Televisionen Die jungen Alten und die alten Germanen

Christian Brückner und Hannelore Elsner loten in der ARD-Lovestory "Ende der Saison" die Gegensätze zwischen jungen Alten und alten Jungen aus. RTL lässt in "Lenya" alte Germanen aufeinander einprügeln. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

Von Christian Bartels


"Ende der Saison" (Szene mit Hauptdarstellern Elsner und Brückner): Wie stirbt man sarkastisch?
BR / team worx

"Ende der Saison" (Szene mit Hauptdarstellern Elsner und Brückner): Wie stirbt man sarkastisch?

Vermutlich verhalten sich Synchronsprecher zu Stars wie Herrchen zu Hunden und werden ihnen über die Jahre immer ähnlicher. Das wäre kein Schaden für Christian Brückner, der lange vor allem als Eindeutscher Robert De Niros bekannt und zumindest so lange die meistgehörte gesichtslose Stimme war, bis Otto Sander sich an die Konzerne verkaufte und nun in jedem Werbeblock sowohl Automobile als auch Atomstrom anpreist.

Vielleicht deswegen tritt Brückner jetzt auch mal in einer großen Rolle vor die Kamera - und spielt in "Ende der Saison" (Mi., 21.11. ARD 20.15 Uhr) einen, den De Niro auch gut spielen könnte: Enno ist ein ergrauter Wolf, Journalist irgendwie, eingehüllt in eine Wolke aus charismatisch-zynischem Lebenskünstlertum, die auch eine deutlich jüngere Frau in den Bann schlagen kann. Wie Klarissa (Anneke Kim Sarnau), die 26-jährige Tochter der todkranken Waltraud (Hannelore Elsner). Just deren Liebhaber und Lebensgefährte ist wiederum Enno...

Die schlimme Ausgestaltung, die diese Geschichte in den meisten privaten und auch öffentlich-rechtlichen Redaktionen erfahren hätte, kann sich jeder vorstellen. Im Film von Stefan Krohmer (Regie) und Daniel Nocke (Buch) ist sie bloß Anlass für eine schwirrende, luftig erzählte Studie. Darüber, wie aus Berührungen, notwendigen und zufälligen, Situationen entstehen, die zu beidseitiger Verwirrtheit und Sex führen, und zu Liebe werden könnten, wenn die Verwirrtheit gleichzeitig beidseitig einträte.

Und darüber, dass die Jugend von heute eher alt ist im Vergleich zu den eher jungen Alten von heute. Für letztere steht die Brückner-Elsner-Generation: jene, die immer forever young waren, Sex und Drugs und so, und nun alt werden. Oder schlimmer noch: Nicht mal richtig alt werden, sondern vorher sterben müssen wie Waltraud. Hannelore Elsner spielt - wie in "Die Unberührbare - wieder großartig diese bewusst untergehende Bohème. Einen Menschen, der versucht, sarkastisch zu sterben, was natürlich nicht gelingt (ergo der Sarkasmus).

Die alten Jungen: "Ich freu' mich ja!"
BR / team worx

Die alten Jungen: "Ich freu' mich ja!"

Enno scheint angesteckt zu sein von dieser Attitüde und verbreitet die ihm bekannten Rezepte des savoir-vivre sehr militant, ob es um die "Angst vor dem Leben" geht, die man nicht haben darf, oder um den Knoblauch, den man ins Essen tun darf, auch wenn die Bekochte das ausdrücklich nicht will. Hinter seiner rauen Schale stecken natürlich Unsicherheit und Angst vor dem Tod. Ein Mensch halt...

Die Jungen in Gestalt von Klarissa und ihrem Freund Marius (David Striesow) wirken in den Augen der Alten alt, weil sie so ernst sind, wenn sie Veranstaltungen zur Rettung ihres Veranstaltungszentrums organisieren, und immer "Ich freu mich ja" sagen müssen, um zu zeigen, dass sie sich freuen.

Regisseur Krohmer, Jahrgang 1971, Ludwigsburger Filmstudent, hat das mit einer unruhigen Handkamera umgesetzt, deren Rastlosigkeit (ausnahmsweise in einem deutschen Film) mal kein dem internationalen Kunstfilm abgeschauter Selbstzweck ist, sondern der Unruhe der Charaktere entspricht. Ziemlich weise wirkt sein Film, was ja keine Frage des Alters ist...

