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17. August 2013, 07:35 Uhr

Der Schweiß im Newsroom

Gerade in diesen irren Zeiten des Wandels können Journalisten nur eines tun, sagt Chefredakteurin Ines Pohl, nämlich sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren: aufdecken, aufklären und die Mächtigen kontrollieren.

Es gibt viele Rituale in der "taz", die Spaß machen. Eines davon ist das tägliche Spiel mit der Schlagzeile, einem Markenkern der "taz", für den viele LeserInnen uns lieben: "Es ist ein Mädchen!" titelte die "taz" bei der ersten Wahl von Merkel und "Gott sei Dank!" beim Rücktritt von Papst Benedikt. Momente, in denen Geschichte geschrieben wurde, und mit dabei - "taz"-Journalismus at its best: Respektlos im klugen Sinne, eine gesellschaftliche Relevanz vermittelnd, die weit über den Moment hinaus weist, eine Haltung transportiert und sie elegant einordnet.

Der Tag, an dem die "Washington Post" verkauft wurde, war so ein historischer Moment, ein Tag, der unsere Branche erschütterte. Was bedeutet es für den Journalismus weltweit, dass ausgerechnet jene Zeitung, die wie kaum eine andere für die Kontrolle der Macht und die Vierte Gewalt steht, an Jeff Bezos, den Amazon-Gründer verkauft wurde?

Zwei gute Schlagzeilen hatten wir entwickelt. Im Nachklapp zum großen Springer-Ausverkauf diskutierten wir lange die Grundidee: "Verleger verlieren ihren Glauben". Etwas abgewandelt: "Verleger verleugnen ihre Herkunft". Auch mit dem Begriff "Autoimmunerkrankung" haben wir herumgedoktert.

Die Machtverhältnisse haben sich verkehrt

Mein persönlicher Favorit war die zweite Variante: "Die Revolution frisst ihre Väter". Weil sie das Feld öffnet. Und nicht nur die Verleger ins Visier nimmt und damit zumindest eine indirekte Anklage mitschwingen lässt. Sondern weil sie auf das große Ganze verweist. Es sind ja die Kinder der digitalen Revolution, die ihre bisherigen Wirte fressen.

Schluss mit friedlicher Koexistenz und Symbiose - die Machtverhältnisse haben sich verkehrt, der Wirt wird vertilgt.

Haben die gedruckten Medien viele Jahre ganz selbstverständlich die Kosten der Online-Produkte mitgetragen, greifen diese nun krakenähnlich nach dem heiß umkämpftesten Gut überhaupt: der Aufmerksamkeit, der Zeit, die Menschen investieren, um sich zu informieren. Und würgen so ihre bisherige Lebensader ab.

Wie reagieren wir nun als Journalistinnen und Journalisten - wohlgemerkt nicht als Verleger oder Herausgeber - auf diesen Abgrund, der sich da vor uns auftut, diesen Wandel, bei dem es weder Notausgang noch eine Delete-Taste gibt? Der Milliardär und supererfolgreiche neue "Post"-Besitzer verkündet, man werde künftig noch genauer die Bedürfnisse der LeserInnen ermitteln, um so in naher Zukunft ihre Wünsche maßgeschneidert erfüllen zu können.

Maßgeschneiderter Journalismus? Gruselig.

Bleibt cool!

Der Rotweintrinker bekommt nur noch entsprechende Werbebanner zu Gesicht, der Segler wird mit neuen Navigationsgeräten und der Radler mit neuen Schaltungen umworben. Konsumterror. Aber was heißt denn ein solcher "maßgeschneiderter" Journalismus für die Themensetzung und Diskursgestaltung? Bekommen jene, die mit ihren digitalen Fingerabdrücken hinterlegt haben, dass sie eher konservativ sind, eine Wahlempfehlung für Merkel, um sich gut und bestätigt zu fühlen? Und die Veggi-day-Befürworter stattdessen einen Kommentar, der die Grünen empfiehlt?

Sollte das Wirklichkeit werden, dann sind die Journalisten an ihrem Untergang tatsächlich selber schuld. Denn dann verkaufen sie letztlich ihre eigene Daseinsberechtigung.

Deshalb ist mein Zuruf in diesen irren Zeiten, cool zu bleiben, nein, mehr noch: sich ganz konservativ auf den eigenen Urgrund zu besinnen. Journalisten sind da, um aufzudecken, aufzuklären und so zu kontrollieren und über die Herrschenden zu wachen. Das ist der Sinn. Lassen sie mich an dieser Stelle Joseph Pulitzer zitieren, den Gründer des gleichnamigen Preises für Journalisten, der schon vor mehr als 100 Jahren sagte: Journalismus ist eine Profession, kein Geschäft. Oder anders ausgedrückt: Journalisten müssen sich um Journalismus kümmern, nicht ums Geldverdienen.

Journalismus im Jahr 2013

Entsprechend wütend bis frustriert machen mich all die Konferenzen, Panels und Mediengipfel, die sich dem einen großen Thema verschreiben: Wie können wir (mehr) Geld verdienen?

Nein, Leute, überlasst das dem BdZV und den Geschäftsführer-Meetings!

Wir Journalisten müssen uns engagiert und selbstbewusst mit unserem eigentlichen Auftrag beschäftigen: Was ist Journalismus im Jahr 2013?

Wie nutzen wir Recherchetools wie Twitter? Wie entwickeln wir gerade im digitalen Bereich Formen, in denen wir aktuelle Entwicklungen anschaulich darstellen und gleichzeitig ihrer Komplexität gerecht werden? Welche journalistischen Antworten finden wir auf all die Fragen, die eine globalisierte Welt aufwirft, die immer komplizierter und widersprüchlicher wird? Wie nutzen wir die neuen Möglichkeiten, unsere Community einzubeziehen, oder technische Möglichkeiten für investigativen Data-Journalism?

Oder, wie Steve Coll, Dean der Colombia Journalism School sagt:

"The art, the profession, the sweat, blood and tears of journalism lies in (...) the newsroom." Und nirgends sonst.

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