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Sowjetische Straflager-Tattoos "Geheimsprache unter Gangstern"

In sowjetischen Strafkolonien entstand nach dem Zweiten Weltkrieg eine einzigartige Tattoo-Tradition. Damon Murray hat sie in Bildbänden dokumentiert. Im Interview erklärt er den Code hinter den Bildern.
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Der britische Grafikdesigner Damon Murray, 47, reiste vor mehr als 20 Jahren zum ersten Mal nach Russland. Zuerst faszinierte ihn der wilde Kapitalismus der Neunzigerjahre, nach und nach entdeckte er seine Liebe zu Artefakten der Sowjetzeit. Zusammen mit seinem langjährigen Mitstreiter Stephen Sorell hat Murray fünf Bücher über russische Gefängniskultur herausgegeben - unter anderem einen Bildband mit Zeichnungen eines Gulag-Wärters. Eine Auswahl seiner Bücher finden Sie hier auf seiner Webseite .

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Herausgeber mehrerer Bildbände über russische Gefängnistattoos. Was macht die so einzigartig?

Murray: Sie sind wie ein Lebenslauf. Amerikanische Gefängnistattoos signalisieren die Zugehörigkeit zu Gangs. Bei den russischen dagegen geht es um die Biografie des Berufsverbrechers. Warum sitzt er ein, wie viele Jahre muss er verbüßen, wie ist seine Stellung in der Gefängnishierarchie. Ist er aggressiv oder eher neutral, leben seine Eltern noch, wann hat er sein erstes Verbrechen begangen?

SPIEGEL ONLINE: Arkadi Bronnikow, ein russischer Kriminalistik-Professor hat die Bilder gesammelt. Was war sein Ziel?

Murray: Bronnikow hat sich als einer der Ersten überhaupt mit der sowjetischen Gefängniskultur auseinander gesetzt, das war in den Fünfzigerjahren. Er hat früh bemerkt, dass man die geheimen Tattoo-Symbole verstehen muss, um Berufsverbrecher wirkungsvoll zu bekämpfen - Bronnikow wollte ein Lehrbuch für seine Studenten vorlegen, eine Art Wörterbuch.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Tattoos eine Art Geheimsprache?

Murray: Sie sind die visuelle Sprache der Unterwelt. Wobei die Symbole keine feste Bedeutung haben, man muss sie immer im Kontext lesen. Augen auf der Brust bedeuten: "Ich bin ein ranghoher Krimineller, ich richte den Blick auf die Zeit nach der Haft, und ich beobachte jeden einzelnen von euch". Es ist ein Machtsymbol. Augen in der Leistengegend zeigen, dass der Träger des Tattoos homosexuell ist. Augen auf dem Hintern sind ein Stigma, ein Zeichen für ein Opfer von Gefängnis-Vergewaltigungen. Aus Sicht der Gefängnisgesellschaft haben solche Häftlinge ihren Status als Mann verloren.

SPIEGEL ONLINE: Wurden solche Tattoos unter Zwang gestochen?

Murray: So ein Symbol lässt sich niemand freiwillig von seinen Mithäftlingen stechen. Es gibt auch andere Tattoos, die Häftlinge bei Statusverlust hinnehmen müssen, zum Beispiel im Gesicht. Wer etwa mit der Gefängnisverwaltung kooperiert hat, bekam manchmal ein Hakenkreuz auf die Wange. Das sagte nichts aus über seine politischen Ansichten, aber jeder Häftling verstand sofort: Der da ist ein Außenseiter. Ein anderes Beispiel für Häftlinge mit niederem Status ist bis heute die Zahl Sechs. Wer sie auf dem Finger trägt, ist ein Laufbursche oder bestenfalls ein Fußsoldat für die hochrangigen Verbrecher.

SPIEGEL ONLINE: Das sind einfache Symbole, die relativ leicht zu entziffern sind. Was bedeuten aber die vielen großen, komplexen Bilder, die Sie in Ihren Büchern dokumentieren?

Murray: Sie erzählen ganze Geschichten. Auf den Cover des Buches haben wir ein Brust-Tattoo, offenbar stammt es aus der Perestroika-Zeit. Zu sehen ist ein Augenpaar, der Träger ist also ein ranghoher Krimineller. Dann gibt es eine amerikanisch anmutende Skyline und Dollarscheine, die fürs American Way of Life stehen, als Gegensatz zum tristen Leben in der Sowjetunion.

SPIEGEL ONLINE: Daneben ist ein alter Mann mit Maschinenpistole zu sehen.

Murray: Das ist eine Figur aus einer Krimiserie, die in den Anfangsjahren Sowjetunion spielt - ein brutaler Bandenboss. Im Film landet er im Gefängnis. Als Tattoofigur dagegen wehrt er sich gegen die Sowjetmacht und schießt zurück. Auf seiner Maschinenpistole sind klar die Buchstaben "US" zu sehen. Sie stehen für den ideologischen Gegner der Sowjets. Es geht also um den Hass auf die Obrigkeit. Einer der Häftlinge, von denen die Tattoos stammen, hat gesagt: "Ich lebe für das Verbrechen und gegen den sowjetischen Staat." Es gibt viele solcher Beispiele: Darstellungen von Lenin oder Stalin. Für die Häftlinge waren das quasi Bandenchefs der verhassten Kommunisten, die sie hinter Gitter gebracht haben. Das galt aber nur für die Verbrecherszene. Politische Häftlinge ließen sich fast nie tätowieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie dokumentieren auch viele Fingertattoos in Ringform. Was bedeuten die?

Murray: Sie sind auch Erkennungszeichen. Ein weit verbreitetes Tattoo ist zum Beispiel der schwarze Ring, eine Art Ehrenabzeichen: Der Träger hat eine volle Haftstrafe ohne vorzeitige Entlassung verbüßt. Mit dem schwarzen Ring kann man allerdings auch Zwangstattoos verdecken. So ein Trick ist natürlich nur in Freiheit möglich. Einerseits sollen Tattoos wahrhaftig sein, andererseits schummeln Häftlinge, sobald sich die Gelegenheit ergibt.

SPIEGEL ONLINE: Die Tattoos sind ein Sowjetphänomen. Wie hat sich die Kultur nach dem Zusammenbruch des Kommunismus verändert?

Murray: Die Tattoos haben an Bedeutung verloren. Das hängt auch mit der Verbreitung von Drogen in russischen Gefängnissen zusammen. Rauschgift kam erst in den Neunzigerjahren in Russlands Strafkolonien in Umlauf und funktioniert als allgegenwärtiges Zahlungsmittel. Das hat das alte System geschwächt, das auf der Autorität von Berufsverbrechern fußte. Natürlich werden in den Gefängnissen noch Tattoos gestochen, aber wer genug Stoff hat, kann sich heute alles tätowieren lassen, was er will.

Das Interview führte Pavel Lokshin