Tageskarte Theater Vom Flüchtlingslager in die Hochkultur

Dimitré Dinev hat das Leben studiert: Als Emigrant kam er 1990 illegal aus Bulgarien nach Österreich, heute schreibt er erfolgreiche Bücher – auf Deutsch. Sein jüngstes Werk, eine Tragikomödie, wird am Sonntag uraufgeführt.

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Nur eins liebt der Kulturbetrieb zurzeit mehr als das echte Leben: Künstler, die das echte Leben gelebt haben. Die raue und wilde Wirklichkeit. "Street Credibility" nennt sich das, oder etwas altmodischer "Authentizität". Der momentan mächtig gefeierte Prosaautor Clemens Meyer saß einst im Jugendarrest, arbeitete später als Bauhelfer, Gabelstaplerfahrer und Wachmann. Der Dramatiker und Theaterregisseur Nuran David Calis, der mit "Meine Mutter, mein Bruder und ich!" diese Woche sein Kinodebüt gab, wuchs auf in der Bielefelder Sozialbausiedlung Baumheide und finanzierte sich sein Studium als Türsteher.

Szene aus "Eine heikle Sache, die Seele"
Klaus Lefebvre

Szene aus "Eine heikle Sache, die Seele"

Dimitré Dinev ist rund zehn Jahre älter als die beiden, aber in punkto "Authentizität" machen sie ihm nichts vor: Geboren 1968 in Plowdiw, der zweitgrößten Stadt Bulgariens, kam er illegal als Emigrant nach Österreich. Serbische Autoschmuggler lotsten ihn nachts, während eines Schneesturms, über die tschechische Grenze. Er musste unter einem Zaun durchkriechen, landete im Flüchtlingslager Traiskirchen. Mit Gelegenheitsjobs schlug Dinev sich fortan durchs Leben: als Würstchenverkäufer, Kellner, Garderobier, Bauarbeiter und Restaurator. Nebenher studierte er Philosophie und russische Philologie.

"Es war eine gute Erfahrung. Man erfährt viel über eine Gesellschaft, wenn man ganz unten steht", sagte Dinev kürzlich der österreichischen Tageszeitung "Die Presse". Inzwischen ist er nämlich ein Deutsch schreibender Schriftsteller, ein erfolgreicher obendrein: Sein Monumentalroman "Engelszungen" wurde viel gelobt und mit dem Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet, sein Stück "Das Haus des Richters" schaffte es im vergangenen Frühjahr gar bis ans Wiener Burgtheater. Im Sommer wird Dinev bei den Salzburger Festspielen "Dichter zu Gast" sein, neben Orhan Pamuk.

Zunächst aber steht am Sonntag die Uraufführung seines jüngsten Stückes an: "Eine heikle Sache, die Seele" in der Regie von Hans-Ulrich Becker am Wiener Volkstheater. Parallelen zu Dinevs Biographie sind augenfällig: Der Bauarbeiter Nikodim Stavrev, 41 Jahre alt, ist einst über das Flüchtlingslager Traiskirchen aus Bulgarien nach Österreich gekommen. Nun ist er tot, gestorben bei einem Arbeitsunfall. Seine Frau Pavlina bahrt ihn auf, deckt den Tisch, engagiert eine professionelle Klagefrau und lädt seine Freunde und Kollegen zur Totenwache ein. "Nikodims Glück", sagt einer von ihnen, "dauerte kürzer als seine Aufenthaltsbewilligung."

Der Zungenschlag solcher Zitate ist weniger depressiv, vielmehr sarkastisch. Und dieser Sarkasmus ist denn auch die größte Tugend der Tragikomödie, die Dinev sehr klassisch und konventionell aufgeschrieben hat: ohne Textflächen, mit knappen und klaren Dialogen. Das Ritual der Totenwache mündet in ein Besäufnis, in eine skurrile Szenerie mit dem Toten als Tischnachbarn und Tanzpartner. Eine geschickte Regie macht daraus einen Publikumsrenner.


Eine heikle Sache, die Seele: Uraufführung am 4. Mai, auch am 7., 9., 12., 15., 19., 24. und 29. Mai, jeweils um 19.30 Uhr, am 25. Mai um 15 Uhr, Volkstheater Wien, Neustiftgasse 1, www.volkstheater.at, Kartentelefon: +43 (0)1 52111400.



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