Timur Vermes

Antisemitismus-Vorwürfe gegen Karikaturist Typisch jüdisch? Typisch Hanitzsch!

Die "Süddeutsche" trennt sich von ihrem Karikaturisten wegen einer umstrittenen Netanyahu-Zeichnung. Cartoon-Experte Timur Vermes findet: Dieter Hanitzsch ist kein Antisemit. Er ist nur hoffnungslos überschätzt.

Dieter Hanitzsch soll jetzt Antisemit ein? Echt? Gut, möglich ist ja vieles, aber Hanitzsch ist einer, der jahrzehntelang praktisch Hand in Hand mit Dieter Hildebrandt durch die Gegend gesprungen ist - das wäre schon sehr überraschend.

Wesentlich mehr Sinn ergibt eine andere Betrachtungsweise: Ich abonniere seit inzwischen 16 Jahren die "Süddeutsche Zeitung". Und nach 16 Jahren mit Karikaturen von Hanitzsch bin ich ziemlich sicher: Der Mann ist kein Antisemit. Er ist nur hoffnungslos überschätzt.

Zum Autor

Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Für den SPIEGEL schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Die kritisierte Karikatur zeigt zunächst mal Benjamin Netanyahu, der sich mit einer Rakete in der Hand freut, weil er "nächstes Jahr in Jerusalem" den Eurovision Song Contest ausrichten darf. Das erinnert an das Prinzip Putin/Fußball-WM oder Peking/Olympia und ist deshalb falsch, weil Putin und Peking sich die Events zum Aufhübschen ihrer Politik gekauft haben, Netanyahu den ESC aber nicht. Ein Antisemit würde das mit Absicht unterstellen und sagen "typisch jüdisch". Ich kann nicht in Hanitzsch hineinsehen, aber viel wahrscheinlicher ist: Das ist einfach ein schiefes Bild - und damit typisch Hanitzsch.

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Googeln Sie einfach mal seine Karikaturen. Man findet etwa von 1994 einen Edmund Stoiber vor den Jagdtrophäen seiner erlegten Konkurrenten. Völlig sinnlos dabei: Franz Josef Strauß, den Stoiber nie erlegt hat, höchstens überlebt.

2005 sieht man Gerhard Schröder als Asterix am Kessel von Jacques "Miraculix" Chirac, er hat einen Zettel in der Hand, auf dem "EU-Krise" steht und will einen neuen Zaubertrank. Die Gallier wohnen in einem kleinen, unterlegenen Dorf, Schröder und Chirac leiten aber einen gigantischen Wirtschaftsraum. Die Gallier werden von Römern angegriffen, die EU von - einem Krisenzettel?

Die Gallier sind Gallier, Schröder ist es nicht. Aber genau so tickt Hanitzsch, und vor allem der ältere Hanitzsch: Das erstbeste Bild, das einem einfällt, wird genommen, zack, fertig, aus.

Karikaturen erscheinen nur, weil es eben in Gottes Namen dazugehört

Aber die abstehenden Ohren? Die Nase? Der "Stürmer"-Vorwurf? Tut mir leid, aber Hanitzsch verteilt Attribute schon seit Längerem wie aus dem Lostopf. Ich habe von ihm Helmut Kohl gesehen mit Waigels Augenbrauen, man findet Angela Merkel und Gerhard Schröder mit wulstigen Lippen, man kann überhaupt oft froh sein, wenn man erkennt, wen Hanitzsch darstellen will.

Ganz schlimm wird es, wenn Prominente halbwegs normal aussehen. Man findet Cartoons mit vier GroKo-Mitgliedern, die in einem Kessel rühren. Man erkennt eine dicke Nahles und den im Rollstuhl. Die anderen beiden? Unidentifizierbar. Oder man sieht Martin Winterkorn im Gefängnis. Woran erkennt man Winterkorn? Gar nicht, also malt Hanitzsch ein VW-Logo an die Knastwand.

Darum verteilt Hanitzsch auch gleich zwei Davidsterne im kritisierten Cartoon: Damit überhaupt erahnbar wird, worum es geht. Ein typischer Hanitzsch von 2013 zeigt das Prinzip: Seehofer und Merkel in überdimensionalen Hosen, die mit Geld um sich werfen. Und für den, der's immer noch nicht checkt, schreibt Hanitzsch "SPENDIERHOSEN" hin. Auf die Hosen. Auf beide!

Nein, Hanitzsch liefert exakt die altväterlichen Karikaturen, über die sich schon 1964 die "Welt im Spiegel" mokierte. Und die nicht zufällig ihre Heimat in der "Süddeutschen Zeitung" haben: Dort, auf der Seite vier, beschriften sie heute wie vor 60 Jahren Tag für Tag Gegenstände oder Tiere mit "SPD", "Staatssäckel" oder "US-Defizit". Irgendwer hält notfalls einen Zettel in der Hand, auf dem "Demokratie" steht oder "Nato", die Trefferquote ist zuverlässig so präzise, wie wenn man einen Brautstrauß wirft. Da erscheinen keine Karikaturen, weil man gute hat, sondern weil es eben in Gottes Namen dazugehört. Genau hier liegt aber das Problem.

Man hätte Hanitzsch mit dem Cartoon auch einfach heimschicken können. Aber bei der "SZ" wissen sie offenbar nicht, was eine Karikatur leisten soll oder könnte, was den guten Cartoon vom schlechten trennt. Ob sie den Namen Philipp "Fips" Rupprecht parat haben, darf man trotz des weit begründeteren Antisemitismus-Skandals von 2014 immer noch bezweifeln.

Hanitzsch abzusägen, löst das Problem nicht: Die "SZ" sollte Cartoon-Auswahl und -Betreuung jemandem anvertrauen, der sich dafür interessiert. Wenigstens ein kleines bisschen.

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