Tageskarte Theater Rohstoff fürs Hirn

Ein Mann steht im Walde – und schlägt und spricht. In "Holzschlachten" hantiert der große Schauspieler Josef Bierbichler mit der Axt und den Worten eines Nazi-Massenmörders.

Das sieht schon mal großartig aus. Die Bühne für Josef Bierbichlers "Holzschlachten" besteht aus ein paar Dutzend klobigen, rund zwei Meter hohen Buchenstämmen, das Licht ist blaustichig, und einmal kommt Nebel auf. In dieser Alptraumlandschaft (eigentlich eine Schande, dass sie nicht als bestes Bühnenbild des Theaterjahres ausgezeichnet wurde!) geht ein böser, schwitzender, schnaufender Geistermensch um, der bald mit dem Beil das Holz spaltet, zunächst aber piekfein in einem Anzug herumsitzt und ungeheuerliches Zeug daherredet zur Rechtfertigung von Mord und teuflischer Forschung und Konzentrationslagern.

"Ein Stück Arbeit" nennt der als Schauspieler seit Jahren hochgerühmte Bierbichler im Untertitel sein Stück, das an der Berliner Schaubühne entstand und kommenden Samstag in Magdeburg (http://www.theater-magdeburg.de ) zu sehen ist. Bierbichler schlägt darin Buchenstämme aus dem eigenen, Bierbichlerschen Wald in Bayern auf der Theaterbühne zu Kleinholz und spricht dazu Worte des KZ-Arztes Hans Münch. Aufgezeichnet hat diese Worte der Reporter Bruno Schirra, der vor rund zehn Jahren den damals fast 90-jährigen Münch porträtierte und ihm zuhörte, wie er scheinbar ohne jedes schlechte Gewissen von den blendenden Arbeitsbedingungen in Auschwitz schwärmte: "Ich konnte an Menschen Versuche machen, das war wichtig für die Wissenschaft." Manchmal spricht Bierbichler aber auch Texte des Schriftstellers Florian List, in denen ein von Schuldgefühlen Gequälter mit nächtlichen Dämonen hadert.

"Holzschlachten" ist also, man merkt es schon, kein leicht zu durchschauendes Spektakel. Der Sturkopf Bierbichler, der in eigenen Büchern und in all seinen Arbeiten immer seiner eigenen Wahrheit hinterherforscht, lässt da Axt und Holz und Welten aufeinander prallen, die sich möglicherweise nur in seinem Schädel perfekt zusammenreimen. Ein herausragendes Theaterereignis aber ist "Holzschlachten" auf jeden Fall. Nicht nur, weil man einem Mann bei schwerer körperlicher Schufterei (und beim Ablegen seiner Kleidung) zusehen kann, während der Text "seine eigene Gestaltung sucht unter dem Diktat der Arbeit", wie Bierbichler während der Proben sagte; sondern vor allem, weil man hier begreift, was der Theaterregisseur Peter Brook meinte, als er vom sogenannten "derben Theater" schwärmte.

Der Zuschauer solle sich im Theater stets hüten, das "hohle Heilige" anzubeten, so Brook, und lieber bereit sein, "Salz, Schweiß, Lärm, Gestank" auszuhalten, denn "wenn man etwas in einer rohen Fassung anbietet", dann könne das wirken "wie eine Revolution".

In diesem Sinn ist "Holzschlachten" ein finsterer, herzbewegender Theater-Rohstoff, der merkwürdigste seit Jahren.

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