Tanz um den Ball Jenseits des Regenbogens

Fußballrausch in Südafrika - das war im Sommer. Die Choreografin Constanza Macras hat einen Blick auf die nachhaltigen Probleme eines Landes geworfen, das die Apartheid vor bald zwanzig Jahren offiziell beendet hat. Jetzt zeigt sie ihr Stück darüber.

Von Elisabeth Wellershaus


Die Fußball-WM in Südafrika liegt ein halbes Jahr zurück, aber Constanza Macras ärgert sich noch immer. "Ist doch immer wieder dasselbe", sagt sie und funkelt einen aus großen dunklen Augen an. "Immer wieder wird der Sport in politisch instabilen Ländern als Allheilmittel gehandelt." Die These der Choreografin kommt mit Wucht. Schließlich hat sie im vergangenen Sommer einiges unternommen, um sie zu belegen. Pünktlich zur WM hatte das Goethe-Institut sie für die Reihe "Football meets Culture" nach Johannesburg eingeladen. Und die Meisterin des Dokutanztheaters hatte sich bereitwillig in die Arbeit für eine Produktion vor Ort gestürzt.

Was Macras nach sechswöchiger Recherche herausfand, gefiel ihr gar nicht. Die herausgeputzte Stadt mit ihren kostspielig umgebauten Stadien wirkte auf sie wie ein potemkinsches Dorf. Und auch das groß angekündigte neue Verkehrssystem erwies sich als Trugbild.

"Hinter dem schönen Schein hat man doch nur versucht, die eigentlichen Probleme der Postapartheidgesellschaft zu verstecken", meint Macras. Das vermeintlich neue Streckennetz in Johannesburg jedenfalls beschränkte sich auf einen Vorortzug, von dem nur die weiße Oberschicht profitierte. Macras' Tänzer aus den Townships waren weiterhin auf schrottreife Minibusse angewiesen, weshalb sie stundenlang zu den Proben unterwegs waren. Und die Vorstellungen von "The Offside Rules" fanden meist vormittags statt, weil es für die Zuschauer aus Soweto abends keinen Transport gab. So wurde das Mobilitätsproblem für Macras zum Symbol für die kulturelle Segregation in der Stadt.

Und jetzt alle nackig auf dem Boden wälzen!

Das Stück, mit dem sie nun auch nach Berlin kommt, präsentiert denn auch keine harmonische Rainbow Nation. Vielmehr zeigt es eine desolate und gespaltene Gesellschaft, die von einer Identitätskrise in die nächste stolpert. Selbst im Theater gilt es immer noch als ungewöhnlich, schwarze und weiße Tänzer auf ein und derselben Bühne zu sehen. Erstaunlich also, dass sich ein bunt gemischtes Publikum darum riss, sich von Macras' multiethnischem Ensemble den Spiegel vorhalten zu lassen.

Aber dieser Tage reißt man sich fast überall um die Chefin der Tanzkompanie Dorky Park. Längst ist sie über Deutschland hinaus bekannt. Mit Stücken wie "Hell on Earth", "Brickland" oder jetzt "Megalopolis" tourt sie durch die Welt. Tanzt in abbruchreifen Kaufhäusern oder der Berliner Schaubühne.

Im neuen Stück wird Fußball mit lebendigen Bällen gespielt und ein groteskes Antigewaltseminar veralbert, alle machen sich über die neue Bahnlinie in der Stadt lustig und wälzen sich auch mal nackt auf dem Boden. Constanza Macras provoziert ihr Publikum gern mit Trash-Choreografien - und zieht es mit Humor wieder auf ihre Seite.


"The Offside rules" von Constanza Macras. Berlin, HAU 1, 15.-19.1.; München, Muffathalle, 24.1.; Hamburg, Kampnagel, 26.-29.1.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.