Syrische Soaps Die Freiheit der Seife

Syrische Seifenopern sind ein Exportschlager in der gesamten arabischen Welt. Die Wirtschaftsmacht der Fernsehware ist so groß, dass die staatliche Zensur immer öfter regimekritische Töne zulässt. So werden ausgerechnet seichte Serien zum wichtigsten Kulturträger Syriens.

Von Gabriela Keller, Damaskus


Ein Sportwagen schießt von einer Klippe des Berges Qassioun nahe Damaskus in die Tiefe, prallt auf die Felsen und explodiert. Es ist die letzte Wahnsinnstat des Sohnes eines hohen Regierungsbeamten, das Ende eines Lebens voller verbrecherischer Exzesse. So zeigte es die Serie "Gazellen im Wald der Wölfe" vergangenen Oktober – und bescherte Syrien den Medienskandal des Jahres. Die Zuschauer hatten automatisch Machtmissbrauch im politischen Alltag ihrer Republik vor Augen, so deutlich spielte die Soap auf einen früheren Premierminister an, der sich 2000 nach einer Anklage wegen Korruption das Leben nahm.

Normalerweise unterdrückt das autoritäre Regime in Damaskus jede Form kritischer Meinungsäußerung. Hunderte von Dissidenten sitzen im Gefängnis, das letzte demokratische Diskussionsforum musste vor knapp zwei Jahren schließen. Doch ausgerechnet Regisseuren von Fernsehserien lässt der Staat die offene Darstellung politischer und gesellschaftlicher Missstände durchgehen.

Eine Serie aber, die Bezug auf einen realen Korruptions-Fall nimmt, so etwas hatte es noch nicht gegeben. Dass die Produktion durch die Zensur kam, hat selbst Regisseurin Rasha Sherbatji gewundert: "Das Thema war sicherlich gewagt. Wir hatten uns gefragt, ob sie es verbieten würden." Noch vor wenigen Jahren hätte ein so aussagekräftiges Drehbuch keine Chance gehabt. "Aber jetzt wirft das syrische Drama Schlaglichter auf alle Klassen und alle Belange."

Die Soaps aus Syrien kommen für nahöstliche Verhältnisse ungewöhnlich kontrovers, frisch und mutig daher; die Regisseure greifen ohne Scheu Tabuthemen wie Drogen, Aids und Terrorismus auf – Probleme also, die zwar brennend aktuell sind, aber in den konservativen arabischen Gesellschaften normalerweise nicht öffentlich diskutiert werden.

Damit haben sich syrische Serien von Marrakesch bis Mekka zu Publikumslieblingen entwickelt – selbst über schwerste politische Verwerfungen hinweg: Auch der Sender Future TV, eine Gründung des libanesischen Ex-Premiers Rafiq Hariri, zeigt Soaps made in Syria, obwohl Damaskus unter Verdacht steht, die Ermordung des Politikers orchestriert zu haben. Einzig Ägypten mit seiner enorm produktiven Fernsehindustrie zeigt vornehmlich Einheimisches, obwohl die syrischen Serien als zeitgemäßer und handwerklich überlegen gelten.

Der größte Wirtschaftszweig nach dem Öl

Über 40 Serien mit je 30 Folgen werden pro Jahr in Syrien produziert, die meisten für den Fastenmonat Ramadan, die traditionelle Zeit allabendlicher Fernsehberieselung. Wegen der immensen Einschaltquoten zahlen die Sender zu dieser Zeit bis zu einer Million Dollar für die Ausstrahlungsrechte – zehn Mal mehr als in den anderen Monaten, während derer die Serien zusätzlich mehrfach als Wiederholungen verkauft werden.

"Fernsehserien sind heute nach dem Öl der größte Wirtschaftszweig in Syrien", sagt der Regisseur und Produzent Haitham Haki. Der 58-Jährige gilt als Vorkämpfer der syrischen Serienqualität, weil er als einer der Ersten außerhalb der Studios an realen Orten arbeitete, und zwar mit einer mobilen, statt mit drei fest positionierten Kameras.

