Tageskarte Küche Entmachtet den kulinarisch-industriellen Komplex!

Mit frischen Zutaten in der eigenen Küche zu kochen, wird in Zeiten der Wirtschaftskrise wieder interessanter: Das ist billiger und gesünder als Fertignahrung, und wenn man weiß, was man tut, schmeckt es auch besser - das gilt nicht nur für die Nusstorte von Schlagerbäcker Heino.

Von Hobbykoch


Lust auf Kuchen? Aber keine Lust auf Selberbacken? Kein Problem, einfach bei Heinz-Georg Kramm aus Düsseldorf-Oberbilk, in volksmusikalischen Kreisen eher als Heino bekannt, anrufen – und schon backt Ihnen der gelernte Bäcker in seinem "Rathaus Café" in Bad Münstereifel (Marktstraße 18 in Bad Münstereifel Tel. 02253/66 50) seine weltberühmte Nusstorte. Wie? Glauben Sie nicht?

Stimmt auch nicht, das heißt: Nicht ganz. Kramm absolvierte nämlich in den fünfziger Jahren tatsächlich eine Bäckerlehre, und hat heute in seinem Café eine Nusstorte im Angebot – hergestellt in eigener Backstube, wenn auch wohl eher nicht von ihm persönlich.

Leider ist die Torte nicht identisch mit dem bundesweit vertriebenen Backwarenprodukt "Heino's Hasel-Nuss-Torte" (echt nur mit diesen beiden Original-Schreibfehlern). Ein Kuchen, der scheinbar gefahrlos genossen werden kann, wirbt doch auf der Verpackung Heino persönlich, der noch dazu das Rezept auf seiner Internet-Seite zum Download anbietet. Nein, er hat nichts zu verstecken: "250g weiche Butter, 1 Prise Salz, 2 Päckchen Vanille-Zucker und 300g Zucker schaumig rühren, 5 Eier nach und nach unterrühren. Dann 200g Mehl, 6g Backpulver, 60g gehackte Bitterschokolade, 140g geriebene Haselnüsse und 140g gehackte Haselnüsse trocken vermischen und mit dem Löffel unter die Buttermasse rühren. Eine Springform mit weicher Butter einstreichen und dünn mit Mehl ausstreuen. Die Masse gleichmäßig verteilen und im Umluftofen bei 180 Grad 35–40 Minuten backen. Die ausgekühlte Torte dann mit Schokoladenglasur übergießen und mit ganzen Nüssen dekorieren."

Zum Autor
Foto: Gunter Glücklich
Der in Hamburg lebende Autor Peter Wagner, Jahrgang 1960, kocht länger, als er für Geld schreibt: Seit seinem 16. Lebensjahr ist das Schnibbeln, Simmern und Sautieren sein liebstes Hobby. Als furchtloser Esser mag der hauptberufliche Musikkritiker im Grunde alles, solange es mit Liebe und Verstand aus frischen Zutaten gekocht wird. Weitere Wagner-Rezepte finden Sie auf seiner Männerkochseite www.kochmonster.de
So kann man das backen. Doch irgendwie scheint es Heino nicht geglückt zu sein, das Rezept rechtzeitig vor Produktionsbeginn des Fertigkuchens der "Küchenmeisterei" in Soest zukommen zu lassen.

Das Prickeln auf der Zunge verrät jedenfalls, dass die Fabrik Polyglycerin-Polyricinoleat verwendet hat. Ganz zu Schweigen von den Natriumacetaten, die nur wenige Minuten nach dem Verzehr unseres Teststückes gemeinsam mit den Diglyceriden und den Natriumcarbonaten im Magen Samba tanzten. Auch die meisten anderen "Küchenmeister"-Zutaten wären in Heinos Heilewelt-Kaffeekränzchen nicht wirklich gern gesehen: gehärtetes Fett, Sorbit, Glycerin, Glucose, Lactose, Disphosphate, Sojalecithin und so weiter.

Heino muss sich deshalb jetzt nicht schwarzbraunärgern, denn seine Torte ist beileibe nicht das einzige schwer genießbare Stück aus guter deutscher Nahrungsmittelschwerindustrie. Das zeigt allein der zweite kurze Test – ein Vergleich des im heutigen Rezept frisch gekochten Hirsch/Wild-Gulasch mit verwandten Fertigprodukten. Der Fleischtopf lässt sich bei Bedarf auch in größerer Menge aus frischen Zutaten für weniger als fünf Euro pro Esser vorkochen (idealerweise, wenn es mal wieder am Ende der Jagdsaison günstige Wildfleisch-Sonderangebote gibt) und portionsweise einfrieren.

Die Alternativen, die der kulinarisch-industrielle Komplex anzubieten vermag, können der Zubereitung zu Hause noch nicht einmal nahe kommen. Selbst ein halbwegs schonend hergestelltes Tiefkühlprodukt wie das Hirschgulasch in Wildsoße von Bofrost schmeckt trotz des hohen Kilopreises (22,90 Euro) fad, das Fleisch ist zum Teil flachsig, und die übertriebene Wacholderwürzung stört die Zunge. Das ist kaum besser als die penetranten Nelkennoten, die überwürzten Glutamatbomben oder die dicken, unzerkaubaren Sehnen bei diversen Dosen-Hirschgulaschs.

Deren Zutatenliste ist selten kürzer als bei "Dreistern Hirschgulasch in pikanter Sauce", dem Fertigprodukt einer brandenburgischen Fabrik, das bei vielen Discountern zu haben ist: modifizierte Stärke, Säuerungsmittel Citronensäure, Konservierungsstoff Natriumnitrit, Verdickungsmittel Guarkernmehl, Xanthan, Johannisbrotkernmehl, Milchpulver, Geschmacksverstärker Mononatriumglutamat, Dextrose, Maltodextrin, Farbstoff E150d.

