Tageskarte Küche Nachschlag für die Queen

Wenn Könige oder Präsidenten zum Geschäftsdinner laden, stehen Etikette und Politik im Mittelpunkt - das Essen spielt nur eine Nebenrolle. Schade eigentlich, denn Hobbykoch Peter Wagner zeigt: In der feinen Gesellschaft kommen wunderbare Köstlichkeiten auf den Tisch.

Von Hobbykoch


Nur wenige Politiker haben derart eindrücklich gezeigt, was sie tief in ihrem Inneren von Staatsbanketten halten, wie der 41. US-Präsident George H. W. Bush: 1992 musste er, eingeklemmt zwischen Japans Premierminister Kiichi Miyazawa und dessen Frau, wieder einmal fremdartige Dinge essen, die sich mit seinen an Steaks und Burger gewöhnten Magenschleimhäuten als inkompatibel erwiesen. Bush wurde bleich um die Nase und erbrach sich kurzerhand in den Schoß des Gastgebers.

Wie viele Staatenlenker sich auf den VIP-Gästetoiletten die Speisefolge noch mal in aller Ruhe durch den Kopf haben gehen lassen, ist nicht überliefert. Seit Sommer 2008 weiß das niedere Volk aber immerhin, dass es bei den Arbeitsessen der Großen und Mächtigen um alles gehen kann, sicherlich nicht jedoch darum, es sich gemeinsam gemütlich zu machen.

Für wenige Wochen nämlich hatte die britische Queen Elizabeth die Repräsentationsräume ihres Londoner Buckingham-Palastes zur Besichtigung geöffnet. Höhepunkt der Touristenführungen war der 53,3 Meter lange, hufeisenförmige Tisch im Ballsaal, dem größte Raum im Palast.

Zum Autor
Foto: Gunter Glücklich
Der in Hamburg lebende Autor Peter Wagner, Jahrgang 1960, kocht länger, als er für Geld schreibt: Seit seinem 16. Lebensjahr ist das Schnibbeln, Simmern und Sautieren sein liebstes Hobby. Als furchtloser Esser mag der hauptberufliche Musikkritiker im Grunde alles, solange es mit Liebe und Verstand aus frischen Zutaten gekocht wird. Weitere Wagner-Rezepte finden Sie auf seiner Männerkochseite www.kochmonster.de
Die Tafel war gedeckt für 170 Gäste, inklusive 1020 Gläsern, sechs für jeden Gast (für trockenen und Dessert-Champagner, Rot- und Weißwein, Wasser und Portwein). So prunkvoll der Saal auch geschmückt und so glänzend die Silberlüster auch gewienert waren – schon beim ersten Blick wurde klar, dass mit der Königin nicht gut Kirschen essen ist. Denn bei 45 Zentimetern Tischbreite pro Gast bleibt kein Kernspucken unbeobachtet.

Nur zwei Plätze sind mit gepolsterten Lehnstühlen und 60 Zentimeter Tischbreite ausgestattet. Wer also nicht Elizabeth oder Prinz Philip heißt, sitzt eingepfercht auf hartem, kleinen Gestühl. Kein Wunder, dass diese Dinner so schnell wie möglich durchgefressen werden: Um 20.30 Uhr läutet ein Trommelwirbel die Trinksprüche ein, Punkt 21.45 Uhr müssen die drei Gänge weggeputzt sein, dann geleitet ein Dutzend Dudelsackbläser die Gäste in die benachbarten Café-Salons.

Etwas schmackhafter als das ewig gleiche Filet Wellington bei den Royals war wahrscheinlich das Lunch-Menü, das Deutschlands "First Gatte" Joachim Sauer beim Damenprogramm auf Schloss Schlitz während des G-8-Gipfels in Heiligendamm genoss: Bei "Spargel-Chartreuse mit gegrillten Jakobsmuscheln, Spargelschaum, Kabeljaufilet mit Sommergemüse, Holunder-Tarte mit gebackener Praline und Waldmeistereis" gab es sicher nichts zu meckern.

Ganz im Gegensatz zu dem Blitzbesuch von Bush-Junior nebst Gattin, für den Johann Lafer (zusammen mit den Kollegen Steinheuer und Kuntz) 2005 im Mainzer Schloss kochen durfte. Ein Alptraum für jeden Koch, der sein Essen auf den Punkt gebraten servieren will: Minutenlang tauschten die US-Sicherheitsbeamten an der Speisenausgabe jeden Teller für das Bush-Paar mehrfach mit anderen Tellern aus – soll sich doch Kanzler Schröder vergiften. Und zu allem Überdruss ließ die Kanzlergattin auch noch das zartrosa Lammfilet zum Durchbraten zurückgehen, während Laura Bush lustlos in der gebrannten Vanillecreme herumstocherte und nach einem Obstsalat quäkte.

Von dem Mittagessen, bei dem Barack Obama seinen fast gelungenen Amtseid mit über 200 Gästen feierte, wurden keine Meckereien bekannt. Die US-Winzer freuten sich, dass nach Jahren des Darbens mit einem trockenen Ex-Alki an der Staatsspitze endlich wieder ein bekennender Weingenießer am Ruder steht, während Gourmets die Speisefolge lobten – besonders im Vergleich zu dem Amtsantrittsessen von Obamas Demokraten-Vorgänger Bill Clinton, der sich 1993 mit strohigem Lachs vom Grill und einem profanen Rosmarinhühnchen mit Reis und Brokkoli begnügte.

Das Originalrezept von 2009 wurde von dem Caterer Design Cuisine in Arlington/Virginia entwickelt und von dem Küchenteam des Weißen Hauses für etwa 200 Gäste umgesetzt. Obama-Fans können das Galamenü auch hierzulande nachkochen und sich acht, neun Freunde dazu einladen. Hierfür musste das Rezept an einigen Stellen auf europäische Zutaten und Mengen (besonders bei den Zuckerdosierungen) angepasst werden – und trotzdem schmeckte das Dessert noch viel zu süß.

Beim Hauptgericht – Ente und Fasan an Sauerkirsch-Chutney, Süßkartoffel-Melasse-Püree und Wintergemüsen – fehlten uns naturgemäß in dieser Jahreszeit die frischen Sauerkirschen, und auch die Umrechnung von "cups" auf metrische Maße birgt die eine oder andere Unschärfe. Dennoch kann der Obama-Inaugurations-Hauptgang mit dieser Anleitung problemlos nachgekocht werden.

Staatsmännische Eile ist jedoch auch hier geboten: Die Jagdsaison für Fasane geht Mitte Februar zu Ende.



insgesamt 3 Beiträge
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utas schäfchen 01.02.2009
1. Auf diesen Artikel antworten?
Warum? Die Oberen kennen weder Maß noch Ziel und die Unteren können sehen wo sie bleiben.
Supermissy[SEK], 01.02.2009
2. Miez?
Hm, eine "Chartreuse" ist doch eine graupelzige, goldäugige Mieze? Ich hoffe, eine Chartreuse zum Essen wird nicht aus Mieze gemacht... Gruß Missy
takeo_ischi 01.02.2009
3. Miezekatze
---Zitat von Supermissy[SEK]--- Hm, eine "Chartreuse" ist doch eine graupelzige, goldäugige Mieze? Ich hoffe, eine Chartreuse zum Essen wird nicht aus Mieze gemacht... Gruß Missy ---Zitatende--- Heut wahrscheinlich nicht mehr... :o] Hat beides was mit dem frz. Kartäuserorden zu tun. Die Miez hat den selben Pelz wie die Mönche Kutten und das Futter ham die Mönche erfunden.
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