Georg Diez

Technologie und Glaube Fürchtet euch nicht!

Was haben Technologie und Religion gemeinsam? Sie provozieren genauso viel Euphorie wie Ablehnung. Der Facebook-Skandal lässt viele an den Segnungen der Tech-Realität zweifeln, dabei wäre Zuversicht gefragt.
"Like"-Zeichen an der alten Facebook-Zentrale in Menlo Park

"Like"-Zeichen an der alten Facebook-Zentrale in Menlo Park

Foto: facebook

Wiederauferstehung ist machbar, so heißt es. Und das ewige Leben ist für manche eine echte Option. Es ist Ostern, aber die Jünger des neuen Morgen verneigen sich nach Westen, gen Silicon Valley. Technologie ist die neue Religion.

Man kann sich einfrieren lassen und darauf warten, bis die Wissenschaft so weit ist, den Tod zu besiegen. So sehen es die Tech-Visionäre voraus, denen jedoch langsam selbst die Zeit ausgeht, bis dieser chiliastische Traum für sie Realität wird.

Oder, so ein anderer Gedanke, man kann sich und sein Gehirn downloaden, auf eine Festplatte speichern, und darauf warten, bis die Computer zu jenen "spirituellen Maschinen" geworden sind, von denen der Futurist Ray Kurzweil schon vor 20 Jahren redete und die dann das haben, was Menschen ausmacht: ein Bewusstsein.

Man lebt dann im Computer, als Computer, aber man merkt es nicht. Die Simulation ist perfekt, das Selbst täuscht sich über seine eigenen Begrenzungen hinweg und nennt es Leben - es ist das alte Problem von Leib und Seele, das René Descartes zu lösen versuchte durch den Satz "Ich denke, also bin ich". Was aber, wenn die Maschine denkt?

Die Technologie stellt, in ihrer eigenen Terminologie, ähnliche Fragen an den Menschen wie seit Jahrtausenden die Religion, die ja letztlich, Traditionshase hin oder her, auch nur eine andere Möglichkeit ist, sich eine Form von Existenz und metaphysischer Berechtigung zu schaffen, eine Art Gebrauchsanweisung für das Nichts.

Wie die Religion ist die Technologie damit dem Menschen nicht fremd, sie ist nicht von ihm getrennt, sie ist ihm eigen und von ihm geschaffen, sie ist, in vielem, sein Bild und nicht außerhalb seiner Macht. Und doch wird die Technologie, das ist der inhärente Widerspruch, oft als das Andere gesehen; und weil das Andere, seien es Götter, Fremde, Computer, so oft mit Angst besetzt ist, wirkt auch die Technologie für viele wie ein Fluch.

Das Problem also ist, dass etwas wie Technologie, die von Rationalität geprägt ist und von Rationalität regiert wird, einerseits selbst Irrationalität produziert, etwa bei den Jüngern der "Singularity", jenem Moment, an dem die Maschinen den Menschen ebenbürtig werden und ihn in seinem metaphysischen Alleinvertretungsanspruch ablösen. Andererseits ist die Reaktion auf Technologie genauso oft von Irrationalität geprägt ist.

Die Angst wird zum Verbindenden - und zum Problem

Das ist die Verwandtschaft von Technologie, Religion, dem Fremden überhaupt: dass sie Angst und Irrationalität produzieren, obwohl sie das Eigene sind. Und in dieser so angespannten und aufgeladenen Zeit, die wir gerade erleben, überlagern, verstärken, potenzieren sich nun diese Kräfte: Die Angst ist das, auf was sich viele Menschen einigen können, sie ist das Verbindende und zugleich das Problem.

Denn Angst trennt die Menschen von der Wirklichkeit. Angst ist, in Form von Islamophobie, übersteigertem Nationalismus oder stumpfer Technikfeindlichkeit, das Material, aus dem der Hass erwächst, die Aggression gegen das Andere, die Spaltung der Gesellschaft, von der so oft geredet wird. Deren eigentliche Ursache ist zumeist nicht das Andere, als abstrakte Größe, sondern sehr reale gesellschaftliche und wirtschaftliche Faktoren wie Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Armut.

