Televisionen Titanische Traumpaare

RTL erschuf ein Liebespaar auf "Titanic"-Niveau, um einen mediokren Flugzeugthriller aufzuwerten, Schimanski vergnügt sich mit Christiane Hörbiger. Bloß Kai Wiesinger und Mika Kaurismäki sind kein Traumpaar. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.

Von Christian Bartels


Titanisches Traumpaar: Simone Popp (Chr. Hörbiger) und Schimanski (G. George) mit Beziehungskitt Maya (Susanne Bormann)
ARD / WDR

Titanisches Traumpaar: Simone Popp (Chr. Hörbiger) und Schimanski (G. George) mit Beziehungskitt Maya (Susanne Bormann)

In der Weihnachtswoche wird RTL "Titanic" senden und Mordsquote machen. Sollten Leonardo DiCaprio und Kate Winslet aber zufällig das junge Liebespaar zu Gesicht bekommen, das der Sender am Sonntag (3.12., 20.15 Uhr) auf das Romantischste einführt und auf das Dramatischste auseinander reißt, würden sogar sie vor Neid erblassen.

Er heißt Philipp (Frank Stieren) und ist der Held in "Luftpiraten - 113 Passagiere in Todesangst", der beste Mann einer Hightech-Anti-Terror-Spezialeinheit, der seinen Haarschnitt vom Kasernenhof hat und seinen Beruf lebt. Seinen ernsten Blick relativiert die kindliche Stupsnase. Sie (Alexandra Maria Lara) ist Stewardess und jettet umher zwischen Berlin und Paris, der "Stadt der Liebe". Sie hat große Augen und sieht so makellos aus, dass man ihr auf den ersten Blick ansieht, wie gut sie riechen muss. Und dann heißt sie auch noch Nicolette.

Er hat die typischen Probleme der Helden. Zum einen ein kleines Trauma, das der Film eingangs 10 Minuten lang inszeniert (sein irgendwie bester Freund hat sich in Erfüllung seiner Pflicht auf die Granate eines Amokläufers geschmissen). Zum anderen darf er selbst seiner Freundin nichts von seinem geheimen Beruf erzählen. Sie hat die Probleme der Frauen: Sie ist schwanger und zwar bereit, die lieb gewonnene Fliegerei aufgeben, weiß aber nicht, wie sie am kostbaren gemeinsamen Wochenende die gute Nachricht mitteilen soll.

"Schimanski muss leiden": Hier leidet jedoch nicht Schimanski, sondern Taco (Alexander Beyer), der im Fahrstuhl eine schreckliche Entdeckung macht...
ARD

"Schimanski muss leiden": Hier leidet jedoch nicht Schimanski, sondern Taco (Alexander Beyer), der im Fahrstuhl eine schreckliche Entdeckung macht...

Beider Probleme verschränken und retardieren die Filmemacher (Regie: Joe Coppoletta, Buch: Kurt Schmeisser, Thomas Hernadi) so geschickt, dass sie die frohe Baby-Kunde erst am Ende des Wochenendes auf sein Band spricht, bevor sie wieder in die Boeing steigt, während er zu spät aus dem Bett kommt, um zu antworten. Und als sie wieder fliegt, schlägt ein irre grinsender Gangster (Herbert Fritsch als Ex-Stasi-Mann in Ekstase) zu, entführt das Flugzeug und will geiselkillend Diamanten erpressen. Klar, dass kein Auge trocken bleibt, wenn Nicolette im sich enttarnenden Hightech-Anti-Terror-Spezialisten den Vater ihres Kindes erkennt...

Womit aber die Geschichte ihr emotionales Potenzial leider noch längst nicht ausgeschöpft zu haben glaubt. Wer rechtzeitig aufpasst, wie Anja Freese als Philipps stupsnasige Kollegin aber so was von eiskalt guckt, kann ahnen, wohin die dramatische Reise geht. Immerhin kriegt der amerikanische Regisseur die Actionszenen schön dynamisch hin. Und dafür, dass die digital generierten Superjets wie aus Computerspielen ausgestanzte Kreuzungen aus Ufos und Dinos aussehen, kann er vermutlich nichts.

"Schimanski muss leiden": Auch hier leidet nicht Schimanski...
ARD

"Schimanski muss leiden": Auch hier leidet nicht Schimanski...

