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"Deutschstunde" auf der Bühne: Kunst und Elend des Schultheaters

Foto: Christian Charisius/ dpa

Siegfried Lenz im Theater Die deutsche Familie als Kartoffelsackstapel

Der hochgelobte Regisseur Johan Simons hat im Hamburger Thalia Theater den Roman "Deutschstunde" von Siegfried Lenz in eine fast schon provokant hölzerne Theater-Nacherzählung verwandelt - mit brillanten Schauspielern.

In den rätselhaften Momenten knarzt und knorzt es bedenklich an diesem Theaterabend. Aus den Boxen dröhnen Laute, als ächze ein Schiffsrumpf auf hoher See. Tatsächlich aber klettern die Menschen bloß im Gebälk eines auf den Kopf gestellten Hausdachs herum, das die Bühnenbildnerin Bettina Pommer im Zentrum der Bühne des Hamburger Thalia Theaters festgezurrt hat.

Hoch droben an der Nordseeküste, gleich hinterm Deich, in einem fiktiven Ort namens Rugbüll spielt der Roman "Deutschstunde" von Siegfried Lenz, den der niederländische Regisseur Johan Simons, im Hauptberuf noch bis nächsten Sommer Chef der Münchner Kammerspiele, in Hamburg inszeniert hat. Zu bestaunen ist eine athletische Turnübung vor allem für die drei männlichen Hauptdarsteller Jörg Pohl, Sebastian Rudolph und Jens Harzer, die zusammen mit vier weiblichen und männlichen Mitspielern zwei Stunden lang auf schrägem, schwankendem Grund herumkraxeln und zu Möwengeschrei schief in der Landschaft herumstehen. Zwischendurch aber sieht man sie immer wieder plötzlich erschlaffen, zu Boden torkeln und ihre Leiber aneinanderschmiegen und aufeinanderstapeln, als seien sie nicht Menschen, sondern nur ein Haufen aus von höheren Mächten bewegten Kartoffelsäcken.

Irritierend dichterfromm und bauerntheaterhaft ist das, was dem Regisseur Simons zu einem Schul- und Lieblingsbuch vieler Deutscher eingefallen ist. Der Schriftsteller Siegfried Lenz ist vor ein paar Wochen in Hamburg gestorben und wurde mit vielen ungewöhnlich herzlichen Nachrufen bedacht; die "Deutschstunde", 1968 veröffentlicht, ist sein bekanntester Roman. Simons präsentiert ihn als hochkonzentrierte, aber auch fast provozierend biedere Nacherzählung.

In der "Deutschstunde" geht es um große Kunst und ihre Feinde, um stumpfe deutsche Sekundärtugend und die Rebellion eines Sohnes gegen seinen Vater. Der Erzähler und Held des Buchs ist der Junge Siggi Jepsen, Insasse einer Hamburger Jugendbesserungsanstalt. Er berichtet, wie er hoch droben an der Nordseeküste aufwuchs als Sohn eines Dorfpolizisten. Wie er sich als Kind mit einem Maler namens Max Ludwig Nansen befreundete, der in der Nachbarschaft wohnte, und wie diesem Maler unter der Herrschaft der Nationalsozialisten das Malen verboten wurde.

Der Spießer als Unglücksmensch

Und Siggi schildert, wie sein Vater, der Dorfpolizist Jens Ole Jepsen, sich als Überbringer und Überwacher des Malverbots in einen besessenen Kunsthasser verwandelte. Nach und nach erkannte Siggi im anfangs geliebten Vater ein Muster und Gräuelbeispiel für deutschen Treuewahn. Und begriff, wie sehr der Maler Nansen allen, die ihn als "entartet" verfemen, an Menschlichkeit und Moral überlegen ist. Siggis Mitmenschen bezeichnen den Maler als "Unglück", er selber entgegnet den Spießern: "Ihr verdammt und macht euch erst gar nicht die Mühe zu verstehen."

Im Thalia Theater sieht man den Schauspieler Jörg Pohl nun in kurzen Hosen und groben Stiefeln hin und her klettern in den windschiefen Bretterwänden des Bühnenbilds zwischen dem Malerfreund, der ihn zärtlich und auch ein bisschen homoerotisch liebkost, und dem Vater, der rückensteif und ungelenk die Zuneigung seines Sohnes sucht. Jens Harzer spielt den Dorfpolizisten Jepsen nicht als deutschen Schurken, sondern als fiebrigen, sanften, freundlichen Unglücksmenschen. Sebastian Rudolph sieht in der Rolle des Malers Nansen ein bisschen aus wie der Schriftsteller Lenz in jüngeren Jahren und verzieht manchmal arrogant die Mundwinkel, damit er nicht bloß eine Heiligenfigur abgibt. Der größte Stolz dieses Malerfürsten ist nicht seine Kunst, sondern dass er einst den Dorfpolizisten Jepsen, seinen Kontrahenten, kurz vor dem Ertrinken aus dem Meer gefischt hat.

Überhaupt sucht Simons das Dorf- und Familiendrama. Gabriela Maria Schmeide ist Siggis bös verhärtete Mutter Gudrun, Franziska Hartmann Siggis liebessehnsüchtige Schwester Hilke und Sebastian Zimmler sein Bruder Klaas, der sich als Wehrmachtssoldat selbst verstümmelt und vor seinen Henkern in der Stube des Malers Nansen versteckt hat. Und während all diese hochinteressanten Verwicklungen referiert werden, klumpen die Leute sich zwischendurch immer wieder zu Kartoffelsackstapeln zusammen.

"Was gibt das ab?", fragt sich, die Zuschauer und den Rest der Welt in einer Schlüsselszene der Künstlerdarsteller Rudolph. Er redet von der Kraft seiner Bilder und belehrt uns: "Du beginnst zu sehen, wenn du erfindest." Für die Theaterzuschauer lässt sich das an diesem Abend als Aufforderung begreifen, das grobianisch strenge, durch eine Bachkantate nur unwesentlich aufgelockerte Lehrtheater auf der Bühne doch bitte mit eigenen Fantasieleistungen anzureichern.

Die "Deutschstunde" in Hamburg zeigt Kunst und Elend eines Schultheaters, in dem keine Fragen offen bleiben. So schön es ist, einem Ensemble aus großartigen Schauspielern bei ihrer Knochenarbeit zuzusehen, so gratisrichtig und schlicht ist die Lektion, die uns hier erteilt wird. Erst kommt das Kraxeln, dann die Moral.


Deutschstunde.  Nach dem Roman von Siegfried Lenz. Regie Johan Simons. Im Thalia Theater Hamburg, nächste Vorstellungen am 25.11. sowie 03., 21. und 26.12.; Tel. 040/32814-444.

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