Die neue Technologie - also Künstliche Intelligenz, Algorithmen, Big Data - ist, wie jede Technologie - in den Worten des amerikanischen Historikers Melvin Kranzberg - weder gut oder schlecht und auch nicht neutral. Sie ist aber immer auch ein Mittel, den Fortschritt so zu gestalten, dass er den Menschen dient. Diese Technologie zu verdammen und mit einem pauschalen Verdacht zu belegen, das ist so ziemlich das Dümmste und Gefährlichste, was man in einer globalen Krisensituation machen kann.

Wir lernen, als Spezies, Bürger, Konsumenten, gerade gemeinsam, was diese neue Technologie wirklich bedeutet: soziale Netzwerke, künstliche Intelligenz, Krypto-Währungen, die verborgenen Formeln hinter den Webseiten, die wir besuchen, Algorithmen, die Macht der Daten, das Denken der Digitalisierung, die Digitalisierung des Kapitalismus, die Vermarktung all dessen, was wir sind und denken. Eine Umkehrung von Descartes also, dessen Frage nach der Realität mit dem Denken seine Antwort fand. Heute schafft das Denken, das Reden, das Sich-Bewegen im Netz, das Kaufen, das Lesen, das digitale Sein eine Realität, die vollständig kontrollierbar erscheint.

Es ist irrsinnig kompliziert

Es ist irrsinnig kompliziert, und jeder, der etwas anderes sagt, ist entweder schon von der Maschine überrollt oder hat keine Ahnung. Aber gerade weil es so kompliziert ist, ist die Versuchung groß, einfache Antworten zu finden. Speziell in Deutschland, so scheint es, haben die meisten Menschen erst spät verstanden oder zu verstehen versucht, was die digitale Realität ist. Sie haben also die Phase der Neugier, des Optimismus, der schieren Möglichkeiten übersprungen und sind gleich im Skeptizismus und in der Ablehnung gelandet.

Ereignisse wie der Facebook-Skandal machen es solchen Menschen leicht, sich in ihrem Pessimismus heimisch zu fühlen. Dabei wäre kenntnisreiche, konstruktive Kritik an der Technologie im Moment elementar wichtig, um genau aus dieser ängstlichen Defensive wieder herauszufinden. Denn die Technologie wird nicht verschwinden, im Gegenteil.

Das digitale Dilemma des Augenblicks ist also ein doppeltes: Auf der einen Seite die übersteigerte Tech-Verzückung im Silicon Valley, die sich durch eine Mischung aus Brillanz, Naivität und Überheblichkeit auszeichnet - und auf der anderen Seite die übersteigerte Tech-Verteufelung, die sich durch eine Mischung aus Unwissenheit, Fatalismus und Ressentiment auszeichnet.

Dazwischen aber muss ein Weg sein für ein anderes, emanzipatorisches Nachdenken über Technologie - denn eine rationale, progressive Politik lässt sich nur mit und nicht gegen Technologie erreichen. Es ist die Facebook-Falle, dass es nun so scheint, als könne es anders sein.

Die Technologie aber schafft sich ihre gesellschaftlichen Bedingungen, die Umbrüche und Revolutionen, die ihr eigenen sind. Das ist eine Lehre aus der Geschichte. Darin liegt sowohl Gefahr als auch Chance, weil sich durch Technologie das Menschenbild neu definieren lässt. Die letzte, ähnlich markante Verschiebung dieser Koordinaten gab es vor etwa 500 Jahren, es war ein Kampf zwischen Religion und Rationalität um die Stellung des Menschen.

Damals wie heute war die Rede von einer Renaissance: eine andere als die christliche Version der Wiederauferstehung, eine technikgetriebene, humanistische Vision von Wiedergeburt.

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