Tageskarte Theater Zombies am Schokobrunnen

Wer Spaß haben will, muss sich bewegen: Die Gruppe Showcase Beat Le Mot zeigt ihre neue Performance "Vote Zombie Andy Beuyz" - und lockt die Zuschauer mit süßen Leckereien.

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Die Zuschauer trotten in ein Gatter, gebildet aus Gerüsten. Deren Etagen füllt Dutzendware, fein geordnet in eigenen Fächern: Toastbrote und Gummireifen, Topfpflanzen und Spülschwämme, Trolleys und Eimer. Es sieht aus wie in einem Kaufhaus. Oder in einem Käfig. In der Mitte steht ein Stapel Stühle, wild ineinander verhakt. Wer hier sitzen will, muss sich bewegen. Aktiv werden. Mitmachen.

Performancegruppe Showcase Beat Le Mot: Alles sehen, hören, schmecken
Udo Rauer

Performancegruppe Showcase Beat Le Mot: Alles sehen, hören, schmecken

"Vote Zombie Andy Beuyz" heißt die neue, erfrischende Produktion der Tänzerin Angela Guerreiro und der Gruppe Showcase Beat Le Mot, bekannt auch für ihre Musikvideos mit der Band Kante. Uraufgeführt wurde die Performance auf Kampnagel, von Hamburg aus tourt sie nach Berlin, Wien, Düsseldorf und Münster.

Das große Stühlerücken der Zuschauer endet im Stühlchenkreis, einem halben zumindest. Die Performer brauchen schließlich Platz, eine Bühne. Denkste! Los geht's nicht drinnen, sondern draußen: Vor dem Gatter stapfen sie mit den Füßen auf den Boden und durchschneiden mit den Händen die Luft. Füße und Hände bewegen sich meist parallel, wie mit Fäden verbunden. Marionetten.

Sichtbar ist das kaum, ein Vorhang aus Stoffstreifen verschleiert das Bild. Direkt am Vorhang, ebenfalls zwischen Publikum und Performern, sind zudem Leckereien drapiert: Kekse, Trauben, Bananenscheiben. Aus drei Brunnen quillt flüssige Schokolade. Da konzentriere sich mal einer auf die Choreografie.

Es dauert einige Minuten, erstaunlich lange, bis die ersten Zuschauer raus gehen – oder sich an den Schokobrunnen bedienen. Wer hier konsumieren will, muss - mal wieder - aktiv werden. Mitmachen. Alles sehen und hören und schmecken, was es zu sehen und hören und schmecken gibt, kann allerdings auch der aktive Besucher nicht. Er muss sich entscheiden: manchmal nur zwischen Perspektiven, manchmal auch zwischen parallelen Aktionen, immer zwischen drinnen und draußen. Der Besucher als Suchender.

An einer Wand, außerhalb des Gatters, hängen weiße Blätter. Für jeden nachlesbar sind dort die Elemente des Abends skizziert: ungeordnet, in Stichworten, wie die Ergebnisse eines Brainstormings. Diese Form, es ist die einer Liste ohne Nummern, ist auch das dramaturgische Prinzip der Performance.

Da gibt es schwingende Glühbirnen und beschlagende Scheiben, Dialoge aus dem Kaufladen und Seilspringen, Bilder einer Wärmebildkamera und einen Schrank, der auf Rollen wie von alleine durch das Gatter zuckelt. Als er naht, zieht ein Zuschauer einen unbesetzten Stuhl beiseite, vermeidet eine Kollision – und ist schon nicht mehr Zuschauer. Sondern Helfer, Akteur, Komplize vielleicht. Wie im übrigen jeder, der hier isst, trinkt oder eine der ausliegenden Zigarren raucht.

Der rauchende Zuschauer im Parkett, das ist hier kein distanzierter Denkender wie bei Brecht, sondern ein Zuschauer, der sein Zuschauersein aufgibt – und mit ihm die kritische Distanz. Logisch also, dass zum Schluss alle klatschen. Auch die Performer von Showcase Beat Le Mot.

Sie gehören zur sogenannten Gießener Schule, haben also wie die Mitglieder von Rimini Protokoll und She She Pop in der hessischen Provinz Angewandte Theaterwissenschaften studiert. Das Institut dort sei "eine der größten Unglücksschmieden des deutschen Theaters", schrieb der "FAZ"-Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier einmal.

Wer dieses Urteil für Unsinn hält, wird viel Spaß haben in der Performance. Wer daran glaubt, kommt hingegen kaum auf seine Kosten. Es sei denn, er bleibt am Schokobrunnen – und isst für zwölf Euro Eintritt endlos süß veredelte Kekse, Trauben und Bananen.


Hamburg: 5.+6. April und 9.–12. April 2008, jeweils 19.30 Uhr, Kampnagel, Jarrestraße 20, www.kampnagel.de, Karten: Tel. 040/27 09 49 49. Berlin: 24.–27. April 2008, jeweils 20.30 Uhr, HAU 3, Tempelhofer Ufer 10, www.hebbel-theater.de, Karten: Tel. 030/25 90 04 27. Wien: September 2008, brut, www.brut-wien.at; Düsseldorf: November 2008, FFT, www.forum-freies-theater.de; Münster: November 2008, Theater im Pumpenhaus, www.pumpenhaus.de

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