Televisionen Mosaik der Berliner Medienrepublik

Im ARD-Dokumentarfilm "Die Meute - Macht und Ohnmacht der Medien" (Freitag 10.8., 21.40 Uhr) wirft die Fotografin Herlinde Koelbl unterhaltsame, aufschlussreiche Blicke hinter die Kulissen der Nachrichten-Produktion in der medienreichen Hauptstadt.

Von Christian Bartels


Ziemlich bedrohlich: Klobige Kameras, flauschige Mikrofone - die "Meute" ist da
WDR

Ziemlich bedrohlich: Klobige Kameras, flauschige Mikrofone - die "Meute" ist da

"Wo ist denn der Eingang?", fragt Volker Rühe die Umstehenden. Die Leute, die ihm den Weg zu dem Ministerium versperren, lachen höflich. Aber der Ex-Verteidigungsminister hat Recht: Man sieht den Eingang wirklich nicht. Nur klobige Kameras und flauschige Mikrofone, die viel Raum ein- und Sicht wegnehmen und ziemlich bedrohlich wirken. Dazu drängeln sich Dutzende Kameramänner, Fernsehreporter und Pressefotografen, die ihre Geräte hochrecken. Das ist "Die Meute", um die es geht im Dokumentarfilm, der im Juni die "Cologne Conference" mit den besten TV-Produktionen des Jahres eröffnet hat und jetzt von der ARD ausgestrahlt wird.

Man sieht die Leute aus der Meute, wie sie sich beim Warten auf prominente Politiker die Zeit vertreiben durch Dösen oder Lesen (Reclamhefte von Loriot). Man sieht, wie sie rennen, wenn jemand ruft, dass einer käme. Wie sie sich auf die Lauer legen. Wie sie sich verkleiden, mit Smoking und Fliege beim Bundespresseball. Und man sieht sie beim Filmen. Aus der Perspektive interviewter Politiker sieht die Meute ziemlich gesichtslos aus.

Herlinde Koelbl dreht die Kamera um: Aus der Sicht der Prominenten beobachtet sie Journalisten bei der Arbeit
WDR / Görgen

Herlinde Koelbl dreht die Kamera um: Aus der Sicht der Prominenten beobachtet sie Journalisten bei der Arbeit

Trotzdem ist der Film der Fotografin Herlinde Koelbl ("Spuren der Macht") kein zynischer Blick auf den Beruf der Journalisten. Die kommen selbst zu Wort. Kameramänner beklagen mit Berliner Schnauze, dass sie von "den hohen Herren wie Schmeißfliegen" behandelt werden, obwohl die hohen Herren doch von ihnen Steuerzahlern bezahlt werden. Theoretischer äußern sich die Redakteure und Chefredakteure aus Fernsehen und Presse, auf deren Geheiß die Meute unterwegs ist. Koelbl lässt unter anderem Jürgen Leinemann vom SPIEGEL, die telegene "taz"-Chefredakteurin Bascha Mika und Star-Investigator Hans Leyendecker über den Journalismus an sich reden.

Der ARD-Mann Werner Sonne ist zunächst als eine Art "Running Gag" in konzentriert-routinierter Erwartung des vorbeikommenden Bundeskanzlers zu sehen - und blitzt mit seiner einen Frage bei dem dann auch ratzfatz ab. Darauf erklärt er in ruhigem Grimm, dass er schon viele Politiker hat "kommen und auch wieder gehen sehen". Georg Gafron, als Chef diverser Berliner Lokalmedien eine Reizfigur, erklärt mit wortreicher Verve, dass ihn Kritik nicht tangiere, sofern sie nicht justiziabel sei, weil er das "substanzlose Geschreibsel" ohnehin nicht lese. Dagegen schneidet Koelbl einen weiteren Chefredakteur, der sanft erklärt, dass "nur abgebrühte Seelenkrüppel behaupten, Kritik berühre sie nicht".

Von "den hohen Herren wie Schmeißfliegen" behandelt
WDR

Von "den hohen Herren wie Schmeißfliegen" behandelt

Das ist einer der seltenen Momente, in denen unmittelbar ein Standpunkt der Regisseurin spürbar wird. Der Vertreter letzterer Meinung allerdings ist Roger de Weck (damals "Die Zeit"), und der ist inzwischen gar kein Chefredakteur mehr. So tritt auch zu Tage, dass die eloquenten Journalisten selbst in der Öffentlichkeit stehen und den gleichen Mechanismen von Erfolg und Ansehen unterliegen wie die Politiker. Woraufhin Leyendecker und Co. mit lang eingeübter Selbstreflexivität auch locker über die Eitelkeit und die Macht reden und Parallelen zwischen Journalisten und Politikern thematisieren.

Das sind kluge Sätze, ohne Zweifel. Aber das Schöne an Koelbls Film ist sein Fluss, in dem es weniger darauf ankommt, was genau gesagt wird, als wie es gesagt wird und wie es sich zu einem Mosaik der populären Medien zusammenfügt. Die Statements selbst sind auch für Nicht-Insider unterhaltsam.

Ausgeblendet, ohne den Satz abschließen zu können
WDR

Ausgeblendet, ohne den Satz abschließen zu können

Auf der visuellen Ebene betört geradezu die konsequente Umkehrung der üblichen öden Bildfolgen, die aus allen Nachrichtensendungen bekannt sind. Hier tauchen die Politiker in Bild und Ton allenfalls am Rande auf. Wenn sie zu Wort kommen, dann oft im Off und sie werden ausgeblendet, ohne ihre Sätze abschließen zu können. Was den Informationsgehalt nicht mindert. Dass das, was sie vor den Kameras der Meute sagen, im Vergleich zu deren gewaltigem Aufwand an Arbeitskraft und teurer Technik absurd ist, ergibt sich von selbst aus dem Fluss.

Darüber würde man gern mehr wissen. Was mit den sauer erkämpften Aufnahmen in der Produktionskette passiert, zum Beispiel. Wie die Ausbeute eines Kameramann-Arbeitstages auf 1:30 Minuten heruntergekürzt oder ganz aus der Sendung gekippt wird. Insofern schreit dieser Dokumentarfilm nach einer Fortsetzung. "Die Beute der Meute" vielleicht.

"Manche Journalisten denken ja auch, dass sie Macht haben", sagt Koelbl einmal zu Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye. "Das ist so", entgegnet er. "Das denken sie."

Freitag 10.8. ARD 21.40 Uhr: "Die Meute - Macht und Ohnmacht der Medien"



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