S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Sepp Blatter und der Bodensatz des Verstands

Sechs arabische Länder wollen Ausländer auf Homosexualität testen, wenn diese bei ihnen arbeiten wollen. Darüber sollten wir uns aufregen. Regierungen, die Menschen für Liebe bestrafen, dürfen nicht unsere Freunde sein. Und Fifa-Funktionäre, die dazu hopsen, auch nicht.

In 80 Ländern, darunter in fast allen arabischen Staaten, ist Homosexualität verboten. Die Todesstrafe oder langjährige Gefängnisstrafen, Peitschenhiebe und Ächtung erwarten alle, die gegen islamische Tradition verstoßen. Die Religion mal wieder, vor Tausenden von Jahren erdacht, ist immer noch Halt für Milliarden Menschen, und kann das ruhig auch bleiben. Solange sie verdammt noch mal nicht nervt, Menschen nicht für ihr Menschsein bestraft oder sich mit Politik und Staatsführung vermischt.

Apropos. Ich erinnere mich an den vor Glück hopsenden Fifa-Präsidenten Joseph Blatter, als nach einer vollkommen finanzunabhängigen Entscheidung Katar zum Austragungssort der Fußballweltmeisterschaft 2022 wurde. Hier schien das Gesamtpaket von Klima, Fußballtradition und Menschenrechten einfach gestimmt zu haben. Katar ist freundlich zu seinen Gästen, solange sie nicht weiblich und sittenwidrig bekleidet oder eventuell homosexuell sind.

Die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Kuwait, Oman, Bahrain und Katar wollen Ausländer, die sich um eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung bewerben, auf Homosexualität testen. Das könnte eigentlich ein drolliges Unterfangen sein, denn wie will man die Liebe und das Begehren einem Test unterwerfen? Arbeiten die Golfstaaten mit der Universität Kiel zusammen, deren Wissenschaftler eine Art Sexualtest entwickelt haben, der darauf basiert, dass Probanden beim Betrachten von Bildern weiblicher und männlicher Genitalien unterschiedliche Muster in der Aktivität verschiedener Hirnbereiche je nach sexueller Neigung nachgewiesen werden? Oder gehen die Herren, vertreten durch Jusuf Midkar vom kuwaitischen Gesundheitsministerium, wirklich davon aus, dass (gleichgeschlechtliche) Liebe zwingend etwas mit Penetration zu tun hat und wollen sich die Geschlechtsteile mal ganz genau anschauen?

Wissen wir wirklich alles besser?

Es scheint, dass jeder Schritt, den die Menschheit in ihrer Entwicklung nach vorne macht, durch zwei Rückwärtsschritte wieder außer Kraft gesetzt wird. Das Hirn. Ein famoser Racker. Und wir, falls wir bei Sinnen sind, fragen uns kurz, bevor neue Nachrichten über lustige Bischöfe, Selbstmordattentate und Klimakatastrophen uns verwirren: Was soll man tun? Es steht uns nicht an, uns in die Traditionen - lautes Lachen - anderer Länder einzumischen, und wissen wir wirklich alles besser? Über den Bodensatz des Menschenverstands verfügen wir fast alle. Und wenn man sich die Mühe macht, Gedanken zu Ende zu bringen, kann man gute Antworten finden.

Die Fragen beginnen immer mit: Was wäre, wenn ich nicht weißhäutig, heterosexuell und in eine relative Freiheit hineingeboren wäre? Und was kann ich tun, damit sich irgendetwas auf der Welt, weit weg von meiner Haustür, verändert? Die Antwort ist einfach: Regierungen, die Menschen für Liebe bestrafen, können keine Freunde sein.

Wir können uns unsere Urlaubsländer genauer ansehen, Fußballspiele meiden, Weltmeisterschaften boykottieren und nie, nie aufhören, uns aufzuregen. Denn solange man das tut, besteht eine Hoffnung auf eine Weiterentwicklung unser aller Hirne. Und sei sie auch noch so minimal.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.