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Kunstaktion: Nur ein Kind darf leben

Foto: Zentrum für Politische Schönheit

Syrische Pflegekinder in Deutschland Danke, Manuela Schwesig!

Gute Idee: Das Bundesfamilienministerium startet eine Aktion zur Rettung syrischer Kinder, in Deutschland sollen sie vor dem Bürgerkrieg in Sicherheit gebracht werden. Schade eigentlich, dass es sich dabei nur um eine drastische Kunstaktion handelt.

Syrien ist die Schande des Westens, ein humanitäres Desaster mit 150.000 Toten und neun Millionen Flüchtlingen - doch die deutsche Bundesregierung scheint nun endlich zu reagieren. Das Familienministerium von Manuela Schwesig plant, so kann man es auf der Webseite kindertransporthilfe-des-bundes.de  nachlesen, bis zu 55.000 syrische Kinder nach Deutschland zu holen: "1 aus 100" soll die Aktion heißen, insgesamt sind mehr als fünf Millionen Kinder in Syrien in Not.

Vorbild der spektakulären Aktion wären die Kindertransporte, bei denen die Briten in den Jahren 1938 und 1939 10.000 jüdische Kinder aus Hitlers Deutschland holten: "Manchmal muss man dem Teufel die Hand reichen, um das Leben anderer zu retten", wird Familienministerin Schwesig auf der Webseite zitiert.

Ein paar Klicks reichen, dann hat man sich das Bewerbungsformular heruntergeladen - es werden außerdem Fragen zur finanziellen Unterstützung beantwortet (1000 Euro pro Monat), zu den Ansichten der Bewerber über die arabische Welt (im Gespräch zu klären), was passiert, wenn sich der Syrienkrieg über den 18. Geburtstag des Pflegekindes hinzieht ("die Betroffenen" werden zurückgeschickt) und ob man den Namen des Pflegekindes ändern kann (in Ausnahmefällen): "Alles ist bereit", sagt Philipp Ruch, "wir haben in sechs Monaten ein fertiges Hilfsprogramm erarbeitet, das wir nun schlüsselfertig dem Ministerium übergeben."

Denn "1 aus 100", das seit diesem Montag online ist, ist eine Kunstaktion des "Zentrums für politische Schönheit", dessen Kopf Ruch ist - wobei das Wort Kunst in diesem Fall etwas in die Irre führen kann: Ruch meint es ernst, sehr ernst, er will Druck auf die Politiker machen, er will das Thema Syrien ins Bewusstsein der Menschen bringen, er will, dass sie sich konkrete Fragen stellen danach, was sie zu tun bereit sind, um zu helfen, er will im Grunde mit seiner hyperrealistischen Aktion selbst eine Realität schaffen. Die Kinder, am besten auch die Eltern, sollen wirklich kommen. "Bei mir ist etwas schiefgelaufen in der Schule", sagt Ruch, 33, "für mich ist der Satz 'Nie wieder Auschwitz' tatsächlich eine Verpflichtung."

"Deutsche Herzen mit dem Brecheisen öffnen"

Was also ist Deutschland bereit zu tun? Was hat das Land, jenseits der Sonntagsreden, wirklich aus der Geschichte gelernt? Ruch und das "Zentrum für politische Schönheit" haben diese Fragen schon ein paar Mal gestellt: 2010 etwa, als sie aus 16.744 Schuhen ein Mahnmal für die Toten von Srebrenica bauen wollten, das zugleich ein Schandmal für die UN sein sollte, die offiziell 8372 Bosnier abschlachten ließ, ohne einzugreifen.

Oder 2012, als sie mit einer Plakataktion 25.000 Euro Belohnung für denjenigen versprachen, der Beweise bringt, die die Eigentümer der deutschen Rüstungsfirma Krauss-Maffei Wegmann in Haft bringen - die Namen der Besitzer der Firma, die unter anderem Panzer nach Saudi-Arabien liefert, waren auf dem Plakat vorsorglich schon mal genannt.

"Es geht auch dieses Mal leider nicht anders, als den Deutschen die Herzen mit dem Brecheisen zu öffnen", sagt Ruch - und so wird die zweite Phase der Aktion "1 von 100" die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks austesten: "Aggressiven Humanismus", so nennt Ruch seine Haltung. "Mütter zum Beispiel sind hochgefährdet bei dieser Aktion."

Welches der Kinder darf überleben?

Nachdem sie also eine Woche Druck gemacht haben werden auf die Politik mit Anfragen, die Dementis produzieren sollen ("Nein, die deutsche Regierung rettet keine Kinder wie damals die Briten"), nachdem sie die Auslandspresse in Gang gesetzt haben werden und mit zwei Überlebenden der britischen Kindertransporte vor das Kanzleramt gezogen sein werden, nur um von Angela Merkel wahrscheinlich nicht empfangen worden zu sein - nach all dem wollen sie in der kommenden Woche am Denkmal für die Kindertransporte an der Friedrichstraße einen Bilderkubus aufbauen, auf den sie die Fotos von Flüchtlingskindern projizieren: Möglicherweise verstörend, wie es Krieg so an sich hat, aber immerhin wird es nebenan ein Sanitätszelt geben, wo syrische Ärzte die Deutschen behandeln, denen so viel Realität zu viel ist.

100 Bilder von 100 Kindern werden dort gezeigt - aber nur eins kann gewinnen, nur eins kann nach Deutschland kommen und gerettet werden: Also darf man abstimmen, welches der Kinder, ja, überleben darf.

Ob das zynisch ist? Es ist die Stärke dieser Aktion, dass sie solche kritischen Fragen gleich an den Fragenden zurückverweist: Was bedeutet Helfen? Was bedeutet Selektion? Was bedeutet die historische Schuld für die Gegenwart? Es sind lauter Aporien, in die diese Aktion steuert, und die größte ist, ganz pathetisch gesagt: Wie können wir ruhig leben, wenn wir wissen, dass es dieses Leid gibt?

Denn wenn es zynisch ist, das Leid von Menschen zu zeigen, um dieses Leid zu ändern, wie zynisch ist es dann, dieses Leid zu verbergen und zu verdrängen, und das Morden geht einfach weiter?

Wenn sich Passanten beschweren über die Bilder, sagt Ruch, werden sie die Bilder nicht mehr zeigen - damit ist dann aber auch das Kind automatisch ausgeschieden. Man kann also, im Germany's-Next-Topmodel-Modus, über Leben und Tod entscheiden.

Billiger ist Moral leider nicht zu haben.