Tarifkonflikt Redakteure bestreiken "Süddeutsche Zeitung"

Weniger Seiten für die Leser, Wut in den Bäuchen der Redakteure: Bei der "Süddeutschen Zeitung" beteiligten sich am Mittwoch etwa 150 Journalisten an einem Warnstreik. Es geht um Verschlechterungen im neuen Tarifvertrag. Die jüngsten Verhandlungen in Dortmund wurden ergebnislos abgebrochen.

Berlin/München - Urlaubsgeld weg und nur 35.000 Euro Einstiegsgehalt für Neulinge: was die Zeitungsverleger in den neuen Tarifvertrag für Journalisten schreiben wollen, will sich die Gewerkschaft Ver.di nicht gefallen lassen. Um gegen die drohende Verschlechterung der Gehälter zu protestieren und in den laufenden Verhandlungen Druck auszuüben, hat die Gewerkschaft am Mittwoch zu einem Streik bei der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ") in München aufgerufen - offenbar mit beachtlicher Beteiligung.

Unterdessen ist die vierte Tarifrunde zwischen Ver.di und dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger am Mittwoch ohne Ergebnis abgebrochen worden. Beide Seiten erklärten, es habe keine Annäherung gegeben.

"Wir sind sehr zufrieden mit der Beteiligung am Warnstreik", sagte Ralf Settmacher, Ver.di-Mitglied und freigestellter Betriebsrat bei der "SZ" im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Im Streiklokal habe man 110 Mitarbeiter gezählt, wenn man die streikenden Journalisten in Korrespondentenbüros und Außenredaktionen dazu rechne, sei eine Zahl von 150 Streikenden "sicher nicht übertrieben". Insgesamt arbeiten etwa 300 Journalisten bei der "SZ".

Am Donnerstag werde die "Süddeutsche" wegen des Warnstreiks nur in reduziertem Umfang erscheinen. Vor allem der "Regionen"-Teil sei betroffen, also jene Seiten, die nur die Käufer in Bayern erhalten. In diesen Ressorts hätten sich 80 bis 90 Prozent der Journalisten am Streik beteiligt.

Gerade die geplanten Kürzungen für Berufsanfänger machen Settmacher Sorgen: Von 35.000 Euro im Jahr, die ja auch noch versteuert werden müssen, könne man sich in München kein gutes Leben leisten - und das werde sich auch auf die Bewerbungen für den Redakteursberuf auswirken. "So wird das ganze Berufsbild abgewertet. Vom Idealismus allein kann man nicht leben." Viele Facharbeiter würden wesentlich besser verdienen.

Zudem widerspreche die harte Haltung des Verlages der redaktionellen Linie der "SZ": "Für alles haben wir in unseren Kommentaren Verständnis: Wenn die Lokführer streiken, wenn die Erzieherinnen streiken - aber wenn es um die eigenen Leute geht, fehlt dieses Verständnis in der Geschäftsführung." Am Donnerstag werde auf der "SZ"-Medienseite ein Text erscheinen, der sich mit diesem Missverhältnis beschäftigt. "Wir haben in diesem Fall natürlich Verständnis dafür, dass der Kollege, der dieses Stück schreibt, heute nicht streikt", sagte Settmacher.

Ver.di rechnet vor, dass durch die von den Arbeitnehmern vorgeschlagenen Tarifkürzungen durch vermindertes Gehalt, Abschaffung des Urlaubsgeldes, längere Arbeitszeiten und die Verschlechterung der Altersvorsorge die materiellen Bedingungen für Neueinsteiger um 25 Prozent verschlechtert würden. Für jetzige Beschäftigte solle zwar lediglich das Urlaubsgeld wegfallen - das mache aber allein fünf Prozent des Einkommens aus.

Sollten die Verleger nicht doch noch einlenken, plant die Gewerkschaft bereits weitere Aktionen bei der "Süddeutschen": "Das nächste Mal wollen wir auch die Kollegen aus der Technik und dem Verlag einbinden - dann wäre das ganze Haus betroffen", sagte Settmacher.

Die Geschäftsführung wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu dem Warnstreik äußern. Eine Pressestelle hat die "SZ" schon seit 2008 nicht mehr - sie war abgeschafft worden, kurz nachdem die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) mit Sitz in Stuttgart die Mehrheit beim der "Süddeutschen Verlag" übernommen hatte.

kuz
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