Seit 30 Jahren sucht Haki zudem die inhaltliche Kontroverse, etwa mit dem Drama "Erinnerungen an die Zukunft": "Darin geht es um eine Generation, die es versäumt, Reformen durchzusetzen. Das erschwert das Leben der folgenden Generation: Alle arbeiten hart, können aber nichts ändern, denn es ist ihnen verboten, sich politisch zu betätigen", beschreibt er die Handlung seiner Soap. Damit legte er den Finger in die Wunde eines Landes, dessen Stagnation schon jetzt die Jugend um ihre Zukunft bringt.

Doch auch wenn die staatlichen Kontrolleure inzwischen heikle Themen wie dieses genehmigen – ihre Arbeit erledigen die Zensur-Beamten so gewissenhaft wie eh und je. "Bevor ich beginne, lege ich das Drehbuch dem Staatsfernsehen vor", sagt Haki, "und wenn die Serie fertig ist, wird sie noch einmal überprüft." Hinzu kommt die religiöse Zensur. Die ist im säkularen Syrien nicht offiziell geregelt, sondern ergibt sich aus marktwirtschaftlichen Erwägungen sowie persönlicher Risikofreude: Dem Regisseur Najdat Anzour hagelten Todesdrohungen ins Haus, nachdem in einer seiner Serien angezweifelt wurde, dass auf Selbstmordattentäter im Paradies 72 Jungfrauen warten.

Höchstpreise für syrische Ware

Saudische Sender zahlen zwar Höchstpreise für die syrische Ware, wollen aber ihren Zuschauern nicht zumuten, wie Mütter ihre Söhne umarmen: Die Schauspieler seien schließlich nicht miteinander verwandt. Verglichen mit dieser moralischen Strenge sei die politische Zensur in seiner Heimat geradezu umgänglich, meint Haki: "Die Qualität unserer Arbeit wird respektiert, damit haben wir viele Mauern durchbrochen. Nun trauen wir uns jedes Jahr noch ein bisschen mehr."

Dass der Kontrollapparat allein aus Respekt vor künstlerischer Freiheit weich wird, ist jedoch eher unwahrscheinlich. In der TV-Branche vermutet man eher, dass Syrien das Millionengeschäft mit den Serien vor dem Hintergrund seiner ansonsten brach liegenden Wirtschaft nicht mit Restriktionen ersticken will.

Und so flackern über die Fernsehbildschirme Bilder wie diese: In einer Grundschule tritt eine Lehrerin vor ihre Schüler und fragt, was diese später einmal werden möchten. "Staatspräsident", sagt ein besonders aufgeweckter kleiner Junge und versetzt damit sein gesamtes Viertel in Hysterie: Die Lehrerin rennt panisch zur Schulleitung, die Eltern werden verständigt, und nach kurzer Zeit versuchen alle zu ermitteln, was nun zu tun sei. Mit den Sketchen seiner satirischen Serie "Spotlight" wurde der Regisseur Layth Hajo vor sechs Jahren berühmt. Erst kürzlich habe Präsident Baschar al-Assad ihn und einige andere Regisseuren getroffen und ihnen dazu geraten, noch weiter zu gehen, erzählt er.

Die Serienproduktion blüht als einziger Kulturbereich in Syrien. "Ich bin zum Fernsehen gekommen, weil es nichts gibt, womit ich sonst Geld verdienen kann", sagt der Drehbuchautor Khaled Khalifeh. "Hier liest kein Mensch Bücher, Kino und Theater finden kaum statt. Was soll ich also sonst schreiben?" Die kritischen Ansätze der Serien kann der 42-Jährige daher auch nicht als demokratischen Fortschritt sehen: "Syrien produziert 1000 Stunden Fernsehunterhaltung im Jahr, aber keine einzige gute Zeitung", sagt er. "So wird keine Kultur gemacht, sondern allenfalls Geschäfte."

Zudem gehe das Regime kaum ein Risiko ein: "Es ist ja ein Regierungsprojekt. Alles findet im Rahmen des Staatsfernsehens statt. Jede Produktion wird vom Skript bis hin zur letzten Drehfassung überwacht und kann jederzeit gestoppt werden." Das Regime, glaubt Khalifeh, gewährt auf diese Weise ein wenig Offenheit, um vom sonstigen Mangel an Freiheit abzulenken. Fernsehen als kontrollierter Ausbruch aus dem Überwachungsstaat, der das System nicht gefährdet, weil er Teil des Systems ist: "Wenn die Leute genug Fernsehen gucken, haben sie keine Zeit, über Politik nachzudenken."



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