Televisionen Reinkarnation im Müllcontainer

Das ZDF zeigt eine traurige Heldin, die vieles falsch macht, RTL präsentiert Ralf Moeller, den "Conan" von Recklinghausen. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilm-Vorschau.

Von Christian Bartels


"Jenny Berlin": Manchmal tanzt sie auch allein
ZDF

"Jenny Berlin": Manchmal tanzt sie auch allein

Jenny Berlin - ein Name wie eine üppig gebaute, leicht bekleidete, virtuelle Moderatorin, die in den Clubs von Mitte Trends aufspürt. Tatsächlich trägt aber bloß die schmächtige, unglamouröse neue Samstagskrimi-Heldin des ZDF diesen Namen. Und obwohl sie die Serie "T.E.A.M. Berlin" ablöst, heißt sie nur so - denn Jenny wohnt in Hamburg, einem nicht gerade unterrepräsentiertem Schauplatz der Fernsehunterhaltung, an dem TV-Ermittler aber weniger großspurig auftreten als ihre Kollegen aus der Weltstadt.

Als studierte Juristin, die aus Idealismus ("Ich will die Vase auffangen, bevor sie zerbricht") in den Polizeidienst geht, ruft Jenny bei den mürrischen Kollegen wenig Begeisterung hervor. Ebenso wenig Begeisterung lösen auch die hippen Filmmotive aus, mit denen es die erste Folge "Jenny Berlin - Tod am Meer" (ZDF Sa. 28.10., 20.15 Uhr) hat: Da rennt ein Jugendlicher Sascha ungestüm herum, wie seit Lola alle jugendlichen deutschen Filmhelden rennen. Seine Freundin will ans Meer, weil es seit "Knockin' on Heaven's Door" als poetisch gilt, wenn Großstadtjugendliche noch nie das Meer gesehen haben.

Szene aus "Jenny Berlin": Hässliche Seiten der Großstadt
ZDF

Szene aus "Jenny Berlin": Hässliche Seiten der Großstadt

Dennoch verfügt der Film (Regie: Johannes Fabrick) über eine starke Methapher, denn die fallende Vase ist ein Mensch. Den rennenden Jungen halten Widersacher an den Füßen von einem Hochhausdach herab. Jenny rettet ihn, aber nur, um ihn zu verhaften. Die Gangster lässt sie laufen, und den Jungen setzt sie zur Resozialierung wieder auf freien Fuß. Das nutzt dieser, um den Aggressor abzustechen. Kurz: Jenny Berlin macht eine Menge Fehler und hat am dritten Arbeitstag bereits zwei Tote auf dem Gewissen.

Entsprechend traurig ist sie und abends weint oder tanzt sie allein vor sich hin. Weil Aglaia Szyszkowitz das sehr schön zu spielen versteht, und weil die Regie auch die hässlichen Seiten der Großstadt zeigt und die Kamera draufhält, wenn am Wegesrand mal ein Verkehrstoter liegt, der nichts mit dem Plot, aber etwas mit urbanem Realismus zu tun hat, ist das ein viel versprechender Entwurf für eine Anti-Heldin.

Aus anderem Holz ist der kraftvoll die Zähne bleckende "Superbulle" geschnitzt: RTL hat Ralf Moeller heimgeholt - Mr. Universum 1986 und Serien-"Conan" aus Hollywood. In "Der Superbulle und die Halbstarken" (RTL So. 29.10., 20.15 Uhr) soll Moeller als Kölner Interpol-Beamter Mark Kerner eine nachnamenlose russische Schriftstellerin Maruschka vor Anschlägen zu beschützen. Im Eifer eines Feuergefechts stopft er die füllige Trude-Herr-Reinkarnation in einen Müllcontainer und zerdeppert mit diesem die Glasfront des Hotels, in dem die Weltpresse wartet.

Ralf Moeller in "Der Superbulle und die Halbstarken": Kraftvoll bleckende Zähne
RTL

Ralf Moeller in "Der Superbulle und die Halbstarken": Kraftvoll bleckende Zähne

Darauf wird Kerner zu einem Sozialamt-Projekt mit schwer erziehbaren deutschen Jugendlichen in die portugiesische Einöde strafversetzt. Diese Ödnis ist zufällig auch die nächste Station auf Maruschkas Europa-Lesereise, was einem deutschen Mörder (dessen eineiigen Zwilling Kerner in Köln kalt gemacht hat) Gelegenheit zu einem neuem Anschlag gibt. Der will eine Rakete auf Maruschkas Hotel abfeuern. Doch da ist Kerner zur Stelle, der einfach seinen Hubschrauber auf des Mörders Motoryacht stürzen lässt. Am Ende kriegt er einen portugiesischen Orden verliehen, woraufhin die Augen seines Söhnchens strahlen, das Kerner fortan nicht mehr allein zu erziehen braucht, sondern mit der anfangs getroffenen Sozialarbeiterin, die ihr Haar jetzt offen trägt und gar nicht mehr wie eine Sozialarbeiterin aussieht.

Man spürt also: Das Feilen am Drehbuch zählt nicht zur Kernkompetenz der Produzenten. Mit mehr Raffinesse lässt die Actionschmiede des Ex-Stuntmans Hermann Joha Autos auf pittoreske Art explodieren. Und auch auf die Musik verwendet man viel Mühe. Das Verhältnis von musik-untermalten Szenen zu musikfreien liegt schätzungsweise bei 9 zu 1, also ungefähr wie im Softporno.

Immer wieder jaulen unglaubliche Schweinerockgitarren auf, nehmen das Tempo heraus und versetzen den Film (Regie: Sigi Rothemund) in eine Art Trancezustand, in dem dann auch Moeller schauspielerisch gar kein so schlechtes Bild abgibt. Dem Hünen gelingt im Zusammenspiel mit vier Teenies, die beim gemeinsamen Prügeln und Geprügeltwerden resozialisiert werden, sogar der eine oder andere Gag.

Außerdem neu:

So. 29.10., 20.15 Uhr ARD "Tatort: Einmal täglich" (Regie: Peter Fratzscher) Mord in den Kulissen einer Daily Soap, Musikantenstadel-Moderator Karl Moik spielt den Gerichtsmediziner.

Mo. 30.10., 20.15 Uhr ZDF "Mein Bruder, der Idiot" (Regie: Kai Wessel) Die Komödie über einen Jungen mit Down-Syndrom lief bereits auf Arte.

Di. 31.10., 20.15 Uhr Sat.1 "Das Teufelsweib" (Regie: Carl-Friedrich Koschnick) Lea (Iris Berben) will an die Lebensversicherungsprämie ihres Mannes.

Fr, 3.11. 20.15 Uhr ARD "Wo ist mein Sohn?" (Regie: Lucio Gaudino) Robert Atzorn auf Kuba.

Fr, 3.11. 20.45 Uhr Arte "Rote Glut" (Regie: Mark Schlichter) Konkurrenz unter zwei Brüdern vor dem Hintergrund der sterbenden Stahlindustrie an der Ruhr.



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