Televisionen Blick zurück im Frust

Menschen in der Spätjugend: Beim "Klassentreffen" auf Sat.1 haben fast alle Betuchten eine Leiche im Keller, während auf Pro Sieben ein Paar versucht, eine 20 Jahre verpatzte Ehe zu kompensieren. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

Von Christian Bartels


Alkohol und Leichen im Keller: Beim "Klassentreffen".
SAT.1

Alkohol und Leichen im Keller: Beim "Klassentreffen".

Die Zielgruppe der unter 50-Jährigen heißt "die junge", aber ganz so jung sind deren meisten Mitglieder natürlich nicht mehr. Wie weit sich das Alter herangeschlichen hat, bemerkt der Mensch in der Spätjugend nicht zuletzt an runden Hochzeitstagen und bei Ehemaligen-Treffen.

Im Sat.1-Thriller "Klassentreffen - Mordfall unter Freunden" (Di. 20.2., 20.15 Uhr) ist Natalia Wörner eine gestrenge Juristin aus dem hektischen Berlin, die im flotten Sportwagen viel Natur durchqueren muss, bis sie in die schleswig-holsteinische Heimat gelangt. Dort sind die alten Klassenkameraden hängen geblieben. Die einen erfreuen sich noch immer an pubertären Sprüchen, auch wenn ihnen schon das Haar ausfällt; die anderen waren gut in Mathe und sind bei der Sparkasse gelandet. Obwohl alle gern zu einem ausdifferenzierten Spektrum von Alkoholika greifen, schäumt die Stimmung beim Treffen im "Deutschen Haus" nicht gerade über. Da passt es, wenn eine Beerdigung als Steigerung des Klassentreffens erscheint.

Womit wir beim Plot sind: Organisatorin Dagmar (Esther Schweins) wird am Abend des Klassentreffens mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne gefunden. Selbstmord einer hibbelig frustrierten Apothekenchefin - würden die auch nicht unfrustrierten Ex-Kumpels mit der Polizei denken. Nur Nina ist couragiert genug, sich über den verdächtig rasch ausgestellten Totenschein zu wundern. Außerdem ist sie von Beruf Staatsanwältin und war die beste Freundin der Toten - ausreichende Voraussetzungen, um auf eigene Faust zu ermitteln. Und weil sie der Star im Städtchen ist, helfen ihr viele Verehrer dabei.

Was dann heraus kommt bei der Recherche in Tennisclub und Krankenhaus, bei Autoverfolgungen an schönen schleswig-holsteinischen Schauplätzen, ist nicht neu: Alle, die es halbwegs geschafft haben, haben auch etwas zu verbergen. Beim Autobahnbau, im Apothekengeschäft, in der Lokalpolitik. Auch Nina selbst hat eine Leiche im Keller. Aber nur einer kann der Mörder sein. Das ist fast wie bei Chabrol, ein Viele-Verbrechen-und-falsche-Spuren-Plot (Buch: Jochen Brunow) in der Provinz, der durch die Klassentreffen-Dramaturgie ans wirkliche Leben angekoppelt wird und Schauspieler wie Leslie Malton und Christoph M. Ohrt in erfreulich unyuppieesken Rollen zeigen lässt, dass sie mehr können als sie meistens zeigen. Regisseur Diethard Küster setzt das angenehm verhalten in Szene und flicht eine schöne Liebesgeschichte mit dem Paar Wörner/Knaup ein, die nur aus der Entfernung in Gang kommt.

Brunftschreie und küssende Ampelmännchen

20 Jahre Ehe können frustrieren.
PRO 7

20 Jahre Ehe können frustrieren.

Ein paar Jahre mehr haben die Protagonisten von "Love Trip" (Do. 22.2., Pro Sieben 20.15 Uhr) hinter sich: David und Britt sind seit 20 Jahren verheiratet. Weil Britt nicht will, lugt David (Dominic Raacke) am Anfang blöd zu seinem kleinen Freund unter der Bettdecke und sagt: "Guck nicht so blöd!" Später läuft Britt (Désirée Nosbusch) bekifft kichernd durch Amsterdam, weil sie einen Coffee Shop mit einem Restaurant verwechselt hat, und halluziniert, dass sich die Ampelmännchen küssen. Dann sitzt er im hellhörigen spanischen Hotelzimmer, durch dessen Wände lautstarke Lustschreie dringen und will vor Britt am Telefon den Schein wahren, dass er Urlaub auf dem Bauernhof macht. Also erklärt er: Eine Kuh habe Euterentzündung und müsse notgeschlachtet werden.

20 Jahre Ehe können frustrieren.
PRO 7

20 Jahre Ehe können frustrieren.

Dieses erst verklemmt frivole, dann verkrampft anspruchsvolle Filmchen zeugt von tiefer Tragik. Warum versucht Desiree Nosbusch, die nie eine große Schauspielerin war, aber immerhin relativ jung aussieht, eine seit 20 Jahren verheiratete Ehefrau zu spielen? Was trieb den angesehenen Schauspieler Dominic Raacke dazu, seinen "Tatort"-Posten zu verlassen und solchen Schmarren mitzumachen? Schulden bei der Russenmafia?

Der menschliche Anstand verbietet es, die beteiligten Künstlerinnen und Künstler (Regie: Richard Huber, Buch: Benita Garvin) auch noch durch Kritik herabzusetzen. Sie sollten einfach einen bürgerlichen Beruf ergreifen: Und Schwamm drüber.

Außerdem neu:

So. 18.2. ARD 20.15 Uhr: "Polizeiruf 110 - Bei Klingelzeichen Mord"
(Regie: Andreas Kleinert, Buch: Stefan Kolditz)



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