Tageskarte Küche Kochmythen in Tüten

Bei "kochende Leidenschaft" assoziiert der leidenschaftliche Koch so ziemlich alles - nur nicht das "Maggi Kochstudio". Das wird demnächst 50 Jahre alt wird und feiert seinen Geburtstag mit einem opulenten Buch. Auch das noch.

Das eigentliche Wiegenfest der ersten großen Kochschule Nachkriegsdeutschlands wird zwar erst am 9. Juni gefeiert - 1959 startete in Frankfurt am Main die "fachliche Beratung des telefonischen Küchendienstes der Deutschen Postreklame" - doch die Feierlichkeiten werfen schon jetzt tütensuppengroße Schatten voraus.

Mit "Guten Tag, liebe Hausfrau. Hier spricht das Maggi Kochstudio" beschallte das Röhrenradio Millionen von Babyboomerbabys Anfang der sechziger Jahre. Und bis heute verlangen die westlich der Ostzonensuppenwürfelgrenze aufgewachsenen Deutschen beim Kaufmann "Maggi-Würfel", wenn sie ihren Eintopf mit Geschmacksverstärkern aufmotzen wollen.

Und wer hat's erfunden? Die Geschichte der Instant-Variante deutscher Plumpsküche begann tatsächlich in der Schweiz, wo 1886 der Darth Vader unter den Lebensmittelforschern, Julius Maggi (1846-1912), die ersten kochfertigen Suppen aus Gemüsemehlen (Erbsen und Bohnen) und kurz darauf seine berühmte "Maggi-Würze" mit dem Misthaufenkraut Liebstöckel als geschmackstragender Basis erfand.

1947 wurde die Firma vom Nahrungsmulti Nestlé geschluckt - kein Wunder also, dass in dem soeben erschienenen Jubiläumsbuch "Die besten Rezepte aus 50 Jahren Maggi Kochstudio: Kochende Leidenschaft" so gut wie jedes Rezept neben "Maggi"-Produkten auch Zutaten anderer Marken des Nestlé-Imperiums bewirbt. Das Hack für Chili con carne wird nicht in Pflanzenöl, sondern in "Thomy Reines Sonnenblumenöl" gebraten. Auch Mayonnaise, Senf oder Meerrettich stammen natürlich aus dem Konzern.

Auch wenn ambitionierte Köche die Tütensaucenregale im Supermarkt nicht einmal mit dem Allerwertesten anschauen, ist das 176-seitige Maggi-Jubiläumsbuch für Koch-Historiker ein gefundenes Fressen. Schließlich lässt sich ein gehacktes Stück (west-)deutscher Nachkriegsgeschichte entlang der Pfannenpfeiler nacherzählen, die das Maggi-Kochstudio immer wieder in die Esspräferenzen des kochenden Volkes eingeschlagen hat.

Die russischen Eier mit Tomatenfliegenpilzen waren Familienfeierikonen der sechziger Jahre, gefolgt von den Kochschinken-Dosenspargelröllchen, dem Hoppelpoppel (geschnetzelte Bratenreste mit Kartoffeln) und den ersten Ravioli-Büchsen (die wir an dieser Stelle ja schon einmal unter den Tisch gekocht haben).

Ebenfalls im Buch: die Siebziger mit Cordon Bleu, Krabbencocktail und gefüllter Paprikaschote, die Achtziger mit Tiramisu und natürlich Neunziger-Multikulti vom Wokhuhn bis zum Ratatouille.

Das alles kann, mit Hingabe und Erfahrung zubereitet, richtig gut schmecken, und auch ein Kaffeehausklassiker wie das Ragout Fin wäre ein garantierter Gaumenkitzler. Nur: Man darf es nicht wie im Buchrezept mit Hühnerbrust statt Kalbfleisch und -zunge zubereiten - und natürlich nicht mit dem geforderten "Beutel Maggi fix & frisch Rahm Geschnetzeltes".

Wer mit der täglichen Dosis Mononatriumglutamat schon im Kindesalter die Geschmacksknospen überreizt, wird sich später ohne diese Zungenstimulanz schwer im Essleben zurechtfinden.

Auf der Hamburger "InterNORGA" etwa, der Mega-Messe für schnelle Volksspeisung, schlürften auch kürzlich wieder scharenweise Übergewichtige am "Maggi Kochstudio"-Stand die hauseigene "Spargelcremesuppe", die sich trotz intensivster Konzentration nicht mehr daran erinnern konnte, wann sie zuletzt eine Stange echten Spargel gesehen hatte.

Und genau hier liegt das Problem des Geburtstagskochbuches wie auch der 50 Maggi-Jahre: Die Impulse des "Kochstudios" mögen wichtig gewesen sein für die Entwicklung einer durch die Kriegswirren zerrütteten deutschen Bürgerkochkunst. Aber: Braucht heute, im Zeitalter der permanenten Verfügbarkeit hochwertiger frische Zutaten, denn so ein wunderschönes (Buch)-Rezept wie "Gefüllte Schweinelende mit Rosmarin" wirklich den "Maggi Bratenfond Classic"? Braucht ein teurer Seeteufel "Maggi klare Gemüsebrühe"? Braucht eine Ente ein Päckchen "Delikatess Pfeffersauce"?

Auch in 50 Jahren "Kochstudio" lernt man dort nicht kochen, sondern nur, welche Fertigpampen frische Zutaten so aufblasen, dass sie wie Convenience-Feuerwerke schmecken: laut, bunt, grell - und ruckzuck wieder vergessen.

