S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Verschwinden wir als Freunde 

Pöbeln ist so einfach. Macht aber schlechte Laune. Ist doch viel einfacher, sich zu sagen: Bald sind wir ohnehin alle tot.

Eine Kolumne von


Die Geschichte, die ich Ihnen heute zum Einschlafen erzählen möchte, beginnt mit einem beiläufigen Satz auf Twitter. "Hach ja, das Leben kann so einfach sein, an der #Goldküste des #Zürichsee." Schreibt Markus, nach oberflächlicher Spionage Kleinunternehmer aus München.

Die Replik, die sich gewaschen hat, bezieht sich auf einen durchschnittlich analytischen Text von mir hier auf dieser Plattform aus der letzten Woche. Der kurz zusammengefasst aussagte, dass ich verwirrt betrachte, was in der Welt gerade passiert, und dass es mir, um nicht in eine Panik zu geraten, hilft, jeden Morgen ein wenig zufrieden zu sein, denn es ist kein Krieg vor meiner Tür und mein Körper funktioniert noch recht gut.

Dieser kleine Trick aus der Psycho-Beschwichtigungskiste für Laien ist nicht meine Erfindung. Aber was habe ich schon erfunden, außer der Kunst des Besserwissens? Okay, zurück zu dem großen Problem, das sich in Markus' kleinem Post ausdrückt. Wir verlassen dazu Markus, von dem ich keine Ahnung habe, verlassen die Goldküste, reden wir von M. - dem Menschen.

Großes Misstrauen, große Angst

M. möchte nicht innehalten, und sei es nur für kurze Zeit, um sich daran zu erinnern, dass niemand ihm oder ihr ein Leben in Reichtum und Frieden versprochen hat. Es gibt kein Anrecht auf nichts per Geburt, und hätte M. das Pech, als Kuh geboren worden zu sein, wäre er oder sie jetzt bereits Tartar. Im Laufen verzehrt von irgendeinem Deppen, der Tiere echt gerne mag. Nicht innehalten, nicht denken, agieren. In M.s Fall mit Ablehnung.

Studiert man M.s Posts in den sozialen Netzwerken, dann sprechen sie von großem Misstrauen in die Politik, und von großer Angst vor dem Islam. Beide Ängste sind echt okay und nicht unbegründet. Ich kann nicht wissen, was einem Menschen an Unbill widerfahren ist. Vielleicht wurde M.s Kind von einer Gang verprügelt, M.s Firma von einem Asylantenmob geschreddert. Und wenn nicht heute, so kann es morgen passieren. Warum nicht.

Es kann alles passieren, teilweise auch Dinge, die so schrecklich sind, dass selbst die Fantasie eineR TieresserIn dazu nicht ausreicht, sie sich vorzustellen. Was sich in den Aussagen des Menschen M. manifestiert, ist das große Problem des generellen Misstrauens, der Ablehnung und des Neides, das die Menschen in vielen europäischen Ländern gerade in zwei Lager spaltet. M. fühlt sich als Zukurzgekommener. Die Schweiz steht für ihn als Synonym des Bösen, Nazigold, Nestlé, viele Deutsche haben bisher auch das Steuersystem des Landes noch nicht begriffen, das nur für ein Einkommen über eine Million erleichternd ist. Mittelprächtige Freiberufler würden in den meisten Ländern sehr viel mehr Geld zur Verfügung haben. Egal.

Tee trinken, durchatmen, weniger hassen

Die atemlose Ablehnung jedes Lebensentwurfs, der nicht dem eigenen entspricht, jedes Status, der dem eigenen nicht vergleichbar erscheint, ist Ausdruck der tiefen Verunsicherung der M.s, die auch wiederum vollkommen zu Recht erfolgt. Das Leben ist nicht sicher. Leute gehen viel zu schnell kaputt. Früher war mit 40 Schicht im Schacht, heute vielleicht mit 80. Und was da alles schiefgehen kann. Vielleicht überleben wir die AfD, die Flüchtlinge, die Roboter, die multiresistenten Keime und den Feudalismus vor unserer Tür. Vermutlich - nicht.

Mensch M., lassen Sie uns einen Tee zusammen trinken, trinken Sie Tee mit allen, die Sie gerade hassen! Sie werden merken, wir haben alle keine Ahnung. Islamismus, die vierte industrielle Revolution, das Erstarken polemischer Konservativer, die uns auch nicht retten werden, sondern nur ihre reichen Buddys - die Welt ist für uns Europa, und darum geht es doch, oder? Was interessiert uns schon der Rest - der ist unsicher und bedrohlich geworden. Wir hatten bisher einfach Glück. Richtige Zeit, richtiger Ort, Sie wissen schon. Stellen Sie sich vor, wir wären in Bangladesch geboren. Als Kinder einer Frau in einer Textilfabrik. Na Mahlzeit.