Schwertkämpfe im Land der Wurstmasse und Haselnusstafeln

Junger Regisseur (Michael Rowitz, Jahrgang 1967), unruhige Kamera - das trifft auch auf "Lenya - Die größte Kriegerin aller Zeiten" (So. 18.11. RTL 20.15 Uhr) zu, womit die Ähnlichkeiten beider Filme aber erschöpft sind. Das Fantasy-Abenteuer spielt in jenen idyllischen Wald- und Wiesenlandschaften, in denen sonst immer Werbespots für Haselnusstafeln und Wurstmasse entstehen. Sie führt in die Zeit der alten Germanen und vor allem in die Bilderwelt der visuell digital-dreidimensionalen und dramaturgisch eindimensionalen Computerspiele (Buch: Peter Freund), die die Zielgruppe gerne spielt.

"Lenya"-Hauptdarsteller Kirchberger, Knauer, Weigend (v.l.): Eindimensioale Spielfiguren
RTL

"Lenya"-Hauptdarsteller Kirchberger, Knauer, Weigend (v.l.): Eindimensioale Spielfiguren

So klingt auch schon die Off-Stimme, die die Vorgeschichte zusammenrafft und in die "Spielregeln" einführt: Ein Schwert namens Balmaran muss gefunden werden. Vorher muss allerdings eine Kette gesucht werden, da ohne die das Schwert nicht gefunden werden kann. Erschwerend hinzu kommen Umstände wie der, dass das "Ritual nur bei Vollmond durchgeführt werden kann". Klar. Zur besseren Übersicht erläutern Götter, Boten und Walküren den Kontrahenten ihre Missionen: Lenya (niedlich: Anja Knauer) vom guten Stamm der Walsungen muss Kette und Schwert vor den bösen Burgunden (u.a. Julian Weigend) finden.

Wenn sich manchmal der Himmel auftut, damit der faltige Druide Odin in eine Eiche fahren kann, oder die bleiche Rasta-Punk-Grufti-Hexe (Sonja Kirchberger) fremde Gestalten annimmt, sehen die Effekte (Volker Engel aus der Emmerich-Entourage) nach guter deutscher Wertarbeit aus. Was sich vom eigentlichen "Spielinhalt" nicht sagen lässt. Das Schwertgekämpfe erinnert eher an rhythmische Sportgymnastik. Asiatische Martial-Arts lag dem Germanen eben noch nie. Das Stilmittel der wiederholenden Zeitlupe dagegen liegt ihm, der ja schon immer gern Fußball guckte, schon eher im Blut, und damit behelfen sich dann auch die Filmemacher.

Außerdem setzen sie auf viele Großaufnahmen von Gesichtern, was weniger an den mimischen Qualitäten der Schauspieler liegt, als daran, dass es eben schneller geht und preiswerter ist, die Bildfläche mit einem Gesicht zu füllen, anstatt ganze Landschaften in Totalen abzufilmen und dabei darauf zu achten, dass diese möglichst nach frühem Mittelalter aussehen. So unberührt sind die Wälder, so billig sind die Statisten in Tschechien schließlich auch nicht mehr.

Schade ist in diesem Zusammenhang, dass Klaus Kinski tot ist. Lebte er noch, wäre er für eine Gastrolle in diesem Mega-Trash sicher von den Philippinen oder wo er sonst gerade gedreht hätte, heimgekehrt und hätte ein paar Talkshows belebt...

außerdem wichtig:

So. 18.11. ARD 20.15 Uhr:
"Tatort: Hasard!"
(Regie und Buch: Thomas Bohn)
Zweiter Auftritt des neuen NDR-Kommissars Robert Atzorn


Di. 20.11. ZDF 23.15 Uhr:
"Zurück auf Los!"
Der Film von Pierre Sanoussi-Bliss (Regie und Buch) sollte eigentlich am 11. September laufen.


Mi. 21 11. Arte 23.00 Uhr:
"Catching Fire"
Als Musikfilm-Regisseur ist Julien Temple ziemlich legendär ("The Great Rock'n'Roll Swindle"). Je mehr seine Werke in Richtung Spielfilm ("Absolute Beginners") gingen, desto weniger Begeisterung lösten sie aus. Was auch diese Kinokoproduktion von 1998 betraf, die vom Lieben und kurzen Leben des Regisseurs Jean Vigo (James Frain) erzählt und jetzt ihre deutsche Premiere feiert.


Do 22.11. ARD 23.00 Uhr:
"Zugvögel - Einmal nach Inari..."
Bierkutscher (Joachim Król) aus Dortmund bricht zum Showdown im Kursbuchlesen in den hohen Norden Finnlands auf. Es gibt Menschen, die haben in keiner deutschen Kinokomödie so viel gelacht wie in diesem doch recht spröden Roadmovie auf Schienen. (Regie und Buch: Peter Lichtefeld).


Fr. 23. 11. Arte 20.45 Uhr:
"Späte Rache"
Nachwirkung einer alten Rechnung aus DDR-Zeiten: Vorpremiere des neuen Films von Matti Geschonneck (Regie) und Hannah Hollinger (Buch), die zuletzt "Jenseits der Liebe" drehten.



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