S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wer sich bekämpft, streikt nicht

Wir führen Stellvertreterkriege - gegen die Armen, Zuwanderer und Homosexuelle. Warum gehen wir 2014 nicht einmal gegen diejenigen auf die Straße, die wirklich die Macht haben?

Die Neujahrsansprache, liebe Leserinnen und Leser, erreicht Sie aus logistischen Gründen erst heute. Außer für jene, die im alten Jahr ihren Job oder ihre Liebe verloren haben, die krank geworden sind oder einfach traurig, wird für die meisten das Leben so weitergehen, wie es im alten Jahr aufgehört hat. Mittelmäßig. Die Stagnation des famosen sogenannten Wachstums scheint besiegelt zu sein. Die Hoffnung, dass alles wieder gut wird, im Sinne von - vor den Krisen, vor den Bankenskandalen, vor der gewachsenen Weltbevölkerung - gut, ist kaum mehr haltbar. Es wird vermutlich für die meisten von uns ökonomisch nicht besser werden. Eher schlechter.

Es steht zu vermuten, dass nur mehr ein paar Prozent der Menschheit ihren Reichtum vermehren, ihre Position ausbauen können. Und wenn Sie gerade meine Kolumne lesen, gehören Sie eventuell nicht dazu. Gewinner lesen nicht selber. Sie haben keine Zeit für Unwichtiges. Statt zu glauben, dass Wunder geschehen, dass es uns wieder so gehen könnte wie der Mehrheit vor uns, mit soliden, lebenslangen Arbeitsverhältnissen, Eigenheimen, guter Ausbildung der Kinder, genug Platz im öffentlichen Verkehr, finden wir uns also besser mit dieser Zeit des Überganges in eine ungewisse Zukunft ab. Oder wir kämpfen. Aber gegen wen nur?

Immer wenn die Zeiten spürbar anstrengender werden, um nicht direkt von schlechter zu reden, hilft es den wenigen Prozent der Gewinner, wenn sich die Arbeiterklasse, die heute Angestelltenklasse heißt, bekämpft. Das lenkt so hübsch ab. Verteilungskämpfe, getarnt als Kampf um Tradition, Religion. Wer sich bekriegt, streikt nicht. Wer den anderen Verlierer hasst, hasst den Gewinner nicht. Klingt einfach, ist es auch.

Ein gefundener Feind

Wir führen Stellvertreterkriege. Gegen arme Zuwanderer, gegen Randgruppen, gegen die Schwächeren. Vielleicht nicht Sie, es sind ja immer die anderen, haben den Feind gefunden. Er ist Asylant, oder Osteuropäer, er ist homosexuell, männlich oder weiblich. Und er ist schuld: dass ich Angst habe, dass meine Gewohnheiten in Frage gestellt werden und dass die Welt gerade nicht besser wird.

Ich weiß gar nicht mehr, ob uns das jemand versprochen hat, oder ob es sich um einen kollektiven Wahn handelte. Das vergangene Gefühl, in einer sich ständig zum Positiven verändernden Welt zu leben. Den Eltern ging es besser als den Großeltern, warum sollte diese Gesetzmäßigkeit unterbrochen werden. Bald, so wird vermutet, werden die meisten Arbeiten computerisiert erledigt. Man braucht all die Menschen nicht mehr für den Erhalt der Stagnation. Man benötigt sie als Konsumenten, aber was sollen sie konsumieren? Wenn der letzte Bereich des gesellschaftlichen Seins privatisiert ist, werden wir an dem Punkt angekommen sein, vor dem uns Pessimisten immer brabbelnd gewarnt haben. Dem Abstieg. Vom Gipfel, vom Zenit, doch es wird nicht so schlimm werden.

Bleiben Sie ruhig, die Abänderung wird allmählich erfolgen. Langsam und gutgelaunt können wir uns an etwas Neues gewöhnen. Oder auf die Straße gehen, Krawall machen, streiken, solange wir uns nicht gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Ein gutes neues Jahr Ihnen allen.

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