Zeitgleich präsentiert die ARD ein Pärchen, das als Großeltern von Philipp und Nicolette durchgehen könnte. In "Schimanski muss leiden" (3.12., 20.15 Uhr, ARD) kommt Götz George vorübergehend mit Christiane Hörbiger zusammen, der die Filmschaffenden nicht ohne Hintersinn den Namen Simone Popp gegeben haben. Regisseur Matthias Glasner (gerade mit "Fandango" im Kino) und Autor Michael Klaus interpretieren ihren Schimanski als überdrehte Actiongroteske, in der Polizisten und Idealisten, Türken und Kurden ungelenk umherrennen oder quietschenden Reifens rasen, ob nun durch psychiatrische Anstalten und Einkaufszentren oder über Autobahnen. Der Slapstick kommt dabei ebenso zu seinem Recht wie bittere Untertöne, eingebettet in eine grandiose Geburtstagsgeschichte. Selbst die Referenz an "Casablanca", die Fernsehfilmern immer wieder in den Sinn kommt, wenn es am Flughafen Abschied nehmen heißt, erledigt dieser Schimanski sehr charmant.

Zumal im Vergleich mit einem deutsch-finnischen Roadmovie, das das globalisierte Filmgeschäft von seiner traurigeren Seite zeigt. Jack Bogart heißt Kai Wiesinger in "Sehnsucht nach Jack" (Do. 7.12., 23.00 Uhr, ARD). Das Mädel (Marie Zielcke), das sich auf einem Autofriedhof bei Hamburg an ihn hängt, um ihrem adeligen Bräutigam zu entfliehen, nennt er "Kleines". Ihre neureiche Mutter nennt ihn "Herr Jack". Der Killer (Jochen Nickel) hört auf den Namen "Popo" - worin der lustigste Gag besteht. (Schade eigentlich, dass er nicht Popo Popp heißt, das wäre ein Brüller). Jedenfalls wähnt die Mutter ihre Tochter entführt und Popo setzt sich auf Jacks Fersen, um sie wirklich zu entführen.

"Sehnsucht nach Jack": Jack Bogart (K. Wiesinger) bangt um Elisabeth (M. Zielcke)
ARD / NDR

"Sehnsucht nach Jack": Jack Bogart (K. Wiesinger) bangt um Elisabeth (M. Zielcke)

Ein Missverständnis kommt zum anderen, und allmählich verlagert sich das lustig gemeinte Trauerspiel nach Finnland, wo Regisseur Mika Kaurismäki - der schon in Nord- und Südamerika und in Berlin gedreht hat - zwar zu Hause ist, aber auch nichts los ist. Wahrscheinlich saß Kaurismäki ohne Geld für die Heimreise in Hamburg fest und hat schnell ein Skript (Autor: Paul Charles Bailly) gesucht, das besser nirgends spielen sollte, aber überall spielen könnte und ihn nach Helsinki führt. So haben die Bilder die visuelle Tiefe eines Kinofilms, die Dialoge aber eine Flachheit, der sich auch früheste deutsche Beziehungskomödien schämen würden.

Außerdem neu:

Mo. 4.12., 20.15 Uhr, ZDF: "Scheidung auf Rädern"
(Regie: Christine Kabisch; Buch: Pamela Katz) Ute (Barbara Auer) hat eine clevere Geschäftsidee: Sie gründet ein Umzugsunternehmen für Frauen, die ihre Gatten verlassen wollen. Lief bereits auf Arte.

Di. 5.12., 20.15 Uhr, Sat 1: "Das Tattoo - Tödliche Zeichen"
(Regie: Curt Faudon, Buch: Benedikt Röskau, Faudon) Tobias Moretti taucht in Wiens berühmter Kanalisation und stößt auf eine mumifizierte Leiche mit zahlreichen Tattoos.

Mi. 6.12., 20.15 Uhr, ARD: "Liebe und andere Lügen"
(Regie: Konrad Sabrautzky, Buch: Thomas Kirdorf) Unfreiwilliger Kultfilm für Freiburg-Hasser (lief bereits auf Arte, siehe: Televisionen: Nepper; Schnapper, Psychokiller)

Do. 7.12., 20.15 Uhr, Pro Sieben: "Der Mörder in dir"
Ruhrpott-Krimi um einen Killer, der abgetrennte Frauenfüße sammelt. Peter Patzak ("Kottan ermittelt") beweist, dass er immer noch ein exzellenter Regisseur ist, der immer noch viel zu schlechte Drehbücher (hier: Timo Berndt) verfilmen muss.

Fr. 8.12., 22.45 Uhr, ZDF: "Paul Is Dead"
(Buch und Regie: Hendrik Handloegten) 13-jähriger Junge aus der westdeutschen Provinz entdeckt anno 1980 Indizien, dass Paul McCartney längst ermordet worden ist. Auch am 10.12. auf Arte. Mehr dazu in den nächsten "Televisionen"...

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