Fotostrecke

"Des Teufels General" als radikale Revue: Superman stürzt ab

Foto: SFF Fotodesign/ Foto: Harald Dietz

"Des Teufels General" als radikale Revue Superman stürzt ab

Die junge Regisseurin Sapir Heller, geboren in Israel, inszeniert am Theater Hof Carl Zuckmayers Bühnenhit über das Dritte Reich. Der Held, der doch angeblich nur fliegen will, kommt dabei nicht gut weg.

In der Nacht zum 21. März beschmierten Unbekannte das Haus des Oberbürgermeisters der oberfränkischen Stadt Hof mit Hakenkreuzen. Wenn diese Symbole jetzt auf der Bühne des örtlichen Stadttheaters auftauchen, dann erinnert sich jeder Zuschauer im Parkett an die Tat, die noch nicht "aufgeklärt" ist, wenngleich Bayerns Innenminister Joachim Herrmann schon messerscharfe Schlüsse verkündete: Er wolle "nicht ausschließen, dass gewaltbereite Neonazis" dahinter "stecken könnten".

Im Theater erkennt man das gezackte Kreuz als Bühnenaufbau wieder, entdeckt es auf Schnupftüchern und an Männersocken, als ironische Accessoires - Verzierungen aus einer anderen Zeit. Und doch wirken sie hier an diesem Ort "in Bayern ganz oben" nach den jüngsten Ereignissen eben wie Hinweiszeichen in die Gegenwart. Es ist gar nicht auszuschließen, dass dahinter eine Provokation stecken könnte.

Wenn man einer jungen, in Israel geborenen Regisseurin den Auftrag gibt, Carl Zuckmayers Drama "Des Teufels General" aus dem Jahr 1946 über Verantwortung und Versagen im Dritten Reich zu inszenieren, dann muss man darauf gefasst sein, dass sie dem Stück und seinem sagenhaften Erfolg in Deutschland heftig misstraut. Am "Mythos Harras", an der Legende vom angeblich ideologieresistenten Pflichterfüller ("Ein Nazi bin ich nie gewesen, immer nur ein Flieger") strickt Sapir Heller (Jahrgang 1989 und Enkelin von Holocaust-Überlebenden) denn auch nicht weiter: Für sie ist der General ein moralischer Bruchpilot. Tatsächlich trägt Marco Stickel als Harras unter seinem knallrot gelackten Militärmantel ein nicht nur im Schritt irgendwie kneifendes, lächerliches Superman-Kostüm. Mit seinen fahrlässig überschätzten übermenschlichen Kräften kann er aber gegen die grassierende Unmenschlichkeit gar nichts ausrichten. Am Ende stürzt er ab, weil er den Boden der Aufrichtigkeit längst unter seinen Füßen verloren hat.

Nazi-Offiziere grölen "Schlaaand"

Heller geht in ihrer Inszenierung ohne falsche Ehrfurcht vor dem Stoff zur Sache. Das riesige weiße Hakenkreuz erweist sich als Showtreppe für nazistische Eitelkeiten, über deren Stufen die Figuren entweder über Leichen ins deutsche Himmelreich steigen oder als Opfer, auch ihrer Selbstüberschätzung, in die Hölle stürzen. Es gibt keine Zwischentöne hier: Man ist schuldig oder man hat versagt. Harras, ein dampfplaudernder Glatzkopf mit dem fadenscheinigen Charisma eines Abenteuer-Spielers, hat in Hof so gar nichts von einem wacker martialischen Draufgänger, wie ihn ein Curd Jürgens im Käutner-Film als Identifikationsfigur für orientierungslose Nachkriegsdeutsche noch verkörperte. Er erzählt seine eigene Geschichte wie ein fremdes Erlebnis, bastelt an seinem bröckelnden Denkmal und erkennt doch von Augenblick zu Augenblick mehr, wie sehr er sich hat vereinnahmen lassen vom volksverachtenden Führer fürs Vaterland. Sein Altherren-Humor wird ihn an den Galgen bringen, seine Überheblichkeit macht ihn zum Spielball derer, die er "Pappnasen" nennt und ach so mutig statt mit "Heil" mit "Guten Adolf" begrüßt - sein Heldentum ist eben doch nur ein ihm viel zu großes Kostüm.

Sechs männliche Schauspieler braucht Sapir Heller, um Zuckmayers Personal aufmarschieren zu lassen. Auch die Frauenrollen werden von Männern gespielt, was dem ganzen Unternehmen weniger die harmlos schwüle Anrüchigkeit von Travestie verleiht als unmissverständlich auf homoerotische Anfälligkeiten im rassereinen Herrenvölkchen anspielt.

Carl Zuckmayers Drama in der "Hofer Fassung" (von Sapir Heller und ihrer Dramaturgin Tamara Pietsch) ist als Revue angelegt, als Weltuntergangsshow, in der die Stimmung in dem Maß steigt, in dem der Anstand aller am Endsieg Beteiligten sinkt. Im grellen Scheinwerferlicht werden Intrigen gesponnen und "Verräter" gestellt; Saboteure sterben, derweil Partei- und Militärbonzen harmlos ausgestopfte weiße Angorakätzchen kraulen, bis die wohlig miauen; Offiziere grölen den Stolz auf ihre saubere Heimat, bis das nurmehr wie "Schlaaand" klingt. Auch hier zeigt die Regisseurin keine Scheu davor, die alte Geschichte ein wenig ins Heute lappen zu lassen.

Richtig garstig aber wird es, wenn die Lieder erklingen, die Heller getextet und Jonathan Huber und Leif Eric Young komponiert haben und live mit vielen schrägen Anklängen an Schmalz und Seligkeit begleiten. Das sind Songs, die da, wo Zuckmayer noch ein wenig vorsichtig um die Eindeutigkeit der Schuld herumtänzelt, eingreifen. Pützchen trällert über Machtgeilheit und will aus dem "Waschlappen" Harras eine "perfekte deutsche Kreation" machen, die Hitler-Vasallen säuseln saufend über Führertreue, und Harras erdreistet sich, im Duett mit einer Liebschaft davon zu träumen, wie schön es sein müsste, "wenn ich jüdisch wär'..." Das ist so obszön wie entlarvend, so unkorrekt wie es die Schamlosigkeit, Dreistigkeit und Menschenverachtung dieser selbsternannten Klasse-Rasse auf den Punkt bringt.

Am Ende, wenn alle Uniformen abgelegt sind und die Spieler in neutralem Weiß wie Mahnwachen für die Opfer stehen, gibt es noch im Stampf-Rhythmus einen Widerstands-Song, in dem der Kampf beschworen wird, bis der "letzte Nazi" fällt. Auch hier hat die israelische Regisseurin Sapir Heller, die eine bemerkenswert mutige Arbeit präsentiert (auch und vor allem für ein Theater in der "Provinz"), ganz sicher nicht nur an die Vergangenheit in Hof und anderswo in diesen Tagen gedacht.


"Des Teufels General " von Carl Zuckmayer. Am Theater Hof , nächste Vorstellungen am 11., 18. und 23.4., 1., 10., 17. und 20.5., sowie 1. und 5.7., Tel. 09281 70700, Karten unter www.theater-hof.de  .

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.