SPIEGEL-Betrugsfall "Claas Relotius war nie Reporter"

SPIEGEL-Mitarbeiter Juan Moreno hat ein Buch über den Fall Claas Relotius geschrieben. Wir veröffentlichen einen Auszug aus "Tausend Zeilen Lüge".
Juan Moreno an der US-Grenze zu Mexiko in Playas de Tijuana

Juan Moreno an der US-Grenze zu Mexiko in Playas de Tijuana

Foto: Scott Dalton/ DER SPIEGEL

Juan Moreno deckte Ende 2018 den Betrug von Claas Relotius auf. Musste er auch noch ein Buch darüber schreiben? Ja, musste er. Es ist eine kraftvolle Analyse des Falls, schreibt SPIEGEL-Chefredakteur Steffen Klusmann in einem Begleittext zu "Tausend Zeilen Lüge". Im Folgenden lesen Sie einen Auszug aus dem Buch.

Claas Relotius wurde nicht ein Mal gefragt, ob er eine feste Stelle beim "Spiegel" antreten wolle, er wurde zwei Mal gefragt. Er hatte zu dem Zeitpunkt bereits einige Texte als Freier fürs Blatt geliefert, die so gut waren, dass man ihn unbedingt fest ans Haus binden wollte.

Man kann sich streiten, ob das Gesellschaftsressort des "Spiegel" das beste Reportageressort Deutschlands ist. Unstrittig ist, dass die Reporter, die dort schreiben oder geschrieben haben, zu den Helden deutscher Journalistenschüler zählen: Alexander Osang, Cordt Schnibben, Alexander Smoltczyk, Barbara Supp, Matthias Geyer, Ullrich Fichtner, Klaus Brinkbäumer, Thomas Hüetlin, Takis Würger, Jochen-Martin Gutsch und einige andere mehr. Jeder Reporter kennt diese Namen, das Gesellschaftsressort galt für viele als eine Art Dreamteam, der FC Barcelona unter Pep Guardiola.

Zum Autor
Foto: DER SPIEGEL

Juan Moreno, Jahrgang 1972, ist SPIEGEL-Journalist und Schriftsteller. Moreno studierte Volkswirtschaftslehre in Konstanz, Florenz und Köln und absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er arbeitete u.a. lange als freier Journalist für die "Süddeutsche Zeitung", seit 2007 dann als Reporter für den SPIEGEL. Ende 2018 deckte er den Betrug seines Kollegen Claas Relotius auf.

Es ist nicht normal, dass man eine Einladung in den exklusivsten Reporterpool des Landes ausschlägt. Schon gar nicht, wenn man dreißig Jahre alt und freier Autor ist. Die Auflagen der Zeitungen und Magazine gehen seit Jahren zurück, immer weniger Geld steht für Recherchen bereit, im journalistischen Meer der Verzweiflung, in das heute Jungreporter entlassen werden, gibt es für viele genau eine Insel: den "Spiegel". Keiner bietet Reportern ein vergleichbares Gehalt, keiner vergleichbare Recherchemöglichkeiten. Nicht die "Zeit", nicht die "Süddeutsche", nicht der "Stern". Niemand.

Die beiden damaligen Leiter des Gesellschaftsressorts, Matthias Geyer und Ullrich Fichtner, fragten Relotius, ob er sich vorstellen könnte, fest beim "Spiegel" anzufangen. Man sei sehr zufrieden mit seiner Arbeit.

Claas Relotius sagte nein.

Er fühle sich sehr geehrt, freue sich über das Angebot, könne es aber leider nicht annehmen. Geyer und Fichtner verstanden die Reaktion nicht. So ziemlich jeder deutsche Journalist wäre auf Knien für so eine Stelle nach Hamburg gekrochen. Geyer fragte nach dem Grund für die Absage.

Relotius, bescheiden, wie es seine Art war, drückte sich ein wenig vor der Antwort. Es gehe um etwas Privates, um seine Schwester. Seine jüngere Schwester, die er sehr liebe. Sie sei an Krebs erkrankt, jeden Morgen und jeden Abend nach seiner Arbeit würde er, Claas Relotius, sich um die Schwester kümmern. Sie brauche viel Pflege und Zuspruch, aus diesem Grund könne er unmöglich die Verantwortung übernehmen und diese wichtige Stelle als "Spiegel"-Reporter im Gesellschaftsressort mit gutem Gewissen antreten.

In eigener Sache

Der Redakteur Claas Relotius hat die Leser und die Redaktion des SPIEGEL mit gefälschten Artikeln getäuscht und das Haus in eine Krise gestürzt. Alle Artikel zu diesem Fall im Überblick.

