"Talk der Woche" bei Sat.1 Das Ganze eine Rederei

Eine Alternative zu Sabine Christiansen und Maybrit Illner will Sat.1 mit seinem "Talk der Woche" bieten. Als Starthilfe für Moderatorin Bettina Rust lud man zur gestrigen Premiere Harald Schmidt, Giovanni di Lorenzo und Otto Schily zum Power-Plausch im Zehnminutentakt. Viel genützt hat es nicht.

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Sat.1-Premiere "Talk der Woche": Huhn im Hahnengehege
DDP

Sat.1-Premiere "Talk der Woche": Huhn im Hahnengehege

Frau Christiansen macht Sommerpause, um fit für die heiße Wahlkampfphase zu sein. Nach dem "Tatort" zeigte die ARD also eine Konserve über den Untergang des Nazi-Schlachtschiffs "Tirpitz", was die Überbrückung der 45 Minuten bis zum Beginn der neuen Sat.1-Show "Talk der Woche" etwas zäh werden ließ. Um 22.25 Uhr war es dann so weit. In Zukunft soll der Zuschauer - erschöpft von der "Christiansen"-Runde - vorzeitig zur privaten Konkurrenz wechseln, um dort die bessere Talkshow zu genießen.

Aber das ist natürlich nur böse Unterstellung: Sie verstehe ihre Sendung nicht als Polit-Talk, daher könne von Konkurrenz keine Rede sein, sagte "Talk der Woche"-Moderatorin Bettina Rust im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Eine Alternative zu "Sabine Christiansen" und Maybrit Illners "Berlin Mitte" wolle man bieten. Rust kam zu dem prestigeträchtigen Sendeplatz wie die Jungfrau zum Kinde. Sat.1-Chef Roger Schawinski soll die Radio-Plaudertasche beim Casting entdeckt haben, obwohl man für das Nachfolgeformat von Erich Böhmes "Talk im Turm" eigentlich ein journalistisches Schwergewicht, vorzugsweise männlich, gesucht hatte. Aber warum keine Experimente wagen? Dass Sabine Christiansen jahrelang die "Tagesthemen" moderiert hatte, interessierte uns damals beim Schreiben der ersten Verrisse schließlich auch nicht.

Drei stahlharte Profis

Nun also Fernseh-Leichtgewicht Bettina Rust: Aufgeregt war sie, das merkte man. So aufgeregt, dass sie beim Formulieren ihrer Fragen oft in hektisches Geplapper verfiel und sich in ihrer eigenen Rhetorik verhedderte. Um sich nicht den alten Christiansen-Vorwurf einzuhandeln, sie lasse ihre Gäste endlos parlieren und greife nicht ein, unterbrach sie zu schnell und fiel den Rednern harsch ins Wort, bevor die überhaupt einen klaren Gedanken formulieren konnten. Zusammen mit dem Lampenfieber ergab das den Gesamteindruck eines aufgescheuchten Huhns unter stolzen Hähnen.

Die drei geladenen Hähne nahmen die offensichtliche Überforderung ihrer Talkmasterin eher gelassen, denn die Redaktion hatte wohlweislich kompetente Starthilfe für Frau Rust besorgt: Mit dem Chefzyniker Harald Schmidt, dem "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und dem Bundesinnenminister Otto Schily hatte Rust drei stahlharte Profis an ihrer Seite. Zur Not hätten sie die knapp 40-minütige Show auch allein geschmissen.

Die Sache mit der Starthilfe ging jedoch einigermaßen nach hinten los, denn dem geballten Humor Harald Schmidts muss man als Moderator gewachsen sein, zumal, wenn es um eigentlich ernste Themen geht. Die vier wichtigsten Aufreger der Woche sollen beim neuen Sat.1-Talk durchgekaut werden, allerdings werden jedem Thema nur etwa zehn Minuten zugebilligt. Das reicht zum schnellen Herunterschlingen, aber nicht zum Verdauen. Merkels Brutto/Netto-Patzer und das peinliche Gerangel um das TV-Duell, die Angst vor Terroristen in Deutschland, die Babymorde von Brandenburg und der Start der Fußballbundesliga-Saison standen zur Nachlese bereit.

Giovanni hat Erbarmen

Hier zeigte sich schnell der Pferdefuß der Nummer-Sicher-Besetzung: Während Otto Schily in unnachahmlicher Trockenheit Privates offerierte (Zuhause nur mit Pantinen, wegen des Fußbodens), Giovanni di Lorenzo sich grüblerisch mit der Schönbohm-Affäre beschäftigte, ohne sich am Ende wirklich auf eine Meinung festzulegen, hatte der Joker Harald Schmidt wenig zu melden. Während er beim Paradethema Merkel noch für gelungene Sottisen sorgte, verstummte er beim Babymord und machte unpassende Scherze bei der Terroristenfrage. Vielleicht hätte man in der Premierensendung besser auf einen Trumpf wie Schmidt verzichtet - oder ihn allein eingeladen, denn hat man Schmidt im Boot, droht natürlich ständig alles ins Lächerliche abzudriften. So konnte man sich am Ende nicht entscheiden, ob man bei "Talk der Woche" nur locker auf der Oberfläche dahinplaudern oder tatsächlich ernsthaft über Themen diskutieren will.

TV-Profi Di Lorenzo, der seit Jahren die Radio-Bremen-Talkshow "Drei nach Neun" moderiert, bemerkte die drohende Verflachung und versuchte - leider vergeblich - mit einer Extraportion Seriosität gegenzusteuern, während Wahlkämpfer Otto Schily sich schon sichtlich darüber freute, keine unangenehmen Fragen beantworten zu müssen und die Rust am Ende sogar dankbar zum nächsten Hertha-Spiel ins Stadion einlud.

A propos Fußball: Wenn man sich drei ausgewiesene Fußballfans einlädt und dann mit der Frage startet, wie man denn die Bundesliga den geplagten Ehefrauen schmackhafter machen könne, muss man sich über Spott und Hohn nicht wundern. Hier drehte dann natürlich vor allem Harald Schmidt wieder auf, dem da schon längst aufgefallen war, dass ein anderes wichtiges Thema der Woche nicht auftauchte: der Verkauf von ProSiebenSat.1 an Springer.

Als Bettina Rust den unlängst veröffentlichten offenen Brief des Fußballers Thorsten Frings an die Ehefrauen der Republik zitierte, und Schmidt gefragt wurde, was er denn davon halte, landete er die beste Pointe des Abends: Es sei ja klar, dass in der neuen Sat.1-Sendung ausgerechnet der Frings-Brief herbeigezerrt werde, denn der sei ja bei der "Bild"-Zeitung erschienen und das gehöre nun schließlich alles zusammen. Bettina Rust mag dank jahrelanger Radioarbeit schlagfertig sein, diesem linken Haken hatte sie nichts entgegenzusetzen.

Nach zwei Werbeblöcken und 40 Minuten Rederei um den heißen Brei ging man also etwas ratlos ins Bett. In der ARD war inzwischen die "Tirpitz" mit Mann und Maus im Meer versunken. "Geben Sie der Sendung eine Chance", hatte Sat.1-Chef Schawinski im Vorwege gebarmt. Na gut, dann sparen wir uns jetzt mal die Schlusspointe mit dem parallelen Untergang der "Tirpitz" und dem "Talk der Woche". Aber wenn Frau Christiansen doch bitte schnell aus dem Urlaub zurückkommen könnte?



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