das Handy informieren, denn Models sind nicht erst seit Heidi Klum das neue Rollenideal für die nächste Casting-Generation.

An die appelliert "Vivalicious" mit den zwei Moderatorinnen Collien Fernandes und Johanna Klum, beide trotz ihrer Jugend schon extrem gestählt im Handling der alltäglichen Mega-Events im Hause Viva. "Lifestyle, Mode, Styling" verspricht Collien aus der knallrosa Deko, die stilsicher den Leipziger Volkspalast dominiert, sowie Tipps "womit ihr euch besser nicht auf die Straße trauen solltet."

Gerade davon findet sich jedoch etliches in der folgenden Moden-Show, die in vier Kategorien über die bescheidene Bühne gebracht wird. Verantwortlich für das eigentliche Treiben auf dem Laufsteg sei übrigens Star-Choreograph Detlef D! Soost, wie Collien mit Begeisterung in die Halle deklamiert. Soost, die bullige und omnipräsente Paula Abdul des Privat-TVs, schleift ja sonst für andere Formate angehende Popstars und glänzt hier durch selten erlebte Abwesenheit. Seine Handschrift ist aber unschwer zu erkennen, als unter dem Beifall des überwiegend weiblichen Publikums die Models der Kategorie "Straßenhelden" einziehen.

Accessoires für Alle

Begleitet von indifferentem Hip-Hop-Fragmenten posieren nun nette junge Menschen in absolut überraschungsfreier Streetwear, wie sie von Garmisch bis Flensburg auf jedem Schulhof ausgeführt wird. Und da Viva wohl nicht so viele Models hat, werden die Bilder praktischerweise geloopt, so dass sich zehn Meter Fußweg zum ziemlich langen Marsch auswachsen. Mit dabei sind die Mitglieder der Boygroup Lexington Bridge, die aber nur aufgrund ihrer brav aufkreischenden Fans auffallen.

Im Anschluss gibt es eine Analyse des Gesehenen durch Johanna Klum und den Style-Experten Armin Morbach. Selbiger war immerhin bei der ersten Ausgabe von "Germany's Next Top Model" dabei und hat trotz des offensichtlichen Abstiegs klare Ansagen im Gepäck: Trainingsanzüge seien definitv für die Straße und glamouröse Auftritte geeignet. Und Accessoires seien unverzichtbar, denn "den grauen Jogginganzug kann ich mit einer großen Kette aufwerten". Überhaupt alles definitiv und groß. Das wird eine Menge deutsche Camper freuen, wenn sie demnächst beim Brötchenkauf einen verbrieft glamourösen Auftritt haben.

Unterbrochen von einem Auftritt der Popsängerin Lumidee geht es weiter mit dem Programmpunkt "Badenixen", der nur durch die penetranten Großaufnahmen von Schritt, Gesäß und Brust der Bikiniträgerinnen unangenehm im Gedächtnis bleibt. Dafür hat Johanna mit Dari Maximowa eine neue Expertin parat. Die ist das "Bebe-Mädchen" aus der Werbung– der Kosmetikhersteller ist hier Hauptsponsor –, berlinert wie ein sehr hübscher Harald Juhnke und weiß Bescheid bei Problemzonen im Badeanzug. Da helfen nämlich, was sonst, Accessoires: "Einfach n' Tuch um die Hüften", oder "ein großes Armband oder einen Hut". Fertig ist die Laube, und wenn bald Teenager mit Gips und Zylinder ins Freibad kommen, geht die Show sicher in die nächste Runde.

Stilbruch in der Rummelbude

Dann darf Comet-Gewinner Nevio, dessen Name irgendwie auch nach erschwinglichem Pflegeprodukt klingt, "Run Away" singen. Ein schön programmatischer Titel für eine Sendung mit "schönen Klamotten, getragen von schönen Menschen in schöner Kulisse", wie Collien Fernandes noch einmal das innovative Konzept zusammenfasst. Die berufsfröhliche Ansagerin wagt schließlich bei der Ankündigung der Sparte "Freizeitjäger" (ergo Freizeitmode) den einzigen interessanten Stilbruch: "Liebe Bundesprüfstelle, keine Angst, Freizeitjäger hat bei uns nichts mit Counterstrike zu tun".

Dass bleibt leider alles an subversivem Potential, und nachdem noch die "Nachtschwärmer" – die frappant wie strassbesetzte "Straßenhelden" aussehen – vorbeiziehen, bekommt die Boygroup US5 zum Finale den Style Award überreicht. Mit ihren süßen Skunk-Frisuren und wuchernden Beckham-Iros sind die Sängerknaben der passende Hauptgewinn in dieser Rummelbude. Am Wühltisch der Programmideen bleibt jedoch der Trost, dass die meisten Teenager trotz verordnetem "Style Tag" und "Vivalicious" genau wissen: Individualismus ist das definitiv größte Accessoire überhaupt.



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