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14. Juni 2008, 09:07 Uhr

Tanztheater

Ausweitung der Kampfzone

Von Elisabeth Wellershaus

Libanon, Kosovo und andere Krisengebiete: Der Choreograf Hooman Sharifi recherchiert seine Stücke in riskanten Ländern. Das Ergebnis ist beim "In Transit"-Festival in Berlin zu sehen.

Längst hat die Globalisierung Kunst- und Bühnenwelt erreicht. Beispielsweise im Berliner Haus der Kulturen der Welt, wo man sich seit jeher mit Kulturproduktion jenseits der westlichen Metropolen beschäftigt. Unter anderem trifft sich die internationale Performerszene dort jährlich beim "In Transit"-Festival. André Lepecki stellt sich dieses Jahr als neuer Kurator vor. Und hat für seinen Auftakt auch den politisch engagierten Choreografen Hooman Sharifi eingeladen.

Szenenfoto Impure Company: Aufgeladene Choreografien
HKW

Szenenfoto Impure Company: Aufgeladene Choreografien

Zeitgenössischer Tanz kann gefährlich sein – und zwar nicht nur für Sehnen und Gelenke. Beim iranischstämmigen Choreografen Hooman Sharifi sind bereits die Vorbereitungsphasen riskant, denn er recherchiert mit Vorliebe in Krisengebieten. Durch den Libanon hat der Leiter der norwegischen Impure Company seine Tänzer bereits geschleift, und auch im Kosovo haben sie viel Zeit verbracht. "Die Menschen, die an diesen Orten leben, sind auf ganz markante Art von den Ereignissen gezeichnet, die sie erlebt haben", erklärt Sharifi. "Und die Vielschichtigkeit dieser fremden Realitäten interessiert mich." Entsprechend aufgeladen wirken Sharifis Choreografien, in denen seine Tänzer sich regelrechte Kämpfe auf der Bühne liefern, sich manchmal wie Springseile durch die Luft schleudern und stets die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit austesten.

Mit dieser Radikalität passt Sharifi ideal in das Programm des diesjährigen "In Transit"-Festivals. Außer ihm beschäftigen sich dort bis zum 21. Juni Künstler verschiedenster Sparten mit der Frage, wie sich Konflikte in den Körper einschreiben. Unter anderem die aus Manila stammende Medienkünstlerin Lilibeth Cuenca, die Portugiesin Vera Mantero oder die Grande Dame der Performancekunst, Joan Jonas. Alles Performer, deren Werke auch die sozialen Verhältnisse verhandeln, die ihren Kunstproduktionen zugrunde liegen.

In Sharifis Fall führten die Umstände ihn von Iran nach Norwegen. Als 15-Jähriger verließ er 1989 sein Heimatland und ging alleine nach Oslo. "Bevor ich dort den Tanz fand, lernte ich erst einmal das Gefühl der Sprachlosigkeit und Einsamkeit kennen", erzählt er heute. 19 Jahre später erinnert er sich nun in einer neuen Choreografie an dieses Gefühl. Denn für "God exists, the mother is present but they no longer care" recherchierte Sharifi in einem ganz besonderen Krisengebiet – der eigenen Vergangenheit.

"Als ich vor einiger Zeit Peter Handkes Abhandlung über Kaspar Hauser las, erinnerte ich mich wieder an dieses Gefühl des Verlorenseins", sagt Sharifi. "Daran, nirgends reinzupassen, mich nicht ausdrücken zu können. Und auch an die Brutalität der Situation." Inspiriert durch diese Erinnerung setzte der Choreograf sich mit Schriften von Hannah Arendt, Nietzsche und Roland Barthes auseinander. Und es entstand eine Collage aus Textstücken, die sich in unterschiedlichster Form mit subtiler Gewalt beschäftigen. Im neuem Stück werden sie nun auf eine Leinwand projiziert und auf der Bühne in der gewohnten Intensität vertanzt. Es wird dabei nicht so brutal zugehen, wie in Sharifis früheren Stücken. Leichte Kost verspricht er allerdings auch dieses Mal nicht. "Oder glauben Sie, Ahrendt, Nietzsche oder Barthes hätten es irgendjemandem leicht gemacht?"


Festival In Transit 08 noch bis 21.6. im Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Gastspiel von Hooman Sharifis Impure Company am 14. und 15.6.

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