Glauben Sie nicht? Dann kochen Sie doch folgendes Minestrone-Rezept zur Abwechslung mal nicht mit dem Beutel "Maggi Meisterklasse Frühlingssuppe mit Fleischklößchen", sondern nur mit den angegebenen frischen Zutaten.

Das wird eine Meisterklassenfahrt der Geschmackssinne. Versprochen!

Buchvermerk:

"Die besten Rezepte aus 50 Jahre Maggi Kochstudio: Kochende Leidenschaft". Tre Torri, Wiesbaden, 176 Seiten; 9,95 Euro; ISBN-13: 978-3937963884

Rezept für Minestrone al salsiccia (Hauptgericht oder Alleingericht für 4 Personen)

Vorbereitungszeit: 60 Minuten

Zubereitungszeit: 15 Minuten

Schwierigkeitsgrad: leicht

Zutaten

Minestrone

2 Liter Fleischbrühe (natürlich die eingefrorene Marke Eigenbau)

100 g Salsiccia Napoli Piccante (aus dem italienischen Feinkostladen oder bei Gourmet-Versand )

250 g Rinderbrust ohne Fett

50 g Südtiroler Speck

300 g Cocktailtomaten (ersatzweise auch eine 400-mg-Dose mit ungeschälten Cocktailtomaten - über Durchschlag gut abtropfen lassen, hier werden nur die Tomaten selbst gebraucht)

1 Stück Fenchel, mittelgroß

1 Stück Mangold, klein,

1 Stück Karotte, groß

100 g Buschbohnen, grün (oder Keniabohnen)

1 Stück Frühlingszwiebel, groß

1 Stück Knoblauchzehe

1 Bund Oregano, frisch

2 Tl Meersalz, feine Körnung

0,5 Tl Schwarzer Pfeffer, grob gemörsert

8 El Parmesankäse, frisch gehobelt

Zubereitung

Minestrone

Tomaten gut waschen (auch die aus der Dose), noch feucht mit 1 Tl Meersalz würzen, auf Backpapier im Ofen bei 90 Grad Heissluft 60 Minuten schmelzen. Abkühlen lassen (eine ausführliche Step-by-Step-Anleitung mit vielen Einzelfotos für dieses Rezept und die Herstellung der Fleischbrühe findet sich auf Peter Wagners Männerkochseite ).

Speck in feinste Stiftchen schneiden, bei niedriger Hitze in beschichteter Pfanne auslassen, in Küchenkrepp entfetten. Salsiccia längs halbieren, in hauchdünne Halbmonde schneiden. Rinderbrust in möglichst dünne Streifen von circa 3x1 cm schneiden.

Fenchel, Karotte und Mangold (hiervon werden nur die Stiele benötigt) putzen. Karotte in dünne Ringe schneiden (möglichst exakt die Dicke der Fenchelscheiben). Mit einem ca. 2 cm großen runden Ausstecher exakt gleich große Taler aus den drei Gemüsen stanzen (sieht toll aus und hilft, die Gemüse gleichmäßig auf den Punkt zu garen). Rest der Gemüse klein würfeln, 15 Minuten mit der Brühe aufkochen, abseihen (dieses Gemüse wird nicht mitgegessen).

Bohnen putzen und in 0,5 cm große Stücke schneiden. Frühlingszwiebel putzen und von dem hellgrünen und weißen Teil Längsstreifen von circa 2 cm Länge schneiden (dieser asiatische Zuschnitt bewirkt im Gegensatz zu dem Ringzuschnitt, dass das Aroma nicht in die Suppe abgegeben, sondern in der Lauchzwiebel erhalten bleibt) Oreganoblätter von den Stengeln abziehen, nicht zu fein hacken. Knoblauchzehe schälen, fein hobeln.

In die kochende Brühe zuerst die Bohnen und die Rinderbrust geben, nach drei Minuten die Karotten und den Pfeffer, nach weiteren drei Minuten den Mangold und Fenchel. Temperatur verringern, fünf Minuten köcheln lassen. Knoblauch, Salsiccia, Oregano, Tomaten und Frühlingszwiebeln zugeben, nach drei Minuten mit Salz abschmecken.

Anrichten

Vier große, tiefe Teller (z.B. Pastateller) gut vorheizen, Suppe verteilen, Speck und Parmesan darüber streuen und nach Belieben zum Beispiel mit fein gehacktem Oregano am Tellerrand dekorieren. Die Suppe sättigt auch ohne Brot, es passt aber auch eine warme Focaccia alle erbe gut dazu.

Küchen-Klang

In Ermangelung einer neuen Paolo-Conte-CD greifen wir auf der Suche nach einer passend-sonoren Männerstimme zur wiederentdeckten "It's Not Big It's Large" (Curb) von dem hier mal gar nicht so Country-lastigen Lyle Lovett - oder zu J.J. Cales vielleicht letztem Album "Roll On" (Warner), auf dem er sich sogar an Jazz-Scat-Gesang versucht.

Getränketipp

Zu so einem rassigen Italo-Eintopf gehört eigentlich ein Super-Tuscan. Fast genau so groß für ein Viertel des Geldes schmeckt der 2004er Poggio delle Faine Toscana Rosso IGT  (Tipp: 3 Stunden vor dem Essen dekantieren), der mit trockener Fruchtigkeit und kantiger Kaffeenote die Schärfe der Salsiccia kongenial begleitet.

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