Tageskarte Theater Eins, zwei, Polizei

Das Münchner Festival "Spielart" bietet einen Ausblick in die Zukunft der Theateravantgarde: Kinder, Ordnungshüter und Klangkünstler zeigen, was vielleicht schon morgen zum Klassikerkanon gehören wird.


Dass Avantgarde in der Kunst ein schwieriger Begriff ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Denn dass die "Avantgardisten von gestern die Klassiker von heute sind", wie die Macher des Münchner Theaterfestivals "Spielart" behaupten, ist ja das geringste Übel. Viel häufiger sind sie einfach Schnee von gestern.

Projekt "Soko Sao Paulo" von Rimini Protokoll: "Viele echte Menschen"

Projekt "Soko Sao Paulo" von Rimini Protokoll: "Viele echte Menschen"

Also Vorsicht mit dem Begriff und trotzdem nach vorne geschaut: Nach diesem Motto haben Tilmann Broszat und Gottfried Hattinger ihr "Spielart"-Programm gestaltet, das vom 15.11. bis 1.12. in München zu sehen ist. Neben klassischen Avantgardisten wie Heiner Goebbels (mit seiner neuen und, wie Goebbels-Fans versichern, großartigen Musiktheatermaschinen-Performance "Stifters Dinge") und Romeo Castellucci präsentieren sie unter dem Titel "What's next?" ein Festival im Festival. Da durften altgediente Profis wie Jan Lauwers, Johan Simons und der erwähnte Romeo Castellucci als Kuratoren fungieren und junge Theatermacher einladen, die ihnen aufgefallen sind. So präsentiert sich etwa der Regisseur Neco Çelik aus Berlin, vorgeschlagen vom künftigen Münchner Kammerspielchef Simons, an eben jenem Haus mit dem Immigrantenstück "Ausgegrenzt".

In die Zukunft schaut man auch bei Tim Etchells. Der Performer zeigt in "That Night Follows Day" ein Stück, das er mit einer Gruppe von Kindern zwischen acht und vierzehn Jahren erarbeitet hat. Seine Idee: "Erwachsene sehen und hören Kindern dabei zu, wie sie ihnen erzählen, auf welche Weise Erwachsene ihre Welt auf Kinder projizieren."

Dass man derzeit so viele "echte Menschen", egal ob Erwachsene oder Kinder, im Theater zu sehen bekommt, liegt auch an der Gruppe Rimini Protokoll. Noch vor wenigen Jahren war ihr Dokumentartheater, bei dem sie immer vom Thema betroffene Laien, ihre "Alltagsexperten", auftreten lassen, echte Avantgarde. Inzwischen sind sie, und zwar völlig zu Recht, fast schon Klassiker (also aus einem künftigen Theaterwissenschaftsseminar über "Tendenzen im Theater um die Jahrtausendwende" sicher nicht mehr wegzudenken). Bei "Spielart" zeigt Stefan Kaegi, einer der Rimini-Protokoll-Leute, seine neue Arbeit: Polizisten aus São Paulo und aus München erzählen den Zuschauern von ihrem Berufsalltag – und sehr unterschiedlichen Erfahrungen etwa mit dem Schusswaffengebrauch.


Festival Spielart vom 15.11. bis 1.12. in München, www.spielart.org

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.