Steffen Klusmann über Juan Moreno "Wir haben ihm viel zu lange nicht geglaubt"

Der SPIEGEL-Mitarbeiter Juan Moreno hat ein Buch über den Fall Relotius geschrieben. Muss das sein? Ja, muss es. Er war es, der Claas Relotius der Lüge überführte - sein Buch ist eine kraftvolle Analyse des Falls.

SPIEGEL-Chefredakteur Klusmann: "Juan hat Wort gehalten"
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Auf eines legte Juan Moreno von Beginn an Wert, als er sich entschloss, ein Buch über den Fall Relotius zu schreiben. "Steffen, dieses Buch soll keine Abrechnung mit dem SPIEGEL werden." Und fügte an: "Aber ihr werdet es nicht mögen." Das hat er in der Einleitung zu "Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus" (erscheint am 17. September) noch einmal wiederholt (einen Auszug aus dem Buch lesen Sie hier).

Natürlich gab es im Haus Kollegen, die Juan Morenos Vorhaben, die schwerste publizistische Krise des SPIEGEL auch noch auszuschlachten, grenzwertig fanden. War das nach all den ausführlichen und bitteren Berichten in eigener Sache zu dem Fälschungsskandal wirklich nötig? Muss man akzeptieren, dass sich einer öffentlich am SPIEGEL abarbeitet, der zugleich als freier Reporter auf unserer Payroll steht?

Ja, muss man. Tatsächlich ist keiner mehr legitimiert dazu als Juan Moreno. Denn es war Ende 2018 nicht der SPIEGEL mit seiner Recherchepower, der Claas Relotius des Betrugs und der Lüge überführte. Es war Juan, der freie Reporter. Und er hat dafür seine berufliche Existenz riskiert, wie er in seinem Buch darlegt. Fakt ist: Wir haben ihm viel zu lange nicht geglaubt.

Preisabfragezeitpunkt:
13.09.2019, 11:14 Uhr
Ohne Gewähr

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Juan Moreno
Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus

Verlag:
Rowohlt Berlin
Seiten:
288
Preis:
EUR 18,00

Dieses Ringen um Glaubwürdigkeit nach dem ersten Verdacht gegen den vermeintlichen Überreporter Claas Relotius ("Er war ehrlich, präzise, vorbildlich, das Richtmaß dieses Berufs") schildert Juan Moreno eindrücklich in dem Buch. Er tut dies ohne Heldenpathos und ohne offene Rechnungen zu begleichen. Er legt alle gesammelten Beweise vor, sodass sich der Leser ein eigenes Bild davon machen kann, wie gut oder schlecht der SPIEGEL auf seine Vorwürfe reagiert hat.

Für Leute, die sich mit dem Fall Relotius intensiv beschäftigt und den Bericht der vom SPIEGEL eingesetzten Aufklärungskommission gelesen haben, mag das Werk wenig neue Erkenntnisse bieten, zumindest was die Fakten betrifft. Aber darum geht es auch gar nicht. Juan Moreno geht es vielmehr darum, das System des Hochstaplers Relotius zu entlarven, "das feine Spiel von Wahrheit und Plausibilität", mit dem er so virtuos umzugehen verstand.

"Wahr und plausibel werden oft gleichgesetzt und noch öfter verwechselt", schreibt Moreno. Er hat Relotius nie wirklich kennengelernt, aber das nimmt seiner Analyse nicht die Kraft. Relotius' Texte lieferten Trost, moralischen Halt und "das tiefe Bedürfnis nach einer Erklärung", fasst Moreno am Ende zusammen: "Der treue Claas gab uns das, was wir wollten: dem SPIEGEL, den Lesern, den Jurys."

Juan Moreno hat versprochen, dass wir "Tausend Zeilen Lüge" nicht mögen würden, dass sein Buch aber keine Abrechnung werde. Er hat Wort gehalten.

Hier lesen Sie den Auszug aus dem ersten Kapitel:

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