Televisionen Ein Fernsehabend ohne Friedman

Statt "Friedman" sendete das deutsche Fernsehen am Mittwochabend auf allen Kanälen Gutmenschentum - ein verklausuliertes Resozialisierungs-Angebot für den in Ungnade gefallenen TV-Talker? Klar ist nur: Friedman muss zurückkommen! Wir brauchen ihn!

Das Böse, so glauben überzeugte Christen bis heute, könnte sich in nahezu jeder nur denkbaren Gestalt verstecken: in einem korrupten Herrscher, in einem verruchten Weibe, manchmal sogar in einem Fernseh-Moderator mit Dauerbräune im Gesicht, exakter Bügelfalte und Gel im Haar.

"23.00 Friedman" - so stand es gestern immer noch in den meisten Programmzeitschriften, doch längst hatte die Aktion "Saubere Leinwand" zugeschlagen. Die Talkshow des streitbaren Michel Friedman, dem gelegentlicher, in Promikreisen weithin szeneüblicher Kokaingenuss und ein männertypischer, geradezu volksnaher Umgang mit käuflichen Frauen vorgehalten wird, war abgesetzt worden. Eine weit blickende und an Sensibilität nicht zu übertreffende Programmregie der ARD hatte dafür gesorgt, dass statt "Friedman" nun eine halbstündige Reportage lief, deren Titel ganze Kaskaden schillernder Anspielungen lieferte: "Das ist ein schmutziges Geheimnis... US-Kampfpiloten unter Drogen".

So interessant diese Recherchen über amerikanische Bomberpiloten waren, denen so genannte "Go-Pillen" mit wachhaltenden Dextro-Amphetaminen verabreicht werden, wenn's im Cockpit mal wieder etwas länger dauert, so drängend ist die Frage: Was wollte uns die ARD damit sagen? Kampf den Drogen im Himmel und auf Erden? Oder vielleicht: Bitte nur nüchtern bomben, dann trefft Ihr besser? Oder einfach nur: Wenn schon Drogen, dann nur fürs Bodenpersonal! Letzteres wäre ein freundlich-kollegialer Hinweis auf die bevorstehende "Love Parade" in Berlin, wo unter den Augen mehrerer tausend Ordnungshüter Kokain, Speed, Ecstasy und andere illegale Aufputschmittel gleich tonnenweise konsumiert werden und drittklassige Filmregisseure die Situation dazu nutzen, Hardcore-Porno-Szenen zu drehen. Motto: Love and Peace forever!

Im ZDF freilich blieb man zur gleichen Zeit konsequent sauber und kümmerte sich um den Aufschwung in Deutschland: Die Bewerber um den "Deutschen Gründerpreis 2003" sahen so aus, als wüssten sie nicht einmal, was Drogen überhaupt sind. Stefan Raab setzte derweil in seiner täglichen Show "TV total" (ProSieben) seinen unendlichen Kindergeburtstag fort - mit einer kreischenden Dannii Minogue aus der australischen Pop- und Luderliga und einem aufgeweckten jungen Mann namens Steve-O, der sich schwarze Unterwäsche an den nackten Arsch tackerte.

Kurz darauf schwärmte Katja Riemann, die ewig Unverstandene, bei Johannes B. Kerner (ZDF) von ihrem Engagement für das Kinderhilfswerk Unicef, und auch Vorabendserien-Schönling Ralf Bauer wollte gar nicht mehr aufhören, an das Gute im Menschen zu appellieren. Rennstallbesitzer Flavio Briatore, ebenfalls im Besitz eines tief gebräunten Antlitzes und neuer Freund des deutschen Supermodels Heidi Klum, dementierte glaubwürdig sein Playboy-Image ("Immer nur Arbeit, 15 Stunden am Tag, oh je!"), doch am Ende gab es auch hier einen moralphilosophischen Fingerzeig: Kerners letzter Gast, der erfolgreiche Triathlet Andreas Niedrig, erzählte von seiner jahrelangen Heroinsucht.

Es geht also auch anders, soll sich der Zuschauer denken und sich schon auf heute Abend freuen, wenn es um 23 Uhr zum garantiert drogenfreien Kuschelgipfel kommt: Kerner trifft Beckmann. Wieder einmal war es Harald Schmidt, der die Verhältnisse ins rechte Licht rückte: Neun von zehn Euro-Scheinen, so referierte der Meister der zynischen Vernunft eine aktuelle Meldung, wiesen Kokainspuren auf. Na also.

Ein wenig erschöpft zappe ich gegen Mitternacht ins Bayerische Fernsehen, und siehe da, endlich kehrt Ordnung ein ins abendliche Chaos: "Der Untertan" von Wolfgang Staudte (DDR 1951), die kongeniale Verfilmung des Romans von Heinrich Mann, in dem das kleine kaisertreue Arschloch Diedrich Heßling "weder Lüge noch Sittenlosigkeit" dulden will.

Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Der ganze Fernsehabend war ein einziges, pädagogisch verklausuliertes Resozialisierungsangebot an Michel Friedman, den gefallenen Sünder und bösen Buben der Nation. Er war aber auch ein programmatischer Schrei um Hilfe, der hiermit ausgesprochen sei: Lieber Michel Friedman, wo immer Sie sich aufhalten, kommen Sie zurück! Lassen Sie uns nicht allein mit Katja Riemann, Konstantin Wecker und Gerhard Delling. Auch wenn Sie's manchmal übertreiben mit der moralischen Attacke und dem harten Griff am Oberarm: Wir brauchen Sie.

P.S. Heute ist "Weltdrogentag"...

Mehr lesen über