Televisionen Robert Atzorns dramatischer Blick

Auf Arte schlägt das Vergangenheitsbewältigungs-Drama "Jenseits der Liebe" Brücken zwischen Nazi-Zeit und Gegenwart. Der neue Berliner "Tatort" begnügt sich derweil damit, Zeitvertreib in netter Form zu sein. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

Von Christian Bartels


"Jenseits der Liebe": Jan (Robert Atzorn,l.) trifft Helen Dubbs (Martina Gedeck). Ihre Vergangenheiten sind miteinander verknüpft.
SWR

"Jenseits der Liebe": Jan (Robert Atzorn,l.) trifft Helen Dubbs (Martina Gedeck). Ihre Vergangenheiten sind miteinander verknüpft.

Dunkel ist es, leise bis still, und traurig: Ein Mann löst den Haushalt seiner Schwester auf, die sich das Leben genommen hat. Dann kommt eine E-Mail aus der Vergangenheit. Sie enthält schwarzweiße Bewegtbilder aus dem Zweiten Weltkrieg, auf denen deutsche Soldaten einen deutschen Soldaten erschießen.

Der düstere Einstieg zieht einen hinein in eine ziemlich komplizierte Geschichte mit einem ziemlich unhippen Thema: der früher so genannten Vergangenheitsbewältigung. Den Hang der Handlung (Buch: Hannah Hollinger, nach Bernd Sülzers Roman "Vaterflucht") zur Überfrachtetheit unterläuft dabei das stilistische Prinzip (Regie: Matti Geschonneck) betonter Ruhe. Unterkühlt ist die Story dennoch nicht, schon weil Martina Gedeck mitspielt, die mit jedem Blick Emotion zu produzieren versteht. Das Ergebnis "Jenseits der Liebe" (Fr. 13.7. Arte 20.45 Uhr) ist ungewöhnlich und trotz des pseudopoetischen Titels sehenswert.

Den Protagonisten spielt Robert Atzorn, der seinen Charakterkopf in den letzten Jahrzehnten exklusiv für viel seichtere Zwecke hingehalten hat: Pfarrerserien und Italo-Melodramen. Hier wie dort guckt er zumeist mit distinguiert-dramatischem Ernst - aber es funktioniert. Atzorn ist der Germanistikprofessor Jan Altenberg, dessen Vater sich einst geweigert hatte, an "Geisel"-Erschießungen mitzuwirken und daraufhin selbst - von seinen "Kameraden" - erschossen wurde.

Schatten der Vergangenheit: Jan (R.Atzorn, r.) begegnet Voigtländer (Ulrich Matschoss).
SWR

Schatten der Vergangenheit: Jan (R.Atzorn, r.) begegnet Voigtländer (Ulrich Matschoss).

Dieses nie aufgeklärte Kriegsverbrechen lastet schwer auf Jan. Mit Hilfe eines mysteriösen alten Mannes erfährt er, dass der damals für den Tod des Vaters Verantwortliche Voigtländer heißt und als britischer Kriegsgefangener im Haushalt einer Sarah Dubbs beschäftigt war, wo sich seine Spur 1946 verloren hat. Die alte Dame trifft Jan nicht mehr an, sie ist gerade verstorben. Ihre Tochter Helen (Gedeck) weiß so gut wie nichts über den deutschen Kriegsgefangenen, über ihren eigenen Vater allerdings auch nicht. Was natürlich kein Zufall ist, sondern der Handlung später noch eine Wendung hinzufügt.

Es geht also um viel: Um niemals aufgearbeitete Vergangenheit im Privaten wie im Politischen, um mehrere Kindheitstraumata, eine Liebesgeschichte unter scheuen Erwachsenen und um eine kleine Kriminalhandlung. Ausgesprochen wird davon nur wenig. Vieles schwingt bloß in den Blicken der Protagonisten und in ihrem Schweigen mit. Statt in Worten, die angesichts des Themas schnell schwer oder didaktisch wirken würden, erzählt der Film dezent in Stimmungen und Bildern.

Wirklich heutig wirkt "Jenseits der Liebe" nicht, da die aktuellen Bezüge rar sind. Die Gegenwart blitzt immer wieder kurz auf, etwa wenn Jan seinen mysteriösen Kontaktmann auf öffentlichen Plätzen in Berlin trifft und im Hintergrund Regierungsbaustellen zu sehen sind. Beiläufig taucht so die ganz zeitliche Dimension des Films auf: Gerade jetzt laufen die Jahre, in denen jene Menschen, die die Nazizeit und den Krieg erlebt haben, gerade noch leben oder schon gestorben sind. Es ist die Zeit, in der die Generation der Täter und Opfer ausstirbt.

Konsequent endet die Kriminalgeschichte daher in der archaischen Bibliothek eines Klosters alter Mönche, in einer zeitlosen, irgendwie an "Der Name der Rose" erinnernden Bilderwelt. "Jenseits der Liebe" ist ein Balance-Kunststück, das zur richtigen Zeit eine Brücke schlägt zwischen der nur zum Teil vergangenen Vergangenheit und unserer Gegenwart.

Mediokres in netter Form

Szene aus "Tatort: Der lange Arm des Zufalls": Der Volksmund hat gesprochen...
SFB

Szene aus "Tatort: Der lange Arm des Zufalls": Der Volksmund hat gesprochen...

Im Berlin der reinen Gegenwart spielt der "Tatort: Der lange Arm des Zufalls" (So. 8.7. ARD 20.15 Uhr), ganz ohne Tiefe, aber mit allerhand Oberfläche. Der traditionellen "Tatort"-Aufgabe, die jeweiligen Schauplätze realitätsnah abzubilden, kommen die SFB-Produktionen locker nach. Sie wirken in jeder Hinsicht wie die Hauptstadt selbst: Kulisse und Charaktere sind immer irgendwie interessant, die Ideen dahinter und ihre Umsetzung eher banal, das Ergebnis ist in netter Form medioker.

Im neuen Film (Regie: Ralph Bohn, Buch: Lienhard Wawrzyn) hat der eine Kommissar anfangs Pech im Spiel, dafür aber Glück in der Liebe. Auch der Rest des Krimis um Bankraub, ein kleines Mädchen (als einzige Zeugin) und einen deutsch-amerikanischen Ehestreit schaut aus, als hätte jemand den sprichwörtlichen Volksmund gebeten, sich mal eine richtig spannende Kriminalgeschichte mit allem Drum und Dran auszudenken. Die Ermittler reflektieren darüber, dass das Zusammentreffen so vieler Zufälle kein Zufall sein kann, und der Clou ist dann natürlich, dass es doch Zufall ist.

Boxer Axel Schulz spricht als Gaststar einwandfrei zwei Sätze. Jochen Horst, der als Pelzhändler, fieser Familienvater und undurchsichtiger US-Amerikaner einen argen Unsympathen zu geben hat, sagt deutlich mehr Sätze, erinnert sich aber zum Glück nicht bei allen an den amerikanischen Akzent, den er eigentlich sprechen sollte. Und die Kommissare (zum zweiten Mal: Dominic Raacke und Boris Aljinovic) sind ein recht ulkiges Gespann. Krimi als Zeitvertreib für Gelangweilte.

Außerdem neu:

Mi 11.7. Sat.1, 20.15 Uhr: "Mein Partner auf vier Pfoten: Tod einer Diva"
(Regie: Antonio Bonifacio, Buch: ungenannt)
Kommissar, Tänzerin und Hund lösen Kriminalfall in Italien.




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