Da rockt das Gourmet-Gruselkabinett den Chemiepogo.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
uhu_13 15.02.2009
1. Gulasch aus der Keule?
Ist nur ein bedingt guter Tip, dafür ist Keulenfleisch eigentlich zu schade. Gulasch kann besser aus Unterschenkel, Hals (Träger), oder Rippenbogen mit Bauchlappen gewonnen werden.
Peter Sonntag 15.02.2009
2. Deutschland, deine Meisterköche !
Gibt es eigentlich Statistiken darüber, wie viele Leute wirklich zu Hause mit "frischen" Zutaten kochen ? Das Angebot an vorgefertigten Gerichten wird schließlich immer größer und perfekter. Selbst Hotelküchen verwenden angeblich bestimmte spezielle Produkte. Da es kaum noch eine Fernsehsendung ohne einen Koch gibt (der natürlich ausschließlich Frisches und Teures empfiehlt und verwendet), könnte man meinen, die deutsche Singlekultur pflegt das italienisch inspirierte Kochen mit wachsender Begeisterung.
dirk2 15.02.2009
3. Küche ist Opfer der Konsumkultur
Bei den vielen TV-Kochsendungen und der Prominenz, die viele Spitzen- und auch manche Nicht-Spitzenköche mittlerweile erreichen, handelt es sich doch in erster Linie um Unterhaltung. Bekannt ist, daß die Fernseh-Gerichte nur sehr selten nachgekocht werden. Und wenn ich beim Einkaufen in die Einkaufskörbe der anderen schaue, sehe ich nur wenig naturbelassene Kochzutaten. Selbst beim Küchen-Händler, der mir einen Küchen-Boom beschrieb, wird viel Luxus und Technik verkauft, die nur zum Imponieren da sind, aber selten tatsächlich zum Kochen. Die meisten Menschen sind zu faul zum Kochen und zu uninteressiert am guten Essen, womit ich nur sorgfältig zubereitetes meine, und keine Gourmet-Küche, die in der Tat teuer ist. Man mag das beklagen, aber unsere Kultur wurde in den vergangenen Jahrzehnten zu einer überwiegenden Konsum-Kultur umgebaut. Ich schreibe absichtlich nicht "hat sich gewandelt", weil dieser Prozess von den Profiteuren (frgat Euch selbst, wer das ist!) gewollt ist.
autocrator 15.02.2009
4. Verwechslungen
lieber herr Wagner, so begeistert ich ansonsten Ihre artikel lese und ihren esprit schätze, doch diesmal verwechseln Sie leider äpfel und birnen. Außer frage steht, dass selberkochen mit frischen zutaten besser ist und man zumindest vordergründig weiss, was im fertigen gericht alles drin ist (wobei der nächste lebensmittelskandal sicher schon an der ecke wartet, vielleicht ist es ja diesmal rotwild-wahn oder pestizidverseuchter rosenkohl). Die lebensmittelindustrie - für die ich hier ausdrücklich keine lanze brechen, ihr aber gerechtigkeit widerfahren lassen will, kämpft jedoch mit anderen herausforderungen. Die fertiggerichte müssen haltbar sein - muttis selbstgemachtes hirschragout macht nunmal schon nach einer woche schlapp. Sie müssen zumindest im groben ganzen so aussehen wie in der werbung und auf der verpackung - ohne perfekte ausleuchtung und interesanten aufnahmewinkeln, was auch den fotos zu Ihren beiträge zu eigen ist. Und sie müssen eine geling-garantie haben: Selbst kochtechnischen nichttalenten, kindern und leuten, denen sogar das wasser anbrennt, muss die zubereitung der gerichte der lebensmittelindustrie gelingen. Seien wir also nachsichtig bzw. froh, uns nicht denselben herausforderungen wie die fertiggerichte-industrie gegenübergestellt zu sehenund freuen wir uns daran, dass wir beim nachbacken vom heinos nusskuchen diesen leicht variieren und ihm so eine individuelle note verleihen können, indem wir ihm z.B. noch eine messerspitze ingwerpulver zugeben.
dirk2 15.02.2009
5. Wo ist das Obst?
Wo das beliebte Obst untereinander verwechselt worden sein soll, weiß ich nicht. Fertigprodukte gibt es ja in verschiedenen Kategorien: Das Gulasch oder den Eintopf aus der Dose, die eben 0-8-15 schmecken, aber immerhin noch zubereitete Lebensmittel sind, wenn auch mit zahllosen Zusatzstoffen, wovon sie aber nicht besser schmecken oder schöner aussehen! Groß sind auch die Regale mit den Pulver-Tüten von Maggi, Knorr und wie sie alle heißen. Sie gaukeln dem Konsumenten vor, er kaufe eine Mahlzeit, die er nur mit ein paar Zutaten zu vervollständigen braucht. Dabei enthalten sie nur Füllstoffe, Gewürze und Zusatzstoffe. Man kann der Lebensmittel-Industrie nicht vorwerfen, sie betrieben ein leichtes Geschäft, denn die Chemiker arbeiten lange an der Entwicklung der Produkte. Überhaupt kann man den Produzenten von eigentlich überflüssigem Zeug keinen Vorwurf daraus machen, daß sie Dummheit und Faulheit der Konsumenten ausnutzen und fördern. Davon lebt unser Wirtschaftskreislauf - das macht uns alle glücklich und wohlhabend...
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