Tageskarte Theater Viertel vor Schluss

Der Autor Dirk Laucke zeigt in seinem neuen Stück das wahre Leben in den ostdeutschen Plattenbauten. Romantik ist da nicht zu Hause - sondern Verzweiflung, Einsamkeit und Gewalt.


Silberhöhe. Das klingt nach Freiheit und Abenteuer, Karl May vielleicht. Falsch gedacht. Silberhöhe ist ein Neubaugebiet im Süden von Halle an der Saale. Oder besser gesagt: war. Denn "Silberhöhe gibt's nicht mehr".

So heißt das neue Stück von Dirk Laucke, das im März kommenden Jahres im Thalia Theater Halle seine Uraufführung erleben soll und aus dem der junge Autor dort heute Abend erstmals Auszüge präsentiert (http://www.thaliatheaterhalle.de).

Denn Silberhöhe, das waren mal Plattenbauten für 40.000 Menschen, vor allem für die Arbeiter der angrenzenden Chemie-Werke Buna. Blöd war nur: Der Aufbau dieses Viertels war gerade fertig, da kam die Wende. Und mit ihr zuerst Massenentlassungen bei Buna und dann die Abwanderung – in den Westen oder in die neuen Reihenhausvororte. 2004 hatte Silberhöhe mehr als die Hälfte seiner Einwohner verloren. Viele der elfstöckigen Plattenbauten sind inzwischen abgerissen, auch Kindergärten und Schulen, zurück blieb ein Klischee: Silberhöhe ist ein Problemviertel, ein Ghetto.

Die andere Seite des Viertels will Dirk Laucke, der selber in Halle gewohnt hat, bis er einen der begehrten Studienplätze für Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste bekam, mit seinem Stück zeigen. Er arbeitet dafür mit Jugendlichen aus dem Viertel zusammen, will mit ihnen eine Geschichte entwickeln, in der "die Protagonisten als sie selber vorkommen".

So wie Robert, der nichts von "Arte-Tanten" hält, die seinen Stadtteil filmen wollen, obwohl er selber Schwierigkeiten hätte, eine Dokumentation über Silberhöhe zu drehen: "Ich müsste nen Film machen über Dinge, die gar nicht mehr da sind. Und manche Sachen sind überhaupt unsichtbar, die kamma nicht zeigen. Die passiern anders. Zwischen den leuten." Deshalb also das Theaterstück.

Laucke ist zwar erst 25, aber schon mehrfach ausgezeichnet worden, und die diversen Juroren lobten vor allem immer den authentischen Tonfall seiner Figuren. Tatsächlich scheint sich Laucke diesen Menschen, die man mal Proletarier nannte, als sie noch Arbeit hatten, näher zu fühlen als dem Literaturbetrieb. Bei öffentlichen Auftritten gibt er gern den linken Autonomen, den kleinen, nicht ganz so anstrengend-exaltierten Bruder von Alexander Scheer. Auch er hat als Jugendlicher in Halle in abbruchreifen Fabrikgebäuden rumgehangen – ohne sich als Problemkind zu sehen.


Öffentliche Präsentation zu "Silberhöhe gibt's nicht mehr" am 15.12. um 21 Uhr im Großen Theater des Thalia Theater Halle, www.thaliatheaterhalle.de



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