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Tag des offenen Denkmals: Monumente, ganz privat

Foto: Mietergemeinschaft Haynstraße-Hegestraße

Tag des offenen Denkmals Monumente, ganz privat

Vom Spekulantenfresser zum Denkmalpfleger: Wenn Reinhard Barth am Sonntag durch sein Wohnzimmer führt, kann er aus erster Hand von der Hausbesetzerbewegung der Siebziger erzählen. Und das ist nur eine von vielen Möglichkeiten, den "Tag des offenen Denkmals" zu verbringen.

In Eppendorf bereitet sich Reinhard Barth darauf vor, dass in einigen Tagen 100 Menschen, vielleicht 200, durch sein Wohnzimmer spazieren werden. Sie werden sich über den alten Holztisch beugen, an dem Barth nun noch ganz entspannt sitzt und auf dem er dann die Baupläne des Hauses ausbreiten wird. Sie werden den Flur entlang und über seine Teppiche laufen, zwischen den Bücherregalen hindurch. Und immer, sagt Barth, suchten die Gäste nach dem Geheimnis, das sein Haus von all den anderen unterscheidet.

Doch noch ist vom Ausnahmezustand nichts zu spüren und nur sehr wenig zu sehen. Vielleicht weil Barths ganzes Leben ein bisschen Ausnahmezustand ist. Das Haus, in dem Barth lebt, hätte eigentlich schon vor 40 Jahren abgerissen werden sollen, wenn Barth und die anderen Mieter sich nicht zur Wehr gesetzt hätten. Sie haben aus Holz, Draht und Bettlaken einen Dinosaurier gebaut und auf den Namen "Spekulantenfresser" getauft, der heute noch im Vorgarten steht, und die Vermieter in einen Mietvertrag hinein gehandelt, der heute noch gilt und der es nahezu unmöglich macht, ihnen zu kündigen. Im Flur liegt nun ein Schild bereit aus den alten, rebellischen Tagen. "Haynstraße muss bleiben" steht sehr groß darauf und sehr viel kleiner: "Bitte stehen lassen, wird am Tag des offenen Denkmals gebraucht".

Der Tag des offenen Denkmals findet jedes Jahr am zweiten Sonntag des Monats September statt. Das Besondere daran ist, dass auch Denkmäler zu besichtigen sein werden, die an den übrigen Tagen des Jahres verschlossen bleiben. Rund 7500 Denkmäler in ganz Deutschland werden an diesem Tag geöffnet werden, Ausgrabungsstätten und Fachwerkhäuser, Burgen und Kirchen und Pilgerstätten. Man wird Kaffee trinken können auf den Dächern der ersten Hochhaus-Wohnsiedlung Deutschlands, Leuchttürme besichtigen, durch Freimaurerlogen oder über die Dächer der Koksöfen auf der Zeche Zollverein spazieren können oder auch durch Barths Wohnzimmer.

Geschichten von Dekadenz und Armut

"Seit wir den Kampf um den Erhalt des Hauses geführt haben, war mir klar, dass ich halb öffentlich wohne", sagt Barth. Im Dachgeschoss hat er ein Archiv eingerichtet, in dem er alle Hauspapiere lagert, es gibt Flugblätter von früher und auch Fotografien, auf denen Barth zu sehen ist wie er einzog: ein Student Anfang zwanzig mit einem Hund auf dem Schoß. Inzwischen ist Barth 66 Jahre alt, und in den Jahren dazwischen hat er nicht nur in dem Haus gelebt, sondern es auch studiert. So wie die Sache mit der geflickten Wand. Eines Tages entdeckte er ein zugemauertes Loch in der Fassade. "Solche Sachen", sagt Barth, "kombiniere ich mit den Geschichten der alten Bewohner." Das fügte sich zu einem Bild von den Lebensumständen nach Ende des Zweiten Weltkrieges: Jede Familie in ein Zimmer gepfercht, blieb den Bewohnern nichts anderes übrig, als das Ofenrohr durch die Wand zu stoßen. Alle Armut und Enge ist heute noch zu sehen an der unterschiedlichen Farbe des Mörtels an diesem Stück der Wand. Mitten in der prächtigen Fassade aus der Jahrhundertwende, wegen derer das Haus vor einigen Jahren unter Denkmalschutz gestellt worden ist.

Wer Bauten lesen kann, dem erzählen sie Geschichten. Weil man jeden architektonischen Entwurf in einen Lebensentwurf übersetzen kann. Wie jenes Bahnhofsgleis in Wiesbaden, das einmal gebaut worden ist, damit Kaiser Wilhelm II. ein eigenes Gleis hat, das allein ihm zur Verfügung steht, wann immer er durch Wiesbaden zu Reisen gedenke. Geschichten von Dekadenz und Utopien, von Kriegen und Leid und Armut und Vergänglichkeit sind so den Städten eingeschrieben.

Die Öffentlichkeit, so lautet die offizielle Hoffnung, möge am Tag des Offenen Denkmals für die Interessen der Denkmalpflege und die Bedeutung des kulturellen Erbes sensibilisiert werden. Aber sein volles Potential entfaltet der Tag abseits aller Schlossführungen und Museumsmomente, wenn dieses gesichtslose, große Ding namens Geschichte plötzlich in viele persönliche Geschichten zerfällt. In Barths Wohnzimmer zum Beispiel, wo es nicht nur ein Denkmal, sondern ein Leben zu besuchen gilt. Oder am anderen Ende der Stadt, an der Elbtreppe, wo sich die Geschichte gerade wiederholt und die Bewohner gegen den Abriss ihrer Häuser protestieren, weil dort lukrativere Neubauten entstehen sollen.

Dass Barth sein Haus gerettet hat, erfüllt ihn mit Stolz. Barth sagt, es fühle sich manchmal an, wie ein Buch geschrieben zu haben. Da sei nun etwas, das bleibt nach dem Tod.


Tag des offenen Denkmals. Bundesweit am 12. September, Eröffnungsfeier von 11 Uhr an in Lüneburg; Führung durch Reinhard Barths Wohnhaus in der Hamburger Haynstraße 1 um 12, 14 und 16 Uhr, vollständiges Programm im Internet unter tag-des-offenen-denkmals.de .

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