"Superstars" Rockröhre löst Sparkassenlehrling ab

Siegessicher und energisch sang sich Elli durch das Finale der zweiten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar". Kurz nach Mitternacht stand fest: Die meisten Anrufer hatten für die Lehramtsstudentin aus Regensburg gestimmt, die längst nur noch "die Rockröhre" genannt wird.

Nach dem lieben Sparkassenlehrling Alexander, dem Gewinner der ersten Staffel, hat mit Elli eine deutlich unkonventionellere Kandidatin bei der Castingshow den Sieg davon getragen.

"Jaaaa! Die Frauenpower hat sich durchgesetzt! Zwei Frauen, endlich", rief die Moderatorin Michelle Hunziker zu Beginn der Sendung (RTL, 21.15 Uhr) - denn neben Elli, 24, hatte es auch die angehende Erzieherin Denise, 19, aus dem nordrheinwestfälischen Geilenkirchen ins Finale geschafft. Und damit stand das heimliche Motto der Show fest: der Siegeszug der Frauen.

Der Juror und Ex-BMG-Chef Thomas Stein wies darauf hin, dass sich in anderen Ländern bei den Castingshows ebenfalls Frauen die Siege geholt hatten und sprach vom "weltweiten Trend". Davon mal abgesehen, seien auch die neuen Popsuperstars Frauen, Christina Aguilera und Pink zum Beispiel. Der Vorjahressieger Alexander (der inzwischen rätselhafter Weise aussieht wie ein junger Dieter Bohlen) freute sich über "viel Frauenpower fürs Finale", und auch die Jurorin Shona Frazer zeigte sich beglückt darüber, dass "zwei so unterschiedliche Frauen" in die letzte Runde gekommen waren.

Vor allem Elli mit ihren feuerrot gefärbten Haaren und einem Auftreten, das so rau wie ihre Stimme ist, war anfangs auf Widerstand der männlichen Juroren gestoßen - zu wenig weiblich, oder, genauer gesagt, zu wenig das, was sie ihren Privatklischees als weiblich definiert hatten. Die Motorradfahrerin ließ sich auf einen Kompromiss ein und stakste zehn Shows lang unsicher auf hohen Pfennigabsätzen über die Bühne. Als sie zur Siegerin gekürt worden war, zog Elli die hochhackigen Stiefel sofort aus und schleuderte sie weg. Schluss mit der Verkleidung. Bravo.

Die Konkurrentin Denise hingegen zeigte sich den ganzen Abend lang als Gegenmodell: mit braver Frisur, auch mal mit Pferdeschwanz und rosa Jackett wirkte sie wie das nette Mädchen von nebenan. Dass sie aber nicht wegen ihrer optischen Harmlosigkeit ins Finale gekommen war, bewies sie mit allen drei Songs, die sie in der letzten Show vortrug.

Mit klarer Stimme und ziemlich gutem Rhythmusgefühl (da hat sie Elli einiges voraus) sang sie unter anderem den nicht ganz einfachen Song "Natural Woman", den sie zu ihrem Lieblingslied erkoren hatte.

Beide Kandidatinnen hatten jene Konkurrenz aus dem Feld geschlagen, die von der Jury wegen ihrer phantastischen Figur oder ihres süßen Gesichts so gelobt worden waren. Die Finalistinnen jedenfalls haben eher Ähnlichkeit mit den jungen Frauen, die neuerdings Werbung für die Dove-Hautmilch machen, und über deren lebenslustige Formen es in dem Spot heißt: Modelbeine straffen könne schließlich jeder.

Die Jury hatte sich, so schien es, von Anfang an für Elli entschieden: "sensationell", "absolutes Lob" (Thomas Stein), "Du singst besser als Pink", (Dieter Bohlen), "wahnsinnig toll gesungen" (Thomas Bug), "ich werde für dich anrufen" (Shona Frazer) lauteten die Kommentare. Bug schwenkte sogar ein Elli-Fähnchen. Arme Denise. Sie hatte es vielleicht schon geahnt, denn vor der Sendung hatte sie eine Kreislaufschwäche und musste sich erstmal hinlegen.

Der Job der Moderatoren Michelle Hunziker und Carsten Spengemann bestand im Finale in erster Linie darin, möglichst oft "Rufen Sie für Ihren Favoriten an!" oder "Anrufen, anrufen, anrufen!" zu sagen - mit solchen Bettelstimmen, als fürchteten sie, es werde überhaupt niemand die 49 Cent pro Anruf für die Abstimmung investieren. Die Telefone wurden sogar schon nach dem ersten der drei Songs, die die Kandidatinnen singen mussten, freigeschaltet. Warum sollte es RTL auch auf ein faires, qualifiziertes Urteil ankommen, wenn man auf andere Weise mehr Geld verdienen kann?

Den letzten der drei Songs im Finale hatte, wie üblich, Dieter Bohlen geschrieben. "This Is My Life", schon für 1,99 Euro als Klingelton verfügbar, unterscheidet sich musikalisch in nichts, aber rein gar nichts, von allen anderen Bohlen-Songs. Auch der Text wirkt wieder mal, als habe ein Computer ihn mit Hilfe eines Zufallsgenerators aus englischen Phrasen zusammengesetzt. Bald wird die Single in den Läden stehen, und wenn es so läuft wie bei der ersten Superstar-Staffel, wird er auf Platz 1 der Charts landen.

Die härteste Prüfung kommt deshalb für Elli erst noch: mit ihrer rauen Frauenpower aus Bohlens glattem Simpelpop einen halbwegs erträglichen Song zu machen.

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