Hass hilft nicht, Angst hilft nicht. Tee trinken, durchatmen, weniger hassen, nachdenken, ob noch etwas zu retten ist, vermutlich nein. Also lassen Sie uns als Freunde von dieser Welt verschwinden.



insgesamt 106 Beiträge
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Seite 1
berthold0609 04.06.2016
1. Zu diesem Artikel kann ich nur eins sagen
Danke
Dudenquatscher 04.06.2016
2. Ich kann das nur unterstützen!
Natürlich finde ich mich selbst auch wieder in diesem Artikel, irgendwie sind wir sicher alle eine wenig M. Also hinsetzen und auch mal Tee trinken. Und nicht immer alles gleich ablehnen, was einem fremd und vlt. bedrohlich erscheint. Danke Frau Berg.
WiderstandsgewächsII 04.06.2016
3. ups, heute schon der zweite Kommentar
der bewegt! Vielleicht sollten wir alle mehr auf der anderen Seite der gedanklichen Zäune unterwegs sein, nicht nur schreiben wie sich die Zahnbürste im Mund sondern auch der Mund mit der Zahnbürste fühlt. Als Maskulist und Männerrechtler gehe schon mal in Frauenhäuser und rufe sogar die Polizei, wenn mein Nachbar wieder mal seine Frau schlägt. Aber vielleicht liegt es daran, dass ich keine Angst habe und Flüchtlinge in deren Ländern ich jahrelang wohnte, verstehen kann, wenn sie bei uns wohnen wollen. Das heißt nicht, dass ich keine Probleme befürchte, denn wir müssen einfach viel vermitteln, was sie einfach noch nicht kannten. Ein Grundproblem ist dass immer wieder Korrelationen mit Kausalitäten verwechselt werden, und wir Menschen offensichtlich aus Vereinfachung dazu neigen, Korrelationen als Kausalitäten anzunehmen. Das kann man tatsächlich nur bei ausreichend langen Teepausen erklären und selbst dann bleibt noch eine übergroße Menge Unwissender zurück!
SigismundRuestig 04.06.2016
4. Geschichte wiederholt sich
Jetzt habe ich mich 2 Jahre in sozialen Medien wie Facebook etc. und in Foren diverser klassischer (Zeitungs-)Medien getummelt und fleißig ausgewählte Themen aus Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Philosophie kommentiert. Ich muß feststellen, dass diese Medien zur seriösen Diskussion derartiger Themen ungeeignet sind. Selbst viele Medien schließen ihre Foren z.B. bei Flüchtlingsthemen. Zu viele der Teilnehmer basteln sich ihre eigene Wahrheit zusammen, akzeptieren keine abweichende Meinung und bringen das auch noch unflätig und häufig beleidigend in primitiven Jargons und Denkmustern zum Ausdruck. Wir wissen, dass mittlerweile rd. 20% unserer Bevölkerung (im Osten mehr, im Westen weniger) dem Gedankengut von AFD und PEGIDA folgen. Viele wehren sich, in die rechte Ecke gestellt zu werden ("man wird doch noch mal sagen dürfen", oder: "man wird doch noch mal singen dürfen"). Aber in diesem Fall mache ich es mir auch mal so einfach wie diese "besorgten Bürger": Wer rassistische Parolen absondert, ist verdammt noch mal ein Rassist! Und wer populistisch gegen Flüchtlinge hetzt, befördert Ausländerfeindlichkeit und ist für solche abstoßenden Bilder wie z.B. kürzlich wieder in Sachsen auch mit verantwortlich! Dort hetzen selbsternannte Retter des christlichen Abendlandes unbehelligt gegen Flüchtlinge und treten damit die christlich-abendländische Kultur mit Füßen (offensichtlich sind sie intellektuell nicht in der Lage, diesen Widerspruch zu erkennen!). So weit ist es mit unserer Gesellschaft gekommen! Geschichte wiederholt sich. Man möchte heulen. Und die - angeblichen - Lügenmedien machen das alles beflissen mit und befördern das damit noch! Ich habe versucht, meine diesbezüglichen Erfahrungen in meinem Song "Der Tastaturrevoluzzer" zu verarbeiten. "... Die Kommentare anderer Leute: teils Verschwörer der übelsten Sorte, teils dumpfbackige, hirnlose Beute einer versponnenen, verbohrten Kohorte...." http://youtu.be/sBom50KrkBk Viel Spaß beim Anhören. Ich habe aber keine Lust mehr, mich als Projektionsfläche für verwirrte, teils enthemmte Wut-Gedanken anzubieten. Damit beendet Rock-Blogger und Blog-Rocker Sigismund Rüstig seinen Versuch, auf multimediale Weise Meinungen und Kommentare zu aktuellen Reiz-Themen in Form von Texten und Liedern zu posten und verabschiedet sich aus diesem Forum. Nicht alle Medien haben dieses Format verstanden!
Ishibashi 04.06.2016
5. Hass
ist im Moment zu einem Modewort degeneriert, zumindest auf SPON sieht gerade jeder überall und immer Hass. Ich denke meist wird das Wort nur benutzt um andersdenkende zu diffamieren. Kaum einer diagnostiziert den Hass bei sich selbst, den haben immer die anderen.Wenn ich gegen den Zuzug von Migranten bin muss ich die hassen. Warum eigentlich ??? Wenn mich ein Geschäftspartner aus Pakistan vorwurfsvoll fragt warum wir seinen Landsleuten Asyl geben dann spürt man wie beleidigend diese Arroganz gegenüber denen ist die für ihr Land arbeiten.
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