Vielleicht, auch das erwähnte Relotius, könne man ja, wenn es dann noch aktuell sei, zu einem späteren Zeitpunkt erneut über das Angebot sprechen. Selbstverständlich, sagten die zutiefst ergriffenen Chefs.

Relotius hatte die krebskranke Schwester davor nie erwähnt, noch sollte er später ein Wort über diesen Schicksalsschlag verlieren. Er war auch in der Folgezeit freundlich, zurückhaltend. Es war der Moment, in dem im Ressort sein Spitzname entstand: "Der treue Claas", so wurde Claas Relotius von da an im "Spiegel" genannt.

Relotius schrieb in der Folge weiter als Freier für den "Spiegel". Die Reportagen wurden trotz der Belastung durch die Schwester nicht schlechter, mehr noch, sie wurden besser. Immer und immer wieder kam er mit Rechercheergebnissen zurück, die seine Chefs verzückten. Es regnete Preise, Relotius wurde immer besser als Reporter. Darum fragten sie nach einiger Zeit, sehr zurückhaltend, sehr respektvoll, erneut. Ob er unter Umständen jetzt eine Möglichkeit sehe, zum "Spiegel" zu kommen? Ob es, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, weil es sicher schwierig sei darüber zu reden, der Schwester besser gehe?

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Moreno, Juan

Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus

Verlag: Rowohlt Berlin
Seitenzahl: 288
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Ohne - verständlicherweise - ins Detail gehen zu wollen, erklärte Relotius, dass jetzt ein besserer Zeitpunkt gekommen sei. Und ja, er könne sich vorstellen, fest beim "Spiegel" anzufangen.

Ullrich Fichtner und Matthias Geyer, zwei der bekanntesten Reporter im deutschen Journalismus, hatten damit ein singuläres Talent, eine einzigartige journalistische Stimme fest an den "Spiegel " gebunden. "Ein Jahrhunderttalent", nannte ihn ein Kollege. Dazu muss man wissen, dass der "Spiegel", ähnlich den Bayern in der Bundesliga, der langen Tradition folgt, anderen Blättern die besten Schreiber abzuwerben. Man kann bis heute kein Volontariat beim gedruckten "Spiegel" machen. Das stolze Signal nach draußen: Hier arbeitet niemand, der erst lernen muss. Hier sind nur Leute, die es bereits können. Der "Spiegel" versteht sich, begründet oder nicht, bis heute als Spitze des deutschen Journalismus, und der neue Stern im Schreiberfirmament Claas Relotius war jetzt Teil davon, Teil der Elite.

Claas Relotius hat keine Schwester.

Matthias Geyer, Relotius' damaliger Chef, hat diese Geschichte vor einer Gruppe von Kollegen erzählt. Ich habe sie an den Anfang gesetzt, weil ich klarmachen will, wovon wir hier reden. Relotius war nicht jemand, der, gezwungen durch die Erwartungen des Umfelds, des Ressorts, der Konkurrenz, irgendwann anfing, zugespitzte Zitate in Texte zu schmuggeln. Er war nicht jemand, der später begann, als er merkte, dass er nicht aufflog, sich Beschreibungen auszudenken. Oder kleine erfundene Nebenfiguren. Dann Szenen. Und schließlich eine ganze mehr oder weniger komplett erfundene Reportage fabrizierte. So war das nicht.

Claas Relotius war ein Lügner, der nicht nur als Journalist erfundene Geschichten erzählte. Er log schon lange, bevor er beim "Spiegel" anfing. Er hätte vermutlich in jedem anderen Beruf auch gelogen. Relotius war nie ein Reporter, er war ein Hochstapler, der, wie sich zeigen wird, eher zufällig zum Printjournalismus kam, weil er bald merkte, dass jemandem mit seinen Fähigkeiten genau hier eine meteoritenhafte Karriere offenstand. Und wäre er ein wenig charmanter, lustiger, charismatischer und seine Texte nicht ganz so melodramatisch verkitscht, könnte man dem Ganzen womöglich sogar ein wenig Catch-me-if-you-can-Flair abgewinnen. Aber auch das war Relotius nicht.

Ich weiß nicht, ob Relotius krank ist oder nicht. Er sagte von sich selbst - nachdem er aufgeflogen war -, dass er Hilfe brauche, dass er mit Ärzten rede und in Behandlung sei. Es gehört zu den wenigen Dingen, die ich ihm abnehme. Natürlich gibt es aus der Psychologie Erklärungsmodelle für Hochstapler, sie klingen immer ähnlich. Ein emeritierter Psychologieprofessor, dem ich den Fall erzählte, sagte mir, dass Relotius' Geschichte von "geradezu beleidigender Schulbuchhaftigkeit" sei: Hochstapler sind in der Regel voll schuldfähig. Sie hätten eine starke Neigung zur dramatischen Selbstdarstellung, gepaart mit gesteigertem Geltungsbedürfnis. Ich dachte, während der Professor redete: "Neigung zur dramatischen Selbstdarstellung? Gesteigertes Geltungsbedürfnis?" Das könnte für die halbe "Spiegel"-Redaktion gelten.

Ich werde weiter hinten im Buch vertiefen, was ich an Relotius' Charakter so faszinierend finde. Und so verstörend.

Dass Reporter mit ihren Geschichten glänzen wollen, ist eine Selbstverständlichkeit. Was aber Claas Relotius so fundamental von vielen Kollegen unterscheidet, ist, dass er beim geringsten Widerstand eben nicht "dranblieb", nicht "nachhakte", nicht nach Alternativen suchte. Relotius erfand. Er quälte sich nicht. Er sparte sich den schwierigen Part, die eigentliche Arbeit. Natürlich machen Reporter diese nicht perfekt, einige nicht mal besonders herausragend, einige, an manchen Tagen, sogar hanebüchen schlecht, aber die allermeisten machen sie ehrlich. So gut es eben geht, so wie andere Menschen in anderen Berufen auch.

Claas Relotius, das ist mir wirklich wichtig, war nie Reporter. Bevor ich also über die Entstehung von "Jaegers Grenze" schreibe, der Reportage, die Relotius' Fälscherkarriere beenden sollte, will ich daher einige Seiten über diesen Beruf - und die journalistische Form der Reportage - schreiben.

Würde man mich fragen, welche Farbe der Reporterberuf hat, meine Antwort wäre: grau. Mattes, kaum polierbares Grau. Ein Reporterleben besteht zum großen Teil darin, Leid, Schmerz und Problemen nachzureisen, sich danebenzustellen, einen Stift und Block zu zücken und das aufzuschreiben, was man sieht. Der Schmerz der anderen, das ist Reporter-Rohstoff. Das ist nicht sonderlich glamourös. Manchmal besuche ich auch Menschen, denen es besonders gutgeht, oder die Glück gehabt haben, aber Leser mögen solche Geschichten nicht. Viele behaupten zwar, dass sie das gern lesen, es stimmt aber nicht. Zweifler mögen einen beliebigen Online-Redakteur fragen, worauf Nutzer "klicken ". Jeder Online-Redakteur kann zu seinen Klickzahlen einen Vortrag halten. So wie jeder Fernsehredakteur einen über Einschaltquoten halten kann. Denn was passiert regelmäßig in Nachrichtensendungen, wenn auf einen erschütternden ein positiver Beitrag folgt? Die Zuschauer schalten ab. Brennende Häuser, ertrinkende Flüchtlinge, keifende Diktatoren, alles kein Problem. Aber zwei gute Nachrichten hintereinander, und der Zuschauer ist weg.

Als Reporter begleite ich oft Menschen in Krisensituationen. Mein Job ist es, ihnen Fragen zu stellen, Angehörige, Arbeitsstätten, Geburtsorte zu besuchen, möglichst viel über diese Menschen herauszufinden. Naturgemäß möchten das viele nicht. Und nur um das gleich zu klären: Ich kann jeden verstehen, mehr noch, ich würde den meisten empfehlen, sich nicht auf einen Reporter wie mich einzulassen. Die wenigsten profitieren von einem Gespräch. Ich rede nicht von Journalisten, die Gefälligkeitstexte schreiben, weil ihr Magazin Gefälligkeitstexte druckt. Ein richtiger Reporter wird wahrscheinlich genau nach den Erlebnissen und Informationen fragen, die man nicht preisgeben will. Kluge Menschen, andere sind selten interessant, schützen ihre Wahrheiten wie einen Schatz.

Gerade wenn man an die sensationellen Geschichten denkt, die Relotius immer wieder lieferte, muss man verstehen, dass zu den ständigen Begleitern dieses Berufes das Scheitern gehört. Es ist fest eingeplant, unvermeidbar. Eine Recherche läuft immer anders, als man es gerne hätte. Man bekommt einfach nicht die Akte, die alles beweist, das Gespräch, das man braucht, um das Puzzle zusammenzusetzen. Der Whistleblower traut sich letztlich doch nicht auszusagen. Das ist die Regel, je interessanter die Geschichten werden, desto wahrscheinlicher scheitert man. Der VW-Ingenieur, der die Abschaltvorrichtung programmiert hat, redet nicht, genauso wenig wie der Beamte, der gesehen hat, wie sein Kollege Geld von einem Baulöwen angenommen hat. Die Absage, die Niederlage ist ständiger Begleiter in diesem Beruf.

Lesen Sie hier einen Begleittext zur Buch-Veröffentlichung von SPIEGEL-Chefredakteur Steffen Klusmann: