Televisionen Deutsche sind die besseren Italiener...

...zumindest, wenn das ZDF einen typischen Mainzer Samstagskrimi im typisch mafiosen Sardinien ansiedelt. RTL versucht einen anderen Spagat: zwischen Jugendschutz und Slasher-Horror. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

Von Christian Bartels


Typisch italienisch: Jochen Nickel als "Rächer" Marco Rossi in "Niemandsland"
ZDF

Typisch italienisch: Jochen Nickel als "Rächer" Marco Rossi in "Niemandsland"

Keine Frage, wir Deutschen werden eleganter. In den Neunzigern war es noch der vom Leben zerfurchte Jürgen Prochnow, der uns im Weltkino repräsentierte und unverdrossen brüllende SS-Schergen und Kriegsverbrecher mimte. Unvergessen sein Ein-Minuten-Auftritt als Daumenschneider in "Der englische Patient". Im neuen Jahrtausend tritt mit stets gut geföhntem, manchmal im Wind wehenden Haar Thomas Kretschmann in seine Fußstapfen. Im US-Untersee-Thriller "U-571" spielte er den schreienden "Kaleu" in bester Prochnow-Tradition, und im neuen Polanski wird er einen feingeistigen Wehrmachtsoffizier verkörpern, der einen polnischen Pianisten aus dem Warschauer Ghetto rettet.

Zwischendurch dreht Kretschmann Samstagskrimis fürs ZDF. Philip Lanart heißt er da, ein ungewöhnlich unkonventioneller Kommissar, der nie lacht und wenig redet, was sich angesichts der Dialoge (Buch: Holger Karsten Schmidt) als clever erweist. "Der Solist" nennt sich die Ende 1999 gestartete Reihe, weil Lanart als Einzelgänger charakterisiert wird. Ein richtiges Einzelgänger-Abenteuer ist dem ZDF aber nicht mehr eingefallen, weshalb Lanart in der Folge "Niemandsland" (Sa., 24.2. ZDF 20.15 Uhr) mit einem Partner (Oliver Nägele) ungewöhnlicherweise ein ungleiches Duo bildet.

Dieses wird nach Sardinien gesandt, um den Verhafteten Marco Rossi zu überführen, der in Hamburg einen weiteren Italiener erschossen hat. Auf der Heimfahrt fängt die Mafia die Ermittler ab, indem sie sich als italienische Polizei verkleidet, nur dummerweise die Schuhe vergisst. Also schlagen sich die Deutschen mit ihrem Gefangenen ins Gebüsch, nächtigen am Lagerfeuer und versuchen, von der Insel zu fliehen - aber nicht ohne Rossis Tochter. Auf der Fähre kommt es zu wilden Schießereien mit der Mafia, deren Schutzgelderpresser Rossis Frau ermordet hatten und nun Rossi aus dem Weg räumen wollen.

Zur gleichen Zeit ernennt die freie Hansestadt Hamburg den angesehenen Geschäftsmann Canzan zum Ehrenbürger, nicht ahnend, dass dessen Sohn Boss der italienischen Schutzgeldmafia ist. Zum Glück hört Dezernatsleiter Jansen (Hans-Michael Rehberg) ein Telefonat zwischen den nur scheinbar ehrenwerten Italo-Hamburgern ab und kann Canzan, den er seit 20 Jahren auf dem Kieker hatte, in einem nun wirklich hochdramatischen Alte-Herren-Blicke-Showdown am Flughafen verhaften. Man könnte diesen dramaturgisch nicht eben zwingenden Schlenker, der vor übereilter Ehren-Einbürgerung ausländischer Mitbürger zu warnen scheint, infam finden. Aber gnädige Langeweile tötet alle unterschwelligen Implikationen ab.

Einsatz in Sardinien: Hennings (Oliver Nägele, l.) und Lanart (Thomas Kretschmann, r.) müssen Rossi überführen
ZDF

Einsatz in Sardinien: Hennings (Oliver Nägele, l.) und Lanart (Thomas Kretschmann, r.) müssen Rossi überführen

Zur Ehrenrettung der Produzenten muss man sagen, dass sie wenigstens keine Italiener behelligt haben: Den Rächer Rossi gibt Jochen Nickel, der trotz großzügig nachgedunkelten Haars eher unitalienisch wirkt, aber so leidenschaftliche Blicke zu werfen versteht, dass Thomas Kretschmann erst mal die Sonnenbrille aufsetzen muss. Den Schutzgelderpresser spielt der einstige Krimikomödiant Dieter Landuris, der seinen Namen griechischer Abstammung verdankt. Und als Mafiakiller Paolo und Enrico hat man Herrn Andreas Schmidt sowie den alten DDR-Indianer und Bad Segeberger Winnetou Gojko Mitic angeheuert.

Schüler schrecken, ohne Jugendschützer aufzuschrecken

Damit in die gruselige Bretagne, wo RTL "Mädcheninternat - Deine Schreie wird niemand hören..." (Mittwoch, 28.2., 20.15 Uhr) drehte. "Wovor hast Du Angst?", fragt anfangs Nina (Katharina Wackernagel) ihre Zimmergenossin. Die ist stumm und schreibt es auf einen Zettel: GEIST. Wie albern, Geist hat hier natürlich nichts verloren. Es handelt sich um die Fortsetzung des Slasherfilms "Schrei - denn ich werde Dich töten", der im November 1999 ungewöhnliche Publicity erzielt hatte, weil am Vortag ein Schüler in Meißen seine Lehrerin getötet hatte. Das hat dem Sender schlechte Presse und Ärger mit der Medienaufsicht eingebracht. Diesmal ist die Story (Regie: Robert Sigl, Buch: Kai Meyer) sichtlich vom Bemühen zerschlitzt, Schüler zu schrecken, ohne Jugendschützer aufzuschrecken: In einem schlossartigen Ex-Kloster auf einer abgelegenen Insel will eine strenge Professorin weibliche Gewaltverbrechensopfer mit Hilfe der Konfrontationstherapie heilen. Zugleich erzählen allerlei Anwohner gefährlich guckend alte und ältere Legenden, die von schwangeren Nonnen und Hexen handeln. An einem hohen keltischen Hexenfeiertag beginnt dann eine verkleidete Nonne mordend zwischen den alten Gemäuern umherzuhuschen und die Mädchen, die ebenfalls über die Insel rennen und immer gerade nicht in die Richtung gucken, aus der die verkleidete Nonne guckt, zu dezimieren.

Die Regie müht sich redlich, das Blutvergießen durch die Montage von rotgetünchten Messern, geängstigten Gesichtern und flüssigkeitsbasierten Toneffekten audiovisuell zu simulieren. Unter Jugendschutzgesichtspunkten besonders gelungen ist die erste Mordszene. Da wird ein Mädel von der Nonne angestochen, rennt dann in ein zufällig am Wegesrand gelegenes kleines Moor und versinkt schnurstracks. Bezeichnenderweise wollte das Opfer zuvor in der Küche Alkohol klauen und suchte gerade Kameradinnen mit "was zu rauchen" - prompt versumpft sie im wahrsten Wortsinn. Dagegen kann kein Jugendschützer etwas haben, das ist geradezu pädagogisch wertvoll.

Außerdem neu:

Sonntag, 25.2. ARD 20.15 Uhr: "Tatort: Mördergrube"
(Regie: Christiane Balthasar, Buch: Robert Schwentke)
Die Kölner Kommissare Ballauf und Schenk gehen einem Mord auf dem Campus nach.


Mittwoch, 28.2. ARD 20.15 Uhr: "Scheidung auf Amerikanisch"
(Regie: Sherry Hormann, Buch: Gabriela Sperl)
Ehekrise zwischen der Deutschen Sarah (Martina Gedeck) und ihrem Mann Bob in der tiefen US-amerikanischen Provinz. Mit Marianne Sägebrecht als Sarahs bester Freundin.


Do 1.3. Pro Sieben 20.15 Uhr: "Bang Boom Bang - Ein todsicheres Ding"
(Regie: Peter Thorwarth, Buch: Thorwarth, Stefan Holtz) Im Kino halb gefloppt, jetzt als Pro Sieben-Koproduktion im Fernsehen: die Möchtegern-tarantinoeske Ruhrpott-Komödie mit Oliver Korittke.



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