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"Die Rasenden"-Premiere: Was die Gattenmörderin sah

Foto: Markus Scholz/ dpa

Schauspielhaus-Eröffnung in Hamburg Lieb Mutterland, magst blutig sein

Kein triumphaler Einzug, aber ein vergnüglicher, oft ergreifender, manchmal rumpeliger Arbeitssieg: Karin Beier startet ihre Intendanz im Hamburger Schauspielhaus mit dem Sechseinhalb-Stunden-Spektakel "Die Rasenden" - und schildert den Kampf um Troja sehr entschlossen aus Frauenperspektive.

Die zivilisatorischen Errungenschaften der letzten 2500 Jahre werden insgesamt möglicherweise überschätzt, doch zu den echten Fortschritten seit den Glanzzeiten des antiken Griechenland gehört neben der Erfindung des Kühlschranks ganz sicher die Abschaffung des Satyrspiels. Die Idee, man müsse dem Zuschauer zu jeder von Mord und Totschlag triefenden Tragödienpackung noch einen Ulk als Dessert zwecks Gemüts- und Geistesaufhellung servieren, ist total aus der Mode gekommen - unter anderem, weil sie die schönste Ergriffenheit kaputt macht.

Die Regisseurin Karin Beier lässt nach sechseinviertel Theaterstunden in ihrer heiß erwarteten Antiken-Inszenierung "Die Rasenden", mit der sie ihre Intendanz im Hamburger Schauspielhaus eröffnet, trotzdem drei Komiker aufmarschieren, die mit einer Schultafel, einem Kreidestift und Erkenntnissen der modernen Willenfreiheitsforschung herumalbern.

Sechseinviertel Stunden lang hat der Theaterzuschauer Blut und Greuel auf der Bühne gesehen, den halbnackt hingeschlachteten König Agamemnon und die in Sack und Asche durch ihr Deportationslager hinkenden Trümmerfrauen von Troja, die mit einem Lautsprecher von ihren Vergewaltigern herumkommandiert wurden; sechseinviertel Stunden lang hat der Zuschauer den Kampf um Troja aus Frauenperspektive zu begreifen gelernt und die von der Schauspielerin Maria Schrader gespielte Klytaimnestra als dessen verzagende, grausame Heldin; sechseinviertel Stunden lang hat der Zuschauer ein orgiastisches, mit musikalischer Wucht ausstaffiertes Tragödienspektakel gesehen. Und dann bringen drei Hampelmänner die Moral der Geschichte nochmal als Clownsnummer auf die Bühne.

Drei teddybärenfreundliche Blödler

Die Schauspieler Gustav Peter Wöhler, Michael Wittenborn und Joachim Meyerhoff sind in dieser Szene drei teddybärenfreundliche Blödler. "Schuldig oder nicht schuldig?" äffen sie den blutverschmierten Orest (Carlo Ljubek) nach, der weiter hinten auf der Bühne lungert, und dann stellt Meyerhoff mit eifrig winkendem Lehrerzeigefinger die Großfrage: Wozu denn unser menschlicher Wille wirklich gut sei bitte? Damit wir mordend "mit dem Beil entscheiden"?

Es ist ein seltsam krümeliger, halsbrecherisch riskanter Schluss, den sich Karin Beier da ausgedacht hat, um mit einem Paukenschlag-Diskurs um Götter- und Menschenschuld nun nach Umbauverzögerungen ihre Intendanz in Hamburg zu beginnen, im größten, zuletzt heruntergewirtschafteten Sprechtheater Deutschlands. Beier benutzt in "Die Rasenden" fünf Theaterstücke für blutrünstige Schlaglicht-Blicke auf die Zeit vor und nach dem Krieg um Troja. Erst zeigt sie in "Iphigenie in Aulis" von Euripides, wie der Griechenführer Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfert, weil ihm der Götterhimmel sonst angeblich Segelwind und Kriegsglück verweigert. Dann sehen wir, der Sieg der Griechen ist noch frisch, in den "Troerinnen" (nach Euripides und Jean-Paul Sartre) das Unglück der Besiegten.

Es folgt die Ermordung des Siegers Agamemnon durch Klytaimnestra als Rache für den Tod der Tochter und die Ermordung der Klytaimnestra durch ihren Sohn Orest, erzählt mithilfe von Dramentexten der Herren Aischylos ("Agamemnon"), Hugo von Hofmannsthal ("Elektra")und nochmal Aischylos ("Eumeniden").

Elektra als zombiebleich geschminkte Horrorfrau

Puh, sehr viel Stoff. Beier gliedert ihn klug und klar als eine Story der Frauen. Maria Schraders Klytaimnestra fleht, zetert und kratzt gleich zu Beginn, damit ihr Gatte (Götz Schubert als viriler, seelenwunder, aber eiskalt entscheidender Machtmensch) ihr Kind Iphigenie verschont. Dann bittet das Kind selber. Anne Müller wirft sich mit ihrem blassen, langen Körper, mit weißblondem Lausbubenschopf und zart kratzender Mädchenstimme dem Vater erst entgegen und fordert dann, jäh in ihr unvermeidliches Los ergeben, stolz einen Opfertod in Würde, fürs "Mutterland", wie es hier mit voller propagandistischer Absicht heißt. Es ist der schönste, schrecklichste Moment dieses Theaterabends. Weil er die Not zwischen höherem Zwang und freiem Willen, um die es hier geht, dringlicher und schmerzlicher veranschaulicht als jeder andere Moment der Inszenierung.

"Die Rasenden" ist ein Sturm der Bilder, ein Feuerwerk der Bühnensensationen, zu denen Karin Beier fähig ist. Hinreißend ist die zirpende, jauchzende, klagende Konzert-Einlage, die sich Beier von ihrem Leib-Kapellmeister Jörg Gollasch hat komponieren lassen, dargeboten wird sie von den Musikern des Ensemble Resonanz, zwei Dutzend Chorsängerinnen und einer Sopranistin.

Fantastisch sind die den Riesenraum verzaubernden Bühnenbildeinfälle des Ausstatters Thomas Dreißigacker, der etwa für Agamemnons Palast rotglänzenden Glimmerwände und eine Luxusküche samt Köchen und Kühlschrank (!) unterm gläsernen Kronleuchter auffährt. Und ein düsteres Kammerspielwunder für sich ist Birgit Minichmayrs Rachegesang als zombiebleich geschminkte Horrorfrau Elektra, der auf zwei riesigen Leinwänden in Schwarzweißbildern aus dem Theaterkeller übertragen wird.

"Die Rasenden" ist ein Theaterfest, in dem Rausch und Nüchternheit einander ablösen. Man ist ergriffen, vor allem von Maria Schraders wirklich umwerfender, einmal im purpurnen Rokokokleid wütender Klytaimnestra. Man ist amüsiert, gerührt und geschüttelt. Man bewundert den Kraftakt, der hier stattfindet, und wartet gespannt, wie die Regisseurin all ihre Kunststücke am Ende so zusammenfügen wird, dass alles passt oder passend gemacht wird. Tut sie aber nicht. Sie schickt einfach ihre Clowns. Dann feiert das Hamburger Theaterpublikum, von dem Karin Beier zeitweise herbeigesehnt wurde, als sei sie selbst vom Allmächtigen herabgesandt, diesen Arbeitssieg. Für Triumphe hat die Intendantin jetzt fünf Jahre